Pixies

Die Jugend ist alles andere als vertan

Von Tobias Rüther

01. Juli 2004 Die schönen Mädchen von 1991 waren plötzlich wieder da. Und die schmalen Jungs in den Kapuzenjacken, die Ungeküßten mit den Adornobrillen und die kurzgewachsenen Mr.-Chekov-Verschnitte. Da waren auch wieder die T-Shirts mit den ironischen Aufdrucken, den Pettibone-Zeichnungen und halbvergessenen Bandnamen darauf.

Das Personal sämtlicher Untergrund-Clubs der alten Bundesrepublik, so schien es, war vollständig angetreten, es kam aus dem Logo, dem Forum, dem Modernen, der Turbine und dem E-Werk. Nur war es mittlerweile fast fünfzehn Jahre später, einige hatten ihre Kinder mitgebracht, der bedeckte Himmel riß freundlicherweise über der Berliner Wuhlheide etwas auf, und die Freilichtbühne betrat ein kugelrundes Ungetüm, das subversive Superhirn der amerikanischen Popmusik zwischen 1987 und 1991, der beach boy des Feedback: Black Francis.

Erlesene Vorbands

Die "Pixies" sind zurück. Was das für ein Ereignis ist, zeigten schon die erlesenen Vorgruppen beim einzigen Soloauftritt der wiedervereinten Band in Deutschland: Die schottischen "Franz Ferdinand", der letzte Schrei dieses Frühlings, spielten ihren Kunstschulrock als erste auf, zu einer Uhrzeit, als die meisten Gäste, die später dann die "Pixies" so überglücklich begrüßten, wohl noch in ihren Großraumbüros oder im Dienstwagen (oder bei der Umschulung) saßen.

Ihnen folgten "Ash" aus Nordirland. "Ash" verhalten sich zu "Franz Ferdinand" in etwa so wie Michael Owen zu Wayne Rooney im Sturm der englischen Fußballnationalmannschaft: der jugendliche Held von der vorvorvorvergangenen Saison gegen den von heute. "Ashs" Sänger Tim Wheeler hielt anfangs seine "Flying V"-Gitarre wie eine Monstranz über sich, nur daß er sie in Brand gesteckt hatte. Sie loderte wie eine Fackel. Was eine durchaus subtile Reverenz an die "Pixies" und deren Kopf Black Francis war, in dessen Liedtexten schon immer religiöse Bußphantasien genauso herumspukten wie offene Blasphemie. Die verquer-süßen Melodien seiner Band und der schneidende Lärm klingen ohnehin bis heute so, als spielte ein Wunderkind mit Streichhölzern.

Hymnen einer Generation

"Wahnsinn, ist der fett geworden", entfuhr es einem der schönen Mädchen von 1991, als Black Francis sich endlich zeigte, der im vergangenen Herbst noch als Frank Black mit seinen "Catholics" unterwegs gewesen war (F.A.Z. vom 10. November 2003). Er wie die drei anderen "Pixies" bewegten sich dann auch wenig an diesem Abend, sie schnallten sich ihre Instrumente um und spielten los, spielten, was das Zeug und ihr Katalog hergab: "Here Comes Your Man", "Monkey gone to Heaven", "Gigantic" - die Hymnen einer Generation, die nun lächelte, jubelte, tanzte, anstatt, wie früher, beim Independentabend mit anschließender Nachtbusheimfahrt in die Vororte, angestrengt ihre Differenz zur Schau zu stellen.

Damals, als die "Pixies" mit zwei unglaublichen Alben, "Surfer Rosa" und "Doolittle", und einem etwas schwächeren dritten namens "Bossanova" den Gitarrenpop mit der Avantgarde versöhnten, bevor das enttäuschende vierte das Ende des Projekts markierte, damals hätten all diese lässigen Menschen das Comeback eines aufgedunsenen Rockdinosauriers noch hämisch verlacht. Inzwischen aber, nachdem es alle getan haben, die einem Publikum wie diesem je etwas bedeuteten, nachdem also die "Sex Pistols", "Blondie", "Television", "Suicide", "Buzzcocks", "Velvet Underground" und natürlich die "Fehlfarben" wieder auf Tournee gingen, läßt sich auch gegen den Spaß, den einem die ungebetene Rückkehr der "Pixies" bereitet, nichts mehr anrichten.

Man ist wehrlos

Man ist sowieso wehrlos, erliegt dem Zauber der Refrains und dem Ziehen und Reißen der Strophen, läßt sich davontragen auf dem Surf dieser Musik, auf dieser gewaltigen Welle, die aus der Hölle heranrollt und erst im Himmel, unterhalb der Sterne, abzuflauen scheint.

Als die "Pixies" ihr "Where is my Mind?" anstimmen, ein Stück, zu dem einem eigentlich die Worte fehlen, weil es leichtfüßig ist und zugleich schleppend, komisch und ebenso traurig, weil es triumphiert und bodenlos wegsackt, verliert auch das Publikum kurzfristig den Verstand. Es wirft die Arme in die Luft, singt mit, es ist nicht 1991, das war vor Jahren, doch wen stört das, sie sind wieder da, für zwei Stunden zurück im Glück einer nicht vertanen Jugend, dank dieser Musik.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2004, Nr. 150 / Seite 36
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche