Von Eric Pfeil
06. Oktober 2008 Als Robert Forster zuletzt im Kölner Gloria spielte, vor gut drei Jahren mit seiner Band The Go-Betweens, da stand neben ihm noch sein Songschreiberpartner und langjähriger Freund Grant McLennan auf der Bühne. Im T-Shirt und versonnen lächelnd; gab er scheinbar den Gegenpart zu Forsters schrulliger Diva im Anzug: Im wahren Leben, das musste man später erfahren, waren die Rollen anders verteilt. McLennans Fehlen wird Forsters Konzert den gesamten Abend überschatten, wie es seine weitere Karriere überschatten wird.
Grant McLennan starb im Mai 2006 auf dem Karriere-Höhepunkt der Band achtundvierzigjährig an einem Herzinfarkt. Die Go-Betweens, diese große, reife Herbst-Band des Indie-Pop, zerbrach und somit auch der Traum einer Band, mit der viele Indie-Empfindlinge gerne älter geworden wären und die in ihren späten Jahren einige ihrer schönsten Alben herausbrachte. Nichts, so schien es, hätte McLennan und Forster mehr auseinander bringen können. Mit seinem in diesem Jahr erschienenen Solo-Album The Evangelist“ ist Forster das Thema des Abschieds, das in die Untiefen der Stücke dieser literarischsten aller Popbands doch schon immer eingesickert war, offensiv angegangen: Viele Songs gedenken des Freundes. Dass dies so brillant gelingt, liegt daran, dass Forster schon immer ein Meister der unsentimentalen Erinnerung war.
Hemd und Herz bleiben zugeknöpft
Ein bisschen wirkt der einstige Dandy heute wie ein Englisch-Professor, der von seinen Studenten immer wieder gebeten wird, doch noch mal aus seinem großen Roman vorzulesen und der Aufforderung gütigerweise nachkommt. Im schwarzen Anzug und mit korrekt sitzender Krawatte betritt der Eindundfünfzigjährige die Bühne, zieht mit gespielter Blasiertheit die Augenbrauen hoch und guckt irritiert ins Rund. Dann zuppelt er erst einmal an seinem Equipment herum, was bei ihm aussieht, als würde Karl Lagerfeld entnervt letzte Korrekturen am Rocksaum eines Models vornehmen.
Die ersten Songs spielt er noch alleine. Obwohl er eine akustische Gitarre umhängen hat, erinnert er keine Sekunde an all die bekenntnisfreudigen Singer/Songwriter, denen der Drang nach jovialer Kumpelei und Leidensäußerung nur so aus dem weit geöffneten Hemd qualmt. Schon jetzt wird deutlich, dass dieser große Liedschreiber alle Theatralik in seine Bühnenpräsenz und eben nicht in seine Songs legt. Forster singt mit kleinem, spitzem Mund, immer knapp entlang am eigentlichen Ton, aber wunderbar überakzentuiert und virtuos in der Phrasierung.
Melancholische Stimmungsbilder
Das passt zu diesen Stücken. Seine Lieder sind oft detaillierte Abbildungen von Situationen, Schnappschüsse scheinbar beiläufiger Momente, die aus der Perspektive der Erinnerung den Charakter des Exemplarischen annehmen: Personennamen, Speisen, Kleidungsstücke, Automarken und obskure Orte werden genannt und verdichten sich in diesen Liedern zu melancholischen, aber nie larmoyanten Stimmungsbildern. Dazu ist Forsters Gestus zu trocken, dazu ist er auch zu selbstironisch.
Nach und nach betritt nun Forsters dreiköpfige Band die Bühne. Mit dem schwermütig schunkelnden Demon Days“, das einige der letzten von McLennan geschriebenen Zeilen enthält, wird zum ersten Mal des Freundes gedacht – der Applaus am Ende gilt auch ihm. Kurz darauf folgt Too Much of One Thing“, einer der wenigen Go-Betweens-Songs. I could carve you from memory“, singt der Mann mit dem silbern gewordenen Oscar Wilde-Scheitel und beschreibt damit exakt das, was er beherrscht wie kein Zweiter: Er schnitzt Lieder aus der Erinnerung, spröde, aber immer orange durchleuchtete Lieder, die kein Gramm Pathos besitzen.
Stilvolles Erinnern
Erst jetzt, wo das Nachsinnen über die Vergangenheit durch McLennans Tod quasi zur öffentlichen Lebensaufgabe Forsters geworden ist, fällt auf, dass schon fast jedes seiner alten Stücke eine Momentaufnahme war. Eines der lustigsten Beispiele ist sicher German Farmhouse“, das von Forsters Jahren in der süddeutschen Provinz handelt: There was an abandoned castle with empty chairs / There was a rumour Pavarotti would sing there / To raise funds for a music school but then the whole thing vanished into thin air“.
Als Zugabe spielt Forster Dive for Your Memory“, diese Kathedrale von einem Song, und nach zwei weiteren Stücken endet ein umjubeltes Konzert. Draußen am Merchandise-Stand verkauft Forster später T-Shirts, auf denen nur McLennan“ steht. Mit Robert Forster wird man gemeinsam altern können. Und das stilvolle Erinnern können wir auch von ihm lernen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Markus Brill