Punk

Diese Pullertruden sind doch gegen alles

Von Edo Reents

15. Juni 2005 Was war eigentlich Punk? Er war, wie jeder große Schwindel, größer als das normale Leben und bedeutete als solcher auch mehr als die Musik, die mit ihm verbunden wird. Es gibt für punk mehrere Bedeutungen, deren vertrauteste ebenjene Jugendbewegung der mittleren bis späten siebziger Jahre sein dürfte, wie sie sich in England und Amerika zusammenfand und vor allem -rottete.

Es dürfte kein Zufall sein, daß einer der bekanntesten Vertreter dieser Bewegung "Johnny Rotten" genannt wurde, obwohl er in Wirklichkeit John Lydon hieß. Rottens Band, die "Sex Pistols", wurde geradezu zum Synonym für die ganze Bewegung, zu der sie im Grunde wenig beisteuerte und mit der sie selbst auch gar nicht in Verbindung gebracht werden wollte.

Immer anti

Daß dies dennoch geschah, hängt mit ihrer Musik zusammen, die der Vorstellung, die sich so richtig erst im nachhinein von Punk bildete, auf geradezu idealtypische Weise entsprach und die sich zwanglos mit den weiteren Bedeutungen von punk in ein Verhältnis setzen lassen. Punk nämlich bedeutet des weiteren: "Lusche, Niete, Pfeife, Abschaum"; "wertloses Zeug"; "Hure, Prostituierte"; "junger Homosexueller, Pupe, Pullertrude, Sackweib"; "lausig, nichtsnutzig, beschissen, hirnrissig". Mit letzterem ist die ganze Bewegung wohl am zutreffendsten zu bezeichnen, und es ist eine feine Ironie, daß die Punker, denen Ironie ansonsten fremd war, etwas anderes auch gar nicht sein wollten als: hirnrissig.

Punk war und - wenn man die Schwundstufe, wie sie etwa von den "Toten Hosen" repräsentiert wird, noch zu den lebenden Nachkommen rechnen darf - ist eigentlich immer noch eine Bewegung, die sich, trotz des Vorläufertums von Andy Warhols "Factory", durch Intellektualität oder Kunstsinn auszeichnet, sondern sich etwas auf die richtige Moral zugute hält; und die war immer anti: gegen praktisch alles.

Unverständlich

Dies alles und auf welch tönernen Füßen manches Image stand, welchen Riesenbluff das Ganze vor allem musikalisch bedeutete, ist nachzulesen in der hochinformativen, verschwenderisch bebilderten Dokumentation "Punk" von Stephen Colegrave und Chris Sullivan, die nun mit vierjähriger Verspätung auch auf deutsch erschienen ist. Daß die Herausgeber sich der Sache mit einem sittlichen Ernst widmen, der gerade auf diesem Gebiet selten geworden ist, gehört nicht zu den einzigen Vorzügen dieses für Fans und absolut Uninformierte gleichermaßen nützlichen Bandes.

Bewundernswerter ist noch die Vorarbeit, die eine herkulische gewesen sein muß: Im Grunde sind das alles nur Zitate, darunter beruhen aber viele auf Gesprächen mit einer Hundertschaft von Überlebenden, von denen die allermeisten dem breiteren Publikum unbekannt sein dürften, die aber aus ihrer Anonymität mit Witz, Desillusionismus und oft auch bloß Lakonie fast schillernd heraustreten: "Jeder hängte sich dran, aber niemand verstand es."

Randständig

So ist es meistens. Aber vielleicht ist das nicht nur mit Ersatzreligionen so (zu denen der Punk damals für viele zweifellos gehörte), sondern überhaupt mit Massenbewegungen. Deshalb sollte man sich vor Herablassung vielleicht doch lieber hüten. Das Buch tut dies auf jeden Fall und spielt seine Stärke, die in der bloßen Abbildung liegt (wenn auch natürlich in einer ausschnitthaften und insofern bereits interpretierenden), eindrucksvoll aus.

So bekommt man schon allein aufgrund der vielen Namen und Stile einen unglaublichen Überblick über die Szene, die wie jede andere auch sehr heterogen ist, und lernt Vorläufer und Verwandte kennen. Und man erfährt, was wohl doch den moralischen Kern der ganzen Sache ausmacht: "wie es war, am Rand zu leben".

Stephen Colegrave, Chris Sullivan: "Punk". Aus dem Englischen von Christiane Gsänger u.a. Collection Rolf Heyne, München, Zürich 2005. 400 S., geb., mit vielen Abbildungen, 48,- [Euro].



Buchtitel: Punk
Buchautor: Colegrave, Steven; Sullivan, Chris

Text: F.A.Z., 13.06.2005, Nr. 134 / Seite 36
Bildmaterial: AP, AP/Godlis

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche