Von Eric Pfeil
15. Juli 2008 Es hat etwas Bizarres: Das Konzert von Paul Simon am Montagabend in Köln findet gleich neben den Messehallen statt, wo die Jugendmode-Ausstellung JAM gerade dem Ende zugeht. So kommt es vor dem Eingang zum Aufeinandertreffen zweier Welten: Die gelblivrierten Ordner haben alle Hände voll zu tun, die zahlreichen Konzertbesucher durch die mit jugendlichen Klamotten beladenen Messegänger zu lotsen.
Es ist festzuhalten, dass Jugendmessen-Aussteller keinesfalls junge, dafür aber oft angestrengt junggekleidete Menschen zu sein scheinen. Darunter viele berufsjugendliche graumelierte Herren, oft in bunten Hosen, angestrengt frisiert und in T-Shirts mit dem Fantasy-Bereich entlehnten Aufdrucken gepresst. Das sympathisch moderesistente Paul-Simon-Publikum scheint mit dem eigenen Alter dagegen weitaus besser versöhnt, zeigt aber keine Überheblichkeit.
Vielleicht ist es dem Lakoniker selbst ganz recht
Simon ist zweifaches Mitglied der Rock ’n’ Roll Hall Of Fame und wurde vom Time Magazine“ zu einem der hundert Menschen, die unser Jahrhundert bestimmten“, gewählt. Dennoch vergisst man den kleinen Sechsundsechzigjährigen leicht, wenn es daran geht, die ganz Großen aufzuzählen; sein Legendenstatus hält sich in Grenzen, auch wenn er immer wieder von jungen Bands – zuletzt von den Indie-Lieblingen Vampire Weekend – als großer Einfluss genannt wird. Gründe hierfür sind sicher seine Erscheinung, der alles schillernd Rockstarhafte fehlt, vor allem jedoch die Tatsache, dass sich bei ihm viel Talent, gutes Handwerk und, ja, Genie in Gediegenheit und Unauffälligkeit verflüchtigten.
Man hat fast das Gefühl, es könnte dem Lakoniker Paul Simon selbst ganz recht sein, immer ein bisschen vergessen zu werden. So stark vergessen zu werden wie heute Abend, das hat er jedoch keinesfalls verdient: Simons Konzert musste mangels Nachfrage vom großen Open-Air-Gelände ins Innere des Tanzbrunnens verlegt werden. Schon um halb acht betritt der Musiker mit seiner siebenköpfigen Band die Bühne. Er sieht mit Hütchen und über der Hose hängendem Freizeithemd wie ein New Yorker Tabakwarenhändler aus, der die meiste Zeit des Tages im Central Park, auf einer Bank sitzend, mußevollen Gedanken nachhängt – jedenfalls wirkt er wie jemand, der es sich leisten kann, Musik nur noch nebenbei und aus wirklichem Vergnügen zu machen.
Wieder steht man vor diesem Werk wie vor einer gotischen Kathedrale
Gumboots“ ist der Eröffnungssong, und prompt breitet sich die ganze Welt des Paul Simon aus: Es ist die des einfachen, ironisch-lakonischen Liedes, dargeboten in gediegener Experimentalität. Gleich als Nächstes reitet auf einem wogenden Akkordeon The Boy In The Bubble“, eins seiner vielen exemplarischen Stücke, ein: These are the days of miracles and wonders“, singt Simon darin mit jungenhafter Stimme und bewegt sich denkbar unpeinlich zur afrikanisch durchwehten Rhythmik. Es ist gerade diese Großäugigkeit, sein Staunen, die Simons Verse von denen anderer Singer/Songwriter unterscheiden. Dies, der Humor und sein naiver Forscherdrang haben ihn immer so viel angenehmer im Gedächtnis bleiben lassen als zahlreiche andere Vertreter des Erwachsenen-Pop. Manchmal klingt es heute Abend, als würden Woody Allen, Bill Murray oder Larry David ihre neurotische Melancholie jeweils nicht vor oder hinter Kameras, sondern in leichtfüßigem Afro-Pop ausleben.
Simon spielt fast jeden seiner Hits – Mrs. Robinson“, You Can Call Me Al“, Still Crazy After All These Years“ –, ohne je den Verdacht auf Verramschung zu wecken. Dazu spielt seine Band auch viel zu gut, dazu hat die Musik viel zu viel Schmiss, dazu macht ihm alles sichtlich viel zu viel Spaß. Natürlich spielt Simon irgendwann auch allein auf der Akustik-Gitarre The Sound Of Silence“. Man hat den Song sicher tausendmal gehört, und trotzdem steht man vor diesem Werk wieder wie vor einer gotischen Kathedrale. Es ist ein wenig bedauerlich, dass etliche Anwesende diese Meditation über die Stille dazu nutzen, in experimenteller Tonlage diffus die Melodie durch den Bart mitzubrummen. Paul Simon guckt dazu nur gewohnt lakonisch. Es sind schon schlimmere Verbrechen an der Stille begangen worden.
Die nächsten Konzerte im deutschsprachigen Raum:
Donnerstag, 17. Juli: Stuttgart Jazz Festival
Mittwoch, 23. Juli: Schloss Esterhazy, Eisenstadt, A
Freitag, 25. Juli: Zitadelle, Mainz
Samstag, 26. Juli: Stimmen Festival, Lorrach
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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