Von Dietmar Dath
04. Juni 2004 Ein Rest von Klangschleiern pfeift, reizend leise, dann zupft wer vorsichtig eine Gitarrensaite, das Schlagzeug schiebt sich von der Seite rein, endlich klagt die Stimme: "I couldn't tell you / Why she felt that way / She felt it every day / And I couldn't help her / I just watched her make / the same mistakes again." Diese Stimme artikuliert das gute alte adoleszente Leiden an der Welt insgesamt: "Mit einer Stillung meiner Schmerzen könnte ich gar nichts anfangen", schreibt Hubert Fichte im "Versuch über die Pubertät".
Bloß daß die Stimme, die heute dasselbe sagt, keinem weltweisen schwulen Dichter gehört, sondern einem sehr jungen weiblichen Popstar. Weibliche Popstars, man kennt sowas: In Gischt geborenes kalifornisches Surfer-Girl, herbe, vom funky Vulkan ausgespuckte Hip-Hop-Latina, bunte Techno-Vestalin, britisches Hüpfgör, Berliner Schnute, bissiges Riot-Girl. Und jetzt also diese Stimme, Avril Lavigne aus Kanada.
Alles anders, alles neu
Bevor sie dahergeschneit kam, war der coolste popmusikalische Mädchenname mit "V" drin "Vanessa". Er stand, wird die Geschichtsschreibung notieren, für eine leicht streberböse, süß altklug zarte Mademoisellehaftigkeit und war erhältlich in den Geschmacksrichtungen "französische Kellerkatze" (Vanessa Paradis) und "nachdenkliche Klavierschülerin" (Vanessa Carlton). Avril Lavigne aus dem bleichen Norden jedoch, die gleich zweimal, im Vor- und im Nachnamen, mit dem exotischen Buchstaben punkten kann, macht alles anders, alles neu.
Sie sieht mit ihren inzwischen neunzehn Jahren nämlich nicht abgeschmackt frisch, fromm oder fröhlich aus, sondern lieber wie eine von denen, die viel zu früh mit dem Rauchen angefangen haben. Der Phänotyp suggeriert, man habe es mit einer kleinen Schwester des "Guns 'N' Roses"-Sängers Axl Rose zu tun, auf vielen Fotos guckt die Lavigne absichtlich käsig aus der Wäsche, ätsch. Am Sonntag nachmittag langweilt sie sich bestimmt immer ganz gräßlich, wird sofort bockig, wenn man sie zum Spazierengehen auffordert, verschließt sich, lebt in ihrer eigenen Welt und kann die langen Haare zur Not als Vorhang vor die ausdrucksvollen Augen fallen lassen.
Perfektes mürrisches Mädchen
Darauf, daß es bei einer so sauber durchgehaltenen Rolle, dem perfekten mürrischen Mädchen, um "Kreativität" und altmodische Autorinnenanliegen geht, kann nur die hilflose Erwachsenenpresse verfallen, die sich, wie neulich der "Spiegel", dann sage und schreibe ernsthaft die undankbare Mühe macht, herauszufinden, inwiefern die Stücke der neuen Platte "Under My Skin" "gitarrenlastiger, dunkler und ernster als die ihres Debütwerks" von 2002 klingen, als wären wir bei "U 2", "Type O Negative" oder im Musikunterricht. Im Ernst: Wenn das mit der gitarrenlastigeren Dunkelheit irgend etwas erhellen oder gar wichtig sein sollte, dann ist "Sex and the City" der Titel des neuen Gesellschaftsromans von Thomas Hardy.
Denn ob nun die aktuellen Lieder, wie die armen Erwachsenen anerkennend mümmeln, "gemeinsam mit der kanadischen Songwriterin Chantal Kreviazuk" oder mit Angela Merkel geschrieben wurden, ob die Texte von der Sängerin selbst stammen, ob die Eröffnungsnummer "Take me away" die bisher frechste, weil klinisch sterilste Aneignung des amtlichen Pseudopunk-Gitarrengeräuschs Marke "Green Day" darstellt oder das herrliche Passionsgeheul "How does it feel" alles, was von Sophie B. Hawkins bis Tori Amos in den letzten fünfzehn Jahren als gesangliches Stilmittel holder Frauenwehmut entwickelt wurde, so gnadenlos abkocht, daß einem wirklich ganz anders wird dabei: Dies ist nicht das Entscheidende.
