Der Rapper Bushido

„Das muß auf der Straße ankommen“

Böse, dreckig, gemein: Bushido

Böse, dreckig, gemein: Bushido

18. September 2006 Er kommt aus Berlin und bezeichnet sich als „Deutschlands Gangsterrapper Nummer eins“. Anis Yussuf Mohammed Ferchichi alias Bushido, 28, spielt gerne mit dem Image vom „bösen Jungen“ - und begeistert gerade deshalb eine wachsende Fangemeinde von Teenagern. Auch sein neues Album „Von der Skyline zum Bordstein zurück“ verspricht, Eltern, Jugendschützer und die Hüter des politisch Korrekten zu verschrecken.

Mein zwölfjähriger Sohn und seine Freunde zitieren Sie auf dem Schulhof mit derbsten Flüchen . . .

Ich komme von der Straße, da lade ich meine Gegner eben nicht zu einer gemütlichen Diskussionsrunde ein, sondern zeige ihnen den Mittelfinger.Provokation gehört zu meinem Leben dazu. Mein Outfit, meine Tätowierungen, das Nicht-Deutsch-Aussehen in einer deutschen Schule, das hat schon immer andere Leute provoziert. Vielleicht liegt es am tunesischen Temperament, das ich von meinem Vater habe: Aber ich spüre schon immer diese Aggression in mir.

Bushido: stolzer Gewinner bei der Echo-Preisverleihung 2006

Bushido: stolzer Gewinner bei der Echo-Preisverleihung 2006

Welche Rolle spielt denn die Authentizität Ihrer Geschichten? Trotz Zeilen wie es ist crime time, Berlin is mein Heim sind Sie als Gymnasiast im bürgerlichen Tempelhof aufgewachsen.

In meinen Raps steckt wie in jeder Kunst ein guter Schuß Fiktion. Auch wenn ich letztes Jahr wegen einer Prügelei in U-Haft gelandet bin: Ich will mit den Geschichten über Gewalt und Drogen keine Handlungsanleitung geben.

Bereuen Sie es, damals gewalttätig geworden zu sein?

Nein, wer mir unrecht tut, dem tue ich auch unrecht. Bei einem Clubabend in Linz haben mir ein paar Jungs die Autoreifen meines BMWs zerstochen. Als ich einen der Messerstecher festhalten wollte und der Typ einen auf hart machte, habe ich ihm halt ein paar Schellen gegeben. Drei Tage später hat mich die Kripo verhaftet, weil ich ihn angeblich ins Krankenhaus geprügelt hätte.

Kann es sein, daß Jugendschützer Ihre Texte zu ernst nehmen?

Natürlich. Wegen den Leuten vom Jugendschutz drohen immer wieder Konzerte zu platzen. Gerade hat eine Medienmarktkette eine Autogrammstunden-Woche mit mir komplett storniert, weil sie keine Freigabe vom Ordnungsamt bekommen. Die sollten sich lieber mal unter die Kids bei meinen Konzerten mischen. Dann werden sie merken, daß es denen ganz einfach um eine Superparty geht.

Sie sehen sich also als Dienstleister für die Sex- und Gewaltphantasien der Fans?

Es steckt einfach in der Natur des Menschen, daß man Action und Adrenalin möchte. Wenn ich also bloß die Lüste meiner Fans bediene - wer will mir daraus einen Vorwurf machen? Toller, sozialkritischer Rap für ein paar Eingeweihte interessiert mich nicht. Das Ding muß auf der Straße ankommen. Meine letzten Alben sind alle Bestseller gewesen. Rap hat doch immer vom dicksten Schwanz und der dicksten Geldbörse gehandelt.

Macht es Ihnen nichts aus, das Klischee vom kriminellen Migrantenjugendlichen zu bedienen?

Ich könnte auch über die Erhöhung der Mehrwertsteuer rappen - aber würde das irgend jemanden interessieren? Die Leute wollen nun mal hören, wie ich Drogen verkaufe und Typen eins aufs Maul haue. Man darf diese Raps nicht für den ganzen Bushido nehmen: Immerhin engagiere ich mich auch gegen Gewalt an den Schulen.

Haben Sie aus vergangenen Skandalen wie dem Rap vom „Tunten vergasen“ etwas dazugelernt?

Die Zeile war ein Fehler. Das habe ich selbst eingesehen. Ich habe damals eine Anzeige wegen Volksverhetzung bekommen - und sie aus dem fertigen Album gelöscht.

Geraten Sie immer noch in Konflikt mit der Zensur?

Ja, auf meinem neuen Album mußte ich den Track Nummer elf rausnehmen: „September“. Der Song war schon im Preßwerk, da kamen die verhinderten Terroranschläge von London dazwischen. Danach hat die Plattenfirma kalte Füße bekommen. Weil ich über die Jagd auf Bin Ladin rappe. Und wegen der Zeile „ich bin King Bushido, zweiter Name Mohammed“. Dumm, daß einer der Typen, die in die Towers geflogen sind, auch Mohammed heißt - jetzt denken natürlich alle, der Song wäre eine Sympathiekundgebung für Bin Ladin. Was mich nervt: Daß jedes Mal, wenn eine Bombe explodiert, wir arabischen Immigranten unter Generalverdacht stehen.

Ihre Texte werden oft als „frauenfeindlich“ kritisiert . . .

Würdest du mir denn absprechen, daß ich Respekt vor deiner Frau hätte?

Keine Ahnung, aber viele Jugendliche lernen von Ihnen, eine Frau wahlweise als „Engel“ oder „Nutte“ zu bezeichnen.

Meine Texte gehören zu einer gewissen Lebensphase, okay. Bestimmt habe ich ein Dutzend verschiedene Frauentypen im Kopf. Aber nicht alles eignet sich für einen Rap. Außerdem werde ich älter und möchte das nicht ewig so weitermachen. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn ich mit 35 nicht mehr rappen müßte.

Und dann?

Mache ich ein Geschäft auf und schenke meine Aufmerksamkeit meiner zukünftigen Familie. So sehr ich die Musik liebe: Ich sehe Hip-Hop nur als Übergangsphase zum nächsten Abschnitt meines Lebens. Im Moment kann ich mit meiner Musik eine Menge Geld machen - und je mehr Geld du hast, um so leichter fällt es dir, frei zu sein.

Wie verbringen Sie so einen Tag?

Mit Computerspielen.

Und die Mutter besuchen?

Wir sind ja eh Nachbarn. Meine Mutter hat meinen Schlüssel und wäscht meine Wäsche und macht mein Bett und das alles.

Weil Sie nicht in der Lage sind, den Haushalt selbst zu führen?

Ich weiß jedenfalls nicht, wie man eine Waschmaschine bedient. Im Moment kocht meine Mutter auch für mich, was natürlich sehr lecker ist. Aber ich kann auch selber ein paar Rezepte.

Wenn Sie Kummer haben, gehen Sie dann auch zu Ihrer Mutter?

Natürlich bin ich seelisch meiner Mutter am engsten verbunden. Sie weiß am meisten von mir. Dann kommt mein Bruder und dann meine Kumpels.

Und was sagt Ihre Mutter zu Ihren Raps?

Meine Mutter kennt meine Musik. Zu Songs wie „Gang Bang“ oder „Du bist ne Fotze“ sagt sie schon, das sei der letzte Scheiß - nur: sie weiß, sie muß es sich nicht reinziehen. Die geht mir nicht auf den Sack und sagt: Wie kannst du nur so'n Lied machen? Die sucht sich lieber ein Stück aus wie „Ich vermisse dich“, das hört sie dann die ganze Zeit und findet es schön.

Ihre Mutter ist Muslimin. Inwieweit hat sie ihren Glauben an Sie weitergeben können?

Meine Mutter war in dieser Hinsicht immer cool. Ich finde es jedenfalls bemerkenswert, wie offen sie als 56jährige, die streng katholisch aufgewachsen ist und später zum Islam konvertiert ist, meiner Musik gegenüber ist. Sie läuft mit Kopftuch rum, fastet ganz streng, betet und liest regelmäßig den Koran. Vielleicht kriegt die beim Wort Gruppensex einen roten Kopf. Aber die akzeptiert das. Ich selbst zerbrech' mir wegen Religion nicht den Kopf: Am Ende des Tages wird Gott wissen, ob ich ein guter Mensch war oder nicht. Was sollen da Bezeichnungen wie Christ oder Moslem oder Jude?

Auf Ihrer neuen Platte versuchen Sie sich erstmals als sozial engagierter Rapper. Wie kommt's?

Meinst du „Janine“? Ich habe die Geschichte eines von ihrem Stiefvater vergewaltigten Mädchens im Fernsehen verfolgt. So etwas hat mich schon immer wütend gemacht. Du als erwachsener Mann bist einfach stärker als deine Kinder. Und du bist auch stärker als deine Frau. Das darfst du nicht einfach hemmungslos ausnützen.

Welchen Reim würden Sie denn einem jungen Fan wie meinem Sohn mit auf den Weg geben?

Wenn ich jetzt wieder das Klischee bedienen will: „Macht, was ihr wollt, für euch Huren bleib ich King, wenn ich euch sehe, denke ich, daß ich schwulenfeindlich bin“ - das wäre so'n bißchen zum Schocken. Wenn ich aber wirklich nachdenken wollte, was ich so 'nem Zwölfjährigen ans Herz legen wollte, dann würde ich alibimäßig was voll Schönes zitieren wie: „Seit ganz langem bist du nicht hier, wie oft soll ich dir sagen, wie ich dich respektier“.

„Von der Skyline zum Bordstein zurück“ ist bei Urban (Universal) erschienen.

Das Gespräch führte Jonathan Fischer



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006, Nr. 37 / Seite 30
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Universal Music

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