Radiohead in Berlin

Die Körnerfresser kommen

Von Christina Hoffmann

09. Juli 2008 Der Himmel bezieht sich, als hätten Radiohead graue Wolken bestellt. Um kurz vor neun zischt, frickelt, häckselt und funkt es von der Bühne, als wollte das fordernde Schlagzeugspiel den Sound durch alle Aggregatzustände schicken. „How come I end up where I started?“, fragt Thom Yorke wütend, verzweifelt, anklagend. Den Beat können selbst die fließenden Gitarrenakkorde kaum beruhigen und den Sänger, dessen Markenzeichen das winselnde Lamento ist, erst recht nicht. Der Synthesizer zaubert gespenstische Sirenenmusik darüber. Spätestens mit dem bedeutungsschwanger geseufzten „Et cetera, et cetera“ verliert sich der Text ins Unkonkrete. 16.000 Menschen klatschen und johlen. Seit ihrem ersten Hit „Creep“ im Jahr 1993 haben Radiohead den Weltschmerz für sich gepachtet - und den Erfolg.

„15 Steps“ heißt der Song, der auch das jüngste Album eröffnet. Über kaum eine Platte wurde Ende vergangenen Jahres so viel gesprochen, geschrieben und gejubelt. Radiohead veröffentlichten „In Rainbows“ zunächst zum Herunterladen im Internet: Man konnte für die Lieder in madiger Qualität so viel zahlen, wie man wollte - auch gar nichts. Erst später erschien das Album in einer feschen Box zum doch recht stolzen Preis von siebenundfünfzig Euro, mit dem Bettelhut-Prinzip im weltweiten Datennetz war Schluss. Nach mehr als zehn Jahren im Musikgeschäft und oft prophezeiten, nie eingetretenen Genickbrüchen ob ihrer Verweigerung sind Radiohead populärer denn je. Zwar steht immer noch in jeder zweiten Kritik, Radiohead seien wegweisend oder irgendwie Avantgarde; dabei spielt ihre Kreuzung von elektronischen Geräuschexperimenten und Rock längst nicht mehr vorne mit, sondern wandelt weinerlich im Jammertal zwischen Stillstand und Rückschritt umher.

Das Konzert verglimmt

So verbleibt auch „Bodysnatchers“, das weder Angst vor rockigen Gitarrenriffen noch vor richtigem Krach hat, im gewohnten Radiohead-Sound. Yorke entschuldigt sich dafür, dass es so regnet: Es sei eben ein Radiohead-Konzert. Die Band spielt technisch versiert, die Lichtshow würde auch Madonna zur Ehre gereichen. Im Korsett der rigiden Dramaturgie fehlt der Platz für Unvorhergesehenes. Auch das Publikum verhält sich nach Plan: Das reduzierte, repetitive „No Surprises“, das seit dem Film „L'auberge Espagnole“ Seelentröster für Erasmus-Studenten spielt, lockt den Fans die Mobiltelefone aus den Taschen; Abertausende kleine Bildschirme leuchten in die Nacht. Yorke klagt im müden Falsett: „I get eaten by the worms / and weird fishes.“

Das bedrückende Stück eröffnet gelegentlich ozeanische Weiten, die vom präzisen Schlagzeugspiel, viel Hall und Rückkopplungen bald wieder bedeckt werden. Diese polyphone Endzeitstimmung will nicht recht zur Nachhaltigkeit passen, der sich die Band nimmermüde verpflichtet. Die T-Shirts, die hier verkauft werden, sind „ethnically correct“. Musste der basisdemokratische Bandrat darüber abstimmen? Im Zugabenblock schießen Feuerwerkskörper in den Nachthimmel, ehe mit „Street Spirit (Fade Out)“ ein gleichförmiges Konzert verglimmt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp

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