Sting

Im Haus mit Wänden aus schwarzen Tränen

Von Eleonore Büning

Die dreizehnchörige italienische Theorbe steht ihm gut: Sting mit neuem Lieblingsinstrument

Die dreizehnchörige italienische Theorbe steht ihm gut: Sting mit neuem Lieblingsinstrument

16. Oktober 2006 Trau keinem über fünfzig! Pop liegt im Sterben, so hat es Sting öffentlich verkündet. Sein neues Album liefert uns jetzt die Musik zur Trauerfeier. Oder ist es vielleicht doch nur wieder ein kleines Lagerfeuer? Das Holz der Leidenschaft jedenfalls scheint schon ziemlich heruntergebrannt, ringsum wird es kälter, dunkler, die Einschläge kommen näher, Nebel senkt sich auf die countrymäßig vernarbten Stimmbänder, Herbstmelancholie ins Gemüt - und sempre ritardando verglimmen ein paar allerletzte Balladen. Verhandelt werden Themen wie Tod, Vergänglichkeit und die Sehnsucht nach dem Traurigsein sowie die Erinnerung an die ungültig gewordenen Jugendlieben.

Statt einer Wandervogelklampfe spielt Sting nun eine zünftige dreizehnchörige italienische Theorbe, also eine Baßlaute mit Bordunsaiten (Nachbau: Cezar Mateus), wofür es zwei Beweise gibt. Erstens wunderschöne Schnappschüsse von Roß und Reiter im Booklet und zweitens Stings eignes Wort: Ja, er habe das Renaissance-Lautespielen wirklich studiert und geübt. In seine erste echt nachgebaute achtchörige Baßlaute (von Klaus Jacobsen), die ihm Dominic Miller vor ein paar Jahren schenkte, habe er sich sogar so verguckt, daß er die kunstvoll geschnitzte Rosette des Schall-Lochs auf seinem Landsitz als Gartenlabyrinth habe nachbauen lassen. Drittens liefert Sting tatsächlich zwei Proben seines neu erworbenen Könnens.

Zum Glück sind die Kurzreferate kurz

Musik für Strickpullis: Sting mit dem Meisterlautenisten Edin Karamasow.

Musik für Strickpullis: Sting mit dem Meisterlautenisten Edin Karamasow.

Einmal spielt er die zweite Stimme im Duett mit dem jungen, bosnischen Meisterlautenisten Edin Karamasow. Das andere mal, in Track 15, präludiert er ein wenig vor sich hin, während zugleich die Vögel (keine Schwalben, eher Amseln) singen, untermalt mit dieser Geräuschkulisse die Lesung aus einem Dowlandschen Brief und spielt alsdann ein knapp siebzehn Sekunden langes Nachspiel. Den Brief aus dem Jahr 1595 richtete John Dowland an Sir Robert Cecil, der eine Schlüsselstellung innehatte als einer der Sicherheits-Chefs am Elizabethanischen Hof. Es geht darin um die Mitteilung, er, Dowland, bereise nunmehr erfolgreich Italien und werde dort hoch geehrt.

Man kann diese wenigen Worte auch als Beschwerde verstehen: Denn Dowland, der unbestritten großartigste Lautenspieler seiner Epoche, war wiederholt auch vor Elizabeth I. aufgetreten und erst kurz zuvor abgewiesen worden, als er sich um die Nachfolge von John Johnson bewarb, für eine Festanstellung als „Musician for the Luth“ bei Hofe. Kombinationen wie diese aus Hörspiel-Atmo, Musikdarbietung und Dichterlesung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album: Sting hält quasi illustrierte Kurzreferate über sein verehrtes Vorbild Dowland. Doch sind die Lektionen gottlob blitzkurz; man beginnt erst, sich zu ärgern, wenn die nächste Musik erklingt.

Wie weiland Elvis Costello oder John Surman

Außerdem singt Sting neun Songs von John Dowland: Ein Brückenschlag vom toten Pop in die lebendige Welt der sogenannten Klassik. Das ist kein Sakrileg, aber auch alles andere als eine Sensation. Schließlich steigt Sting hier nicht als erster in den Ring - und er trifft dort auf einige preisgekrönte Champions der improvisierten Adaption.

Barbra Streisand zum Beispiel hat schon in den Achtzigern mit knappem Atem und verruchtem Timbre erfolgreich Lieder von Schumann und Arien von Händel flachgelegt. Das Cross-over-Projekt „Officium“ mit dem Saxophonisten Jan Garbarek und den Sängern des Hilliard-Ensembles stürmte die Charts in den Neunzigern. Und gerade die Liederschätze John Dowlands wurden immer wieder gerne gehoben. Außer den großen Falsettisten unserer Tage, von Alfred Deller bis Andreas Scholl, haben sich bislang schon einige Pop- und Jazzmusiker, von Elvis Costello bis John Surman, damit befaßt und dabei den Begriff der Interpretation um einiges erweitert.

Zwischen Ohrwurm und Trauerrand

Die meisten Dowlandschen Lieder, in drei „Bookes of Songes or Ayres“ zwischen 1597 und 1602 veröffentlicht, sind schlicht strophisch gebaut mit genial erfundenen Ohrwurm-Melodien, wie ein gutes Volkslied sie haben muß, etwa „Come again, sweet love“. Andere dagegen sind durchkomponiert und reich verziert, mit starker Chromatik gewürzt, von Durchgangsdissonanzen durchzogen oder sie zeigen schöne Trauerränder aus sekundschrittweise fallenden Lamento-Figuren, wie etwa das nach einem Lautenstück bearbeitete „Flow my tears“ oder das Lied von dem Haus mit Wänden aus schwarzen Tränen, einem Fußboden aus Sorge und einem Dach aus Verzweiflung: „In Darkness let me dwell“(Hörprobe: Real Audio: Ausschnitt aus „In Darkness Let Me Dwell”).

Alle diese Lieder sind, gerade wegen der Unverwechselbarkeit ihres Tonfalls und der Pseudo-Simplizität ihrer Form, höchst dankbare Objekte für Variationen und bestens geeignet für Improvisation und Bearbeitung. Das Deller-Consort beispielsweise erlöste einige Lautenlieder aus der Einsamkeit des Soloperformers und erweiterte den Lautensatz zum mehrstimmigen, polyphonen Vokalensemble. Ein Klassiker wurde das Dowland-Projekt des Labels ECM, das der ehemalige Hilliard-Tenor John Potter dann zusammen mit dem Saxophonisten John Surman, der Barockgeigerin Maya Homburger und dem Lautenisten Stephen Stubbs im Jahre 1999 anging: Darin treten die Dowlandschen Originale zu Fragmenten auseinander, ergänzt durch ausschweifende Improvisationen von höchster Kunstfertigkeit, dargeboten mit einer atemraubenden Intensität.

Dennoch: Man hört ihm gerne zu, stundenlang

Verglichen mit dieser waghalsigen Dekonstruktion Dowlands, ist das, was Sting nun mit den Liedern anstellt, pure „Werktreue“. Er hat keine musikalischen Einfälle. Er singt selbst die Ornamente normal nach Noten, sehr brav. Das einzig Spätneuzeitliche an dieser Aufnahme ist wohl die popmäßig knallige Aufnahmetechnik mit der fehlenden Räumlichkeit, dem abrupt abreißenden Schlußton. Sting selbst fügt nichts Eignes hinzu - sieht man einmal ab von seiner Stimme.

Allerdings sitzt diese außerordentliche, rotweindurchtränkte Stimme diesmal nackt und ungeschützt direkt vor dem Mikrophon, und die Gesangsstunden, die Sting eigens bei Richard Levitt, einem Fachmann von der Schola Cantorum Basiliensis, genommen hat, scheinen eher geschadet als genützt zu haben. Jedenfalls ist er noch kurzatmiger als die Streisand. Der Mangel an Technik und die einschläfernde Einfarbigkeit des Timbres wird freilich kompensiert durch eine doppelte Portion Betonung. Immer schleppender das Tempo in den tränensatten Liedern, von Strophe zu Strophe wachsen die Ausrufezeichen: Achtung! Großes Gefühl! Und so wird diese männliche Schlafzimmerstimme, schon für sich genommen, zu einem Ereignis.

Kurzum: Es gab zwar schon bessere Dowland-Interpreten als ausgerechnet Sting, aber dennoch hört man ihm gerne zu, stundenlang. Dazu kommt, daß die Begleitung und die Intermezzi von Edin Karamasow übernommen wurden, der schon Andreas Scholl durch dessen „Musicall Banquet“ führte. Karamasow ist zur Zeit einer der Größten seines Fachs. Seine virtuosen, farbenfrohen Lautensoli sind auf diesem Album die Inseln der Seligkeit.

Songs from the Labyrinth. Musik von John Dowland mit Sting und Edin Karamasow. Deutsche Grammophon 170 3139 (Universal)



Text: F.A.Z., 14.10.2006, Nr. 239 / Seite 44
Bildmaterial: Kasskara/DG

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