Musikindustrie

Wenn Musik verwässert

Von Tobias Rüther

26. August 2007 Früher, als noch mehr fotokopiert wurde, wäre das ein schöner Titel für ein Punk-Heftchen gewesen: „It's Not the Band I Hate, It's Their Fans“. In Wirklichkeit ist es der Titel eines Blogs im Internet, und so lustig er auch klingt: Die Seite selbst ist nichts Besonderes.

Ihr Autor „Quadb“ - der also nicht die Band, sondern nur ihre Fans hasst - schreibt von Toronto aus über neue Popmusik, über Feist und Daft Punk und Interpol und einen Haufen unbekannterer Bands, die ihm gefallen und deren Lieder er auf seiner Seite als MP3 einstellt.

„Quadb“ verlinkt auch zu Plattformen wie My-Space oder Flickr, falls seine Leser mehr lesen oder sehen wollen, bittet sie aber zugleich, die Musik der Bands regulär zu kaufen. „It's Not the Band I Hate, It's Their Fans“ wäre also nur einer von Abertausenden Popmusik-Blogs - würde sein Titel nicht einer typischen Organisationsform im Internet den Boden entziehen: der Fan-Basis.

Kundschaft wird zum Geschmacksstifter

Denn es sind Fans wie „Quadb“, die seit langem schon die Verbreitung von Musik im Internet in die Hand genommen haben. Fans stellen für andere Fans MP3-Dateien ein, brennen anderen Fans CDs, empfehlen, raten ab, vermarkten.

Jahr für Jahr bricht deswegen der Umsatz der Musikindustrie ein bisschen weiter ein, auf jeden legal heruntergeladenen Tonträger kamen im Jahr 2006 vierzehn illegale. Die Plattenlabel, die eigentlich für Orientierung auf dem Musikmarkt sorgen wollen, die eine Schneise schlagen, Marken setzen, wissen so recht noch nicht, mit dieser neuen Situation umzugehen - ihre Kundschaft könnte sie nämlich am Ende arbeitslos machen: nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als Geschmacksstifter.

Wer sortiert jetzt?

Diesen Paradigmenwechsel umschreibt der bekannte Hinweis „Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch diese Artikel angesehen“ ziemlich treffend: Wer Coldplay hört, kauft auch Keane und findet am Ende die Editors toll. Er kauft also immer die gleiche Gitarrenklaviermusik in leichter Ableitung.

Die Website „Lastfm.com“ spricht von nichts weniger als einer „sozialen Revolution der Musik“: Gemeint ist in beiden Fällen, dass der Geschmack anderer Leute den Weg zur nächsten Entdeckung weist. Kein Label, keine Marke, kein Etikett sortiert mehr Musik vor, es ist eine reine Mehrheitsentscheidung, Basisdemokratie, was die Geschmacksrichtung vorgibt - und Musik verortet.

„Experiment der künstlichen Intelligenz“

Zum Beispiel auf „Music-Map.de“: Dort gibt man den Namen einer Band ein und erhält ein Geflecht weiterer Namen, die mal näher, mal weiter voneinander entfernt stehen. Bei Wir sind Helden reicht das von deren Epigonen Silbermond bis zur Chansonsängerin Carla Bruni, von den empfindsamen Supertramp bis zur übersexualisierten Bloodhound Gang.

Die Seite, so behauptet das Impressum, „ist ein Experiment der künstlichen Intelligenz und lernt selbständig, für wen was interessant sein könnte“ - indem sie ihre Besucher anfangs nach drei Lieblingsbands fragt und dann durch eine Kette ähnlicher Bands lotst, die geknüpft wurde von anderen Besuchern und deren Vorlieben.

Es werden nur ähnliche Lieder gespielt

So wird Musikgeschmack eingenordet; auf einer Karte wie „Music-Map.de“ geschieht das wortwörtlich: im Westen die Bloodhound Gang, im Osten Silbermond. Je weiter entfernt ein Name von deiner Lieblingsband steht, soll das wohl heißen, desto weniger dürfte die Musik dir gefallen.

Geschmack, eine der kompliziertesten Sachen der Welt, wird homogenisiert, abgeglichen, eingepasst in den Strom der Masse, oft entsteht dieser Mainstream erst auf diese Weise. Auch bei „Pandora.com“, der Website des „Music Genome Projects“, ist das nicht anders: Sie funktioniert wie ein Radio, das immer nur Lieder spielt, die wie andere Lieder klingen, die man auch mag - nichts anderes soll dieses langweilige Radio auch tun. Wegen Lizenzproblemen sah sich Pandora nun gezwungen, ihre Seite für die meisten Besucher außerhalb der Vereinigten Staaten zu sperren.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Im Internet sucht man offenbar immer gleich Anschluss: Es ist so unendlich groß, es gibt so unendlich viel Zeug darin, das kann eine existentielle Einsamkeit auslösen. Selbst der Kanadier „Quadb“, der seinen Blog „arrogant und prätentiös“ nennt, verlinkt ihn umgehend mit den Blogs anderer Leute: Leser, die „It's Not the Band I Hate, It's Their Fans“ angesehen haben, sehen sich auch den „Indie Surfer Blog“ an, „Radio Free Canuckistan“ oder „Hot Stof“.

Diese Mund-zu-Mund-Propaganda, die einmal um den Globus reicht, ist erstaunlich: eine Weltöffentlichkeit von enormem ökonomischem Einfluss, die schon einige Bands bekannt gemacht hat, der berühmteste Fall sind die Arctic Monkeys aus Sheffield.

