Von Eric Pfeil
24. Januar 2007 Es ist bitterkalt in Köln, aber drinnen im nahezu ausverkauften Palladium gibt's Liebe und das warme Gefühl einhelligen Beieinanders. Die Band Juli, die singende Abiabschlussfahrt des Deutschpop, macht am Dienstagabend halt in der Stadt, und im Prinzip löst sie mit ihrem behaglichen Poesiealbum-Rock für desorientierte Normaljugendliche und Früherwachsene ohne allzu ausgeprägte Abgrenzungstendenzen tatsächlich Pop-Versprechen ein - etwas, wogegen nichts, aber auch gar nichts zu sagen ist. Allerdings spenden Juli Behaglichkeit, Melancholie und Ansporn, die drei Grundemotionen ihrer Themenpalette, auf ziemlich flachem Niveau, dort eben, wo im hiesigen Pop der nuller Jahre die Limbostange nun mal hängt.
Ich liebe dieses Leben steht auf einem der T-Shirts, die Juli am Merchandise-Stand feilbieten. Auch dies ein Satz, gegen den man wenig haben kann, solange er in demütiger Stille und im temporären Einklang mit den Dingen gedacht wird - als Credo einer jungen Band derart ausgestellt, muss er zumindest ältere Menschen aber einigermaßen verstören. War Rock 'n' Roll, war Pop nicht auch immer Austragungsort eines gepflegten Pessimismus, eines grundsätzlichen Misstrauens den Gegebenheiten gegenüber? Eines Fremdelns mit dem Leben letztlich?
Trost, Sentimentalität und junger Anpackergeist
Es scheint tatsächlich, als könnten sich heutige junge Menschen eine derartige Einstellung nicht mehr leisten, vielleicht wollen sie das aber auch bloß nicht. Juli, inzwischen verlässliche Preisabräumer, Top-Ten-Garanten und Frühstücksradiobelieferer, tauchten etwa zeitgleich mit den Kollegen von Silbermond im Fahrwasser von Wir sind Helden auf, die sich im Direktvergleich geradezu exzentrisch und unruhestiftend ausnehmen, und bieten ihren Millionen CD-Käufern ein Weltbild, das auf Trost, Sentimentalität und jungen Anpackergeist setzt. Das Wichtigste, so scheinen Sängerin Eva Briegel und ihre vier Musiker sagen zu wollen, ist Ehrlichkeit, Authentizität, wenn man so will - etwas, was sich eine Band wie die knapp zehn Jahre älteren Tocotronic lange und mühsam wegmusizieren musste.
Pünktlich um neun betritt die Band zu akustischem Wummern und optischem Flackern die Bühne. Es ist erst ihr dritter Auftritt auf dieser Tour, der erste in einer größeren Stadt, und die vier Mitt- bis Spätzwanziger wirken nervös. Doch sofort ist Euphorie im Raum spürbar, Jungs und Mädchen, Frauen und Männer halten sich die Waage. Zu den harmlos poprockenden Klängen des Auftaktsongs Warum, einer Ode an die Zweisamkeit im Windkanal unsicherer Zeiten, umklammern sich sogleich einige Paare, viele Grundschulkinder bevölkern den für sie abgesperrten Bereich.
Die Nächte kommen - die Tage gehen
Die Band ist denkbar alltäglich gekleidet: T-Shirts, Tops und Trainingsjacken. Ihr dies als Biederkeit vorzuwerfen wäre dumm; diese Schlichtheit ebenso wie die ständige Suche nach Publikumsnähe und das Propagieren von vermeintlichen Echtheiten als Symptom allgemeiner Verwirrungsunwilligkeit zu lesen ist jedoch unausweichlich. Auch sonst geht es geregelt zu auf der Bühne: Eva Briegel steht relativ steif vor ihrem Mikrofon herum, während die Jungs sich in Posen ergehen, wie man sie von Begleitmusikern von Wetten, dass?-Combos oder Rockfestivalmitschnitten aus den neunziger Jahren kennt - Dritte-Hand-Ware, genauso wie die Musik: weitestgehend eingängiger Formatradiopop zwischen intelligentem Schlager und Bundesrockwettbewerb-Rock.
Gefällige Tonverwaltung mit teestubig vorgetragenen Poesiealbumstexten. Die Nächte kommen - die Tage gehen / es dreht und wendet sich / Hast du die Scherben nicht gesehen / auf denen du weitergehst, singt Eva Briegel in Geile Zeit, dem Schlüsselsong der Band, einem Lied, das die Pusteblumen-Melancholie einer allseits eingelullten Jugend antriggert, die sich mit Pfeifen im Walde wach und warm hält.
Eine beunruhigend langweilige Band
Wenn Juli keck und fordernd werden, klingen sie leider gar nicht mehr gut und entladen sich in karrieristischer Angstlosen-Rhetorik: Ich stehe ganz allein / Ich gehe über neu gestellte Weichen / Über Zäune / Über Leichen / Über Los, Los, Los / Ich gehe ganz allein, heißt es in Ein neuer Tag. Auch Zeilen wie Ein neuer Start / Ein neuer Plan / Ein neues Spiel / Wir fangen ganz von vorne an klingen zu dieser industriell geförderten Baukasten-Musik wie der Soundtrack zu einem Imagespot des Arbeitsamtes.
Nach gut einer Stunde endet das reguläre Konzert einer überhaupt nicht unsympathischen, aber beunruhigend langweiligen Band. Die Kinder werden von ihren Müttern langsam vom Sicherheitspodest weggeführt, ein paar besonders vernünftige Erwachsene reisen auch schon mal ab, um nicht in den Stau zu kommen. Als dritte Zugabe schwappt dann Die perfekte Welle, der Riesenhit, über die verbleibenden rund 3800 Zuschauer; ein Song über den richtigen Moment, den es zu erwischen gilt, damit all das Sehnen endlich ein Ende hat. Arme Jugend, sie muss schon ernsthaft auf den richtigen Moment, die richtige Welle hoffen, um mitschwimmen zu dürfen. Tocotronic, bitte übernehmen Sie!
Text: F.A.Z., 25.01.2007, Nr. 21 / Seite 34
Bildmaterial: F.A.Z. - Thomas Brill