Eine Comicfigur
Schon auf dem Debüt ging es nämlich keineswegs darum, wie dreist der Hit "Sk8er Boi" beim Powerpop der kaum bekannten Konkurrentin Bif Naked geklaut war und wie unverschämt die streichersatte Schnulze "I'm with you" bei den Leuten von "Skunk Anansie". Worum es ging, haben nicht das "Phono Magazin", nicht "Spin" und nicht die "New York Times", sondern "Bravo", "Yam" und Konsorten kapiert und transportiert: um eine Comicfigur, ein Posterkind, eine Schauspielerin, bei der es zur Rolle gehört, daß sie singen kann; und das kann Avril Lavigne, wie die phänomenalen Live-Auftritte von der ersten großen eigenen Tournee bis zum MTV-Großereignis zu Ehren von "Metallica" 2003 bewiesen haben - Stimmumfang, Improvisationslust und Emphase für drei verstehen sich da von selbst.
Die Farben dieses Konzepts, so wichtig wie der Klang, sind vorerst Rot und Schwarz - man beachte Plakate, Zubehör und die Aufdrucke beider CDs, also nicht die Verpackung, sondern die Tonträger selber. Diese Farben signalisieren freilich nicht Rotfront und Anarchismus, sondern Menarche und schwüle, schwarze Teenagerdepression, Sachen, die Avril Lavigne zum Teil schon wieder hinter sich hat - bei der Neunzehnjährigen geht es immer auch um den Erfahrungskosmos der Zwölf- bis Vierzehnjährigen -, den Duft der Verwirrung, die Blume Trotz.
Soziale Platzangst und Körperterror
"Öffentlich ein junges Mädchen sein" bedeutet beim Modell Avril also nicht den muffigen Lolitadreck von Britney Spears noch die kopflose Fröhlichkeit der Coca-Cola-Werbung, sondern umarmt die beiden jugendlichen Grundtatsachen "soziale Platzangst" und "Körperterror": "I am small and the world is big" singt das Posterkind, die Knochen werden länger, der Wolfsmond bringt die Regel, die Stimme verändert sich, man steht unter Östrogenschock, "I've had my wake up".
Daß das Intimste und das Gesellschaftliche bei diesem unvermeidlichen biographischen Verkehrsunfall so eindrucksvoll ineinanderkrachen, macht ihn zum idealen Popkunst-Thema und klugen Konzeptaufhänger, an dem dann auch die Älteren im Publikum ihre helle Freude haben können: Pädosophie statt Pädophilie.
Der Stumpfsinn der Männer
Vom Thema teenage abgesehen aber gilt in Sachen Konzept die Generationenfolge: David Bowie darf, Prince kann und Dieter Bohlen sollte nicht mehr - Figurenkunst und Image-Kram lancieren nämlich. Die sind nach zig Jahrzehnten, in denen sie aus den Händen der Künstler in die der Manager fielen, wohl nur noch auf der weiblichen Seite imstande zu ergreifen und zu verblüffen, von Björk bis Madonna, Missy bis Avril Lavigne. Denn bei Männern impliziert das beharrliche Weitermachen und Vor-sich-hin-Mutieren allmählich nichts Wunderbares, keinen Austausch zwischen angeblich fixen Bio-Gegebenheiten und flüssigen Marktzuständen mehr, sondern nur noch den Stumpfsinn gepanzerten Durchhaltens - gebt ihm noch etwas Zeit, dann ist auch der sympathische Robbie Williams leider bloß wieder Phil Collins. Laßt ab vom Bösen, verjüngt euch nicht länger, Jungs.
Vor diesem Hintergrund wäre eine Synthese aus der anziehenden Sprödigkeit des alten Typs "Vanessa" und der wilden Wehmut des neuen Typs "Avril" zu wünschen, die vielleicht, damit das zackige "V" erhalten bleibt und sogar noch deutlicher ausgestellt wird, "Valerie Van Vleuve" heißen und aus den Niederlanden kommen könnte, ein Wunder, niemals neckisch, immer kühn, noch durchgeplanter, noch pathetischer, noch klüger, mädchenmächtiger.
Denn wo, wie jüngst unter großem Hallo der Schnarchkundschaft geschehen, gräßliche Geschmäckler, Pappnasen und Poseure wie der abscheuliche Morrissey wieder aus ihren Gräbern kriechen, wird es höchste Zeit für mehr kulturindustrielles Gegenwartstheater, schmollende Stars und den heiligen, platzenden knallrosa Kaugummi des großen pubertären Grolls auf alles, was es gibt oder je schon gegeben hat.
Avril Lavigne, Under My Skin, Arista 660345 (BMG)
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2004, Nr. 129 / Seite 40
Bildmaterial: AP
