Alicia Keys im Konzert

Die Göttin von morgen trägt Fummel von gestern

Von Dieter Bartetzko

In Frankfurt unter ihren Möglichkeiten: Alicia Keys

In Frankfurt unter ihren Möglichkeiten: Alicia Keys

05. März 2008 Was macht eigentlich Aretha Franklin? Carole King? Tina Turner? Diana Ross? Letztere hat 2006 eine CD aufgenommen, die der Respekt aller Beteiligten vor der zweiundsechzigjährigen Soulgöttin zur Belanglosigkeit narkotisierte. Seitdem lebt sie gleich ihren soul sisters zurückgezogen und tritt, wie diese, nur noch auf, um Ehrungen anzunehmen, die daran erinnern, wie viel Befreiung und dreckige Wahrheiten sie zwischen den sechziger und achtziger Jahren in die Welt geschrien hat.

Aber nun gibt es ja Alicia Keys, die neue Soulgöttin. In jedem Lied schreit sie so guttural wie Aretha Franklin und Tina Turner, gurrt so erotisch wie Diana Ross, haucht aufgerauhte Seidentöne wie Dionne Warwick und sitzt so heiser krächzend, schwankend und haarewehend am Flügel wie einst Carole King. Ein Ruck ging durch die verwaiste Soulgemeinde, als 2001 „Fallin“ herauskam, die in Rythm & Blues umgewandelte „Elise“ Beethovens, mit der Alicia Keys, Tochter eines schwarzen Amerikaners und einer schottisch-irischen Musicalsängerin, aufgewachsen in New York, alle Hitparaden stürmte. Seither ist sie abonniert auf Grammys und Nummer-1-Hits.

Geduldiges Warten

Der Soul ist wiedergeboren. Deshalb füllten Tausende erwartungsvoll die Frankfurter Festhalle, wo Alicia Keys auf ihrer Welttournee haltmachte. Doch die Epiphanie ließ auf sich warten. Eine knappe Stunde schlenderten Techniker über die leere Bühne, rückten hier an einem Band-Hocker, verschoben da einen Verstärker. Die Menge wartete geduldig wie ein Lamm. Das musste sie auch, denn Boxen überdröhnten jede Regung. Dann steigerte der Lärm sich zum Orkan: Ein Video füllte die Riesenleinwand der Bühne - Blick in eine Kirche mit ekstatischem Gospelchor, ebensolcher Gemeinde und einem Prediger, der eine kleine Alicia Keys aussandte, mit Gottes Hilfe ein Star zu werden. Noch dröhnenderes Dröhnen, und die halbrunde Megabox im Hintergrund, von Laserblitzen in einen Reliquienschrein verwandelt, entließ Alicia Keys und ihren Flügel, eingehüllt in die Gloriole gleißender Scheinwerfer. Allgemeiner erlöster Aufschrei.

Was sie sang? Keine Ahnung. Dass sie sang, ist sicher. Auch, dass drei junge Frauen und ein Athlet als Backgroundsänger sich die Lunge aus dem Hals schrien, Bläser, Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist zappelnd ihre Instrumente traktierten und eine sechsköpfige Chorusline Köpfe und Lenden kreisen ließ. Der donnernde Grundton signalisierte R & B, manche Tonfolgen ließen Lateinamerikanisches vermuten - und hin und wieder drang die Stimme von Alicia Keys durch das Tosen, das selbst Beton zu Zittergras wandelte. Dann war zu hören, dass sie gelegentlich haarscharf neben dem Ton lag, bis der Chor, noch einige Phon zulegend, sie auf den richtigen Weg zurückführte.

Unsäglich bieder

Das kann man Alicia Keys nicht vorwerfen. Denn selbst das musikalischste Gehör und das kräftigste Organ kommen nicht gegen Tontechniker an, die seelenruhig Soul mit Tonstörung verwechseln. Hinzu kam eine Erkältung. Wer aber hat ihr eingeredet, sie müsse toben wie einst die Ikettes von Tina Turner? Wer hat für sie Choreographen und Kostümbildner engagiert, die 1969 eingeschlafen und erst gestern wieder aufgewacht sind? Silberhängerchen und Nadelstreifen, Beinschwingen und Beischlafzucken für die Chorusline, Glitzernylon für die Chorladys, die prompt „Voulez-vous coucher avec moi“ stöhnten - das wirkte nicht lasziv, sondern unsäglich bieder. Was bleibt da anderes als Respekt für Alicia Keys, die alle Tänze so tadel- und emotionslos wie eine Aufziehpuppe mitmachte?

Atmosphäre kam immer dann auf, wenn der Sängerin und ihrem Flügel einige Minuten Freiraum zur Verfügung standen. Dann ging die Stimme unter die Haut, hörte man, dass Alicia Keys so eindringlich das Recht auf Liebe, Respekt und Würde einfordern kann wie ihre großen Vorgängerinnen. So wurde ein Duett mit dem Backgroundsänger zum prickelnden Machtkampf der Geschlechter; keiner gab nach, jeder trieb den anderen in atemberaubende Höhen und Tiefen. Und dann „Fallin'“. Alicia Keys sang die bluesige Liebesklage härter als früher, fordernder und metallischer. Eingewoben hat sie „It's a man's, man's, man's world“, James Browns Hymne der Sechziger: „But it would be nothin' without a woman or a girl“ peitschte die Soulstimme durch die Riesenhