Musikmesse

Die „Popkomm“ zerfällt

Von Richard Kämmerlings

Die Medialounge ein Feldlazarett: die Popkomm in Berlin erschöpft

Die Medialounge ein Feldlazarett: die Popkomm in Berlin erschöpft

25. September 2006 In Science-fiction-Romanen ist es ein beliebtes Motiv, reale Menschen zu Fuß in virtuellen Welten herumstolpern zu lassen: „Ach, gehen wir doch einmal diesen Link entlang“; „Huch, jetzt sind wir auf einer höheren Programmebene gelandet.“

Verloren im Cyberspace - so ähnlich fühlte man sich an den Abenden der Popkomm in der sogenannten Festivalzentrale auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg: Die tagsüber auf der Messe abstrakt beschworene unüberschaubare Vielfalt digital verfügbarer Popmusik erscheint nun als reale Architektur aus fünf, sechs, sieben Konzertorten auf engstem Raum (über zwanzig in der ganzen Stadt), auf denen jeweils unbekannte Bands aus aller Herren Niemandsländern auftreten: Popkomm ist Myspace aus Backstein.

Die neue Flußlandschaft des Pop ist uferlos

Da lockt zum Beispiel eine dänische Rock-'n'-Roll-Band namens „Powersolo“, die der letzte Schrei sein soll, die leider aber viel zu weit vom restlichen Geschehen auftritt.

Also doch lieber die nahe gelegene „Finnish Rock Night“ austesten? Im Kesselhaus spielt eine angesagte Indieband aus dem Maschinenbaumekka Aachen; der Schweizer Kritikerkollege aber hat einen nationalen Geheimtip auf der gegenüberliegenden Bühne beizutragen, während es die Weltoffeneren in die brasilianische Nacht zieht. Dort stehen sechs Sängerinnen in wallenden Ethnotrachten und mit lustigem Kopfschmuck auf der Bühne und singen zu Elektrobeats und Vogelstimmen in einer undefinierbaren Sprache. Gibt es hier etwa auch eine zentralchinesische Nacht? Da hätten wir ja gleich zu den Finnen gehen können.

Es stellt sich aber heraus, daß es sich bei den Wallefrauen tatsächlich um ein brasilianisches Ensemble namens „Mawaca“ handelt, das echte Stammesgesänge vom Amazonas beatmäßig aufpoppt. Und jetzt? Den ultimativen Geheimtip ausprobieren und einer noch nicht einmal im Programm aufgeführten Band namens „Shitdisco“ ins „White trash“ folgen? Oder lieber heim, da am nächsten Tag noch die norwegische Nacht, das „Preview Scotland“ und die „Kick it like Canada“ warten? Mainstream war gestern, die neue Flußlandschaft des Pop ist uferlos.

Jedem sein eigenes kleines Publikum

Kein Buch hat die Branche in letzter Zeit so beschäftigt wie Chris Andersons „The Long Tail. Why the Future of Business Is Selling Less of More“. Darin vertritt der „Wired“-Chefredakteur die These, daß bislang ökonomisch irrelevante Nischenprodukte in der Epoche von Google, Ebay, I-Tunes und Myspace zum relevanten Faktor werden.

Bestseller, Blockbuster und Mega-Hits verlieren an Bedeutung; während das neue, unbegrenzte Angebot auf ebenso unbegrenzte Nachfrage stößt - das ist der „lange Schwanz“ der Verkaufskurve. Von den etwa eine Million Songs bei Apples I-Tunes werden 98 Prozent tatsächlich mindestens einmal von irgendwem auf der Welt auch heruntergeladen. Die Popkomm war eine eindrucksvolle Versinnbildlichung dieser These: Stars gab es kaum; dafür gut zweitausend Einzelkünstler, von denen jeder auf ein - wenn auch noch so kleines - Publikum stieß.

Von der Bedeutung des Kühlschranks

Auf dem Messegelände am Funkturm bot sich das gleiche Bild. Die in drei kleinen Hallen untergebrachten Stände waren zwar oberflächlich leicht überschaubar, ließ man sich jedoch auf das Angebot der neben den großen Plattenfirmen und MTV dominierenden Länderstände ein, stand man wieder wie der Ochs vorm Schallplattenberg.

Sich hier Einblicke in die Band- und Labellandschaften der skandinavischen, der baltischen und balkanischen Länder verschaffen zu wollen war so sinnvoll wie ein Überblick über die ebenfalls dargebotene finnische Softdrinkszene. Wie überhaupt die Kühlschränke voller Getränke schon rein optisch mindestens so wichtig wie die Musik waren.

Die gute Nachricht: Der Fachbesucher verweilt

Die Zahl der Parties in der ganzen Stadt habe während der Popkomm-Woche signifikant zugenommen, vermerkt stolz die Presseerklärung, die sich angesichts stagnierender Besucherzahlen an der steigenden „Verweildauer“ des einzelnen Fachbesuchers hochziehen muß - einem „Indiz für die Vielzahl der Gespräche“.

Vielleicht eher ein Indiz für die Stärke der Kopfschmerzen nach finnischem Softdrinkgenuß? Am dritten Messetag waren die Hallen bereits auffällig leer. Die mit großen Lümmelkissen ausgestattete Medialounge glich zu diesem Zeitpunkt eher einem Feldlazarett.

Die Zukunft: eine Art globale GEZ?

Die Krise der Musikindustrie ist so etwas wie ein Dauerschmerz im Kopf geworden, den man schon gar nicht mehr bewußt wahrnimmt. Die Umsatzzahlen des physischen Tonträgerhandels sinken im fünften Jahr in Folge, während die Onlineverkäufe zwar rasante Zuwachsraten haben, aber immer noch auf sehr geringem Niveau. Daß man selbst im Programmheft von „physikalischen“ statt von „physischen“ Tonträgern, vulgo Platten, spricht, ist vielleicht nicht nur ein einfacher Fehler: Irgendwie erscheint das Internet den Branchenvertretern als etwas Übersinnliches und Nichterklärbares.

Wie aber kriegt man die Musikhörer dazu, für etwas zu bezahlen, was sie mit wenig mehr Aufwand auch so bekommen? Auch der längste Umsatzschwanz wird irgendwann gekappt, wenn das Angebot umsonst ist - da helfen langfristig wohl nur trickreiche Abzockmodelle nach dem Modell Rundfunkgebühren, eine Art globale GEZ also, mit deren Geld dann ein weltweites Starsystem unterhalten wird, das sich auf dem freien Markt nicht mehr trägt.

Die Nische wird zur Norm

Im Moment befinden wir uns in einer Übergangsphase, in der die alten Distributionsmodelle nur deswegen noch halbwegs funktionieren, weil noch nicht alle auf dem letzten Stand der Medientechnik sind. Man muß sich nur vor Augen führen, daß sich ein Netzwerk wie Myspace innerhalb von nur zwei Jahren entwickelt und bereits unverzichtbar gemacht hat. Die Verwirklichung der Internetutopien der neunziger Jahre wurden durch den Crash der New Economy lediglich verzögert.

Die Popbranche ist nur die Avantgarde einer Umwälzung nicht nur unserer ökonomischen Grundprinzipien. Sie ist gerade das unfreiwillige Versuchskaninchen in einem schmerzhaften Großexperiment über sich rasant veränderndes Konsumverhalten. Das auf der Popkomm konstatierte „Ende der Hitkultur“ bedeutet mehr als den Abschied von Michael Jackson und Madonna und ein Hallo zu lettischem Undergroundpop und brasilianischer Dschungelmucke - es bedeutet ein Leben mit unbegrenztem Zugang zu einem unendlichen Angebot: Die Nische wird zur Norm. Ob nun das klassische Album ausstirbt oder nicht, ist dabei eine eher sekundäre Frage. Entscheidend wird sein, ob man ohne Instanzen auskommt, die das Angebot sortieren, wie es bislang der Geschmack der Masse oder Kritik taten. Ist eine Welt ohne Filter möglich? Und wäre das schon die Freiheit, die der Pop immer versprach?

Text: F.A.Z., 25.09.2006, Nr. 223 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.-Foto Thiel, REUTERS

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