Diese Weltöffentlichkeit ist allerdings keine stille Post, im Gegenteil, sie ist so laut geworden, dass Bands wie die Stars aus Kanada begonnen haben, ihre neuen Alben im Netz zu verkaufen, lange bevor sie in die Plattenläden kommen: weil irgendwo immer ein Leck ist und irgendein Journalist sein Vorabexemplar auf seinem Blog als MP3 einstellen wird.

Herzensangelegenheit der Plattenlabel

Wenn Macht in solchem Ausmaß akkumuliert wird, zahlt am Ende immer irgendjemand drauf. Das sind sicher nicht die Journalisten und Fanclub-Vorsitzenden, die inzwischen Promo-CDs mit Wasserzeichen erhalten, die man rückverfolgen kann: Nein, es sind eben die Label selbst, die Platten überhaupt unter die Leute bringen, in Dingform, mit Bildern, zum Anfassen.

Das ist niemals nur ein technischer Vorgang gewesen, eine schnöde Sache des Vertriebs: Plattenlabel sind immer auch sinnstiftend gewesen. Das war nicht elitär, sondern eine Herzensangelegenheit, Labels bauten Musiker oft über Jahre auf. Labels komprimierten Geschmack und manchmal eine ganze Weltsicht in ihrem Katalog.

Im besten Fall ist diese Weltsicht nicht einheitlich, der komprimierte Geschmack kein Geschmack des Immergleichen: Ein Jazz-Label wie Blue Note zum Beispiel vereinte gleichzeitig den Organisten Jimmy Smith, der eher vom Soul kam, und den orthodoxen Hard-Bop-Saxophonisten Dexter Gordon.

Gegenkultur - ein Mythos

Ein englisches Independent-Label wie Creation brachte die elektronischen Hippies von Primal Scream und die Gitarrenrebellen von Oasis unter ein Dach. Es ging dabei um Haltungsnoten, um einen bestimmten Stil: Wer Platten dieser Labels kaufte, der erwarb zugleich symbolisches Kapital, über das andere nicht verfügten - bei Blue Note war das eine Art Großstadtmelancholie, die auch dank unglaublich schöner Plattencover entstand, bei Creation befreiter Hedonismus. Wer das kaufte, ging nicht in der großen Gruppe Gleichgesinnter auf, die heute über LastFM oder Amazon ihren iPod und damit ihr Weltbild zusammenstellen.

Nun haben die beiden kanadischen Philosophen und Ex-Punks Joseph Heath und Andrew Potter schon vor einiger Zeit in ihrem Buch „Konsumrebellen“ erklärt, dass Gegenkultur ein Mythos ist und man nicht gegen den Markt konsumieren kann: weil nonkonformistische neue Produkte, die anders und deswegen glaubwürdig wirken, unweigerlich von der Industrie aufgesaugt werden, die sie dann massenhaft in oft viel schlechteren Kopien unter die Leute schmeißt.

Das ergeht einer neuen Band wie den Arctic Monkeys genauso wie engen schmalen Hosen oder Vollbärten. Man darf sich davon aber nicht entmutigen lassen, so wird es nämlich niemals langweilig in der Mode und der Popmusik: Im ewigen Wettlauf, schneller vorneweg zu sein, werden neue Ideen immer vom Rand her kommen. Und bevor sie der Markt in seine Mitte nimmt, vereinnahmt und tausendfach reproduziert, entsteht schon wieder ganz woanders etwas, das sich davon absetzt.

Die Marke in die neuen digitalen Formate zu retten

„Neue Impulse werden auch künftig in der Musikbranche von den Independent-Labels kommen“, sagt Tim Renner, der früher dem Plattenkonzern und Marktführer Universal in Deutschland vorstand und heute Chef des Musikunternehmens Motor ist. „Die Labels dürfen sich aber nicht darauf beschränken, nur zu produzieren, sie müssen sich als Medium begreifen und als Geschmacksmarke etablieren.“

Renners Unternehmen Motor ist zugleich ein Label, ein Radio, ein Fernsehen und eine Konzertagentur, alles im Internet, man will „subjektiv, politisch, provokant und glaubwürdig“ sein - und versucht damit nichts anderes, als die Marke, die ein unabhängiges Plattenlabel prägt, in die neuen digitalen Formate zu retten.

Das Label der Zukunft

Diese neuen Formate dürften auf absehbare Zeit die CD abschaffen. Christof Ellinghaus, Chef des Berliner Labels City Slang, rechnet damit, dass es in den nächsten fünf, sechs Jahren passiert. Was dann? „Unsere Aufgabe könnte sein, wie ein Filter zu funktionieren, Empfehlungen zu geben, natürlich internetbasierend“, sagt Ellinghaus, der dank seiner Kontakte nach Übersee von Fans und Kritik umjubelte Bands wie Arcade Fire oder die Stars unter Vertrag hat. „Aber da kommt die Zeit ins Spiel: Ich weiß nicht, ob ich diese Instanz morgen überhaupt noch bin.“

Auch Ellinghaus glaubt an eine Zukunft seines kleinen Labels, das er gerade noch weiter verkleinern musste, als rundum betreuende Agentur - nicht aber an die Zukunft des Albums: „Musik kommt jetzt via Dateien auf Miniaturfestplatten in billige Kopfhörer. Damit verabschiedet sich das Album als eigenständige Kunstform, aber offensichtlich ist das den Leuten egal. Die Klangqualität ja leider auch.“

Kollegen sagen ihm, dass es immer Bands geben werde, die sich nur um die Musik kümmern, sich nicht selbst ins Netz stellen und deshalb Labels brauchen - da ist sich Ellinghaus aber nicht sicher. Es wird aber immer Musikhörer geben, die Leute wie Ellinghaus brauchen. Irgendwie muss die Musik ja in die Welt kommen - um bei iTunes schlecht komprimiert zu werden.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z.-Kat Menschik, music-map.de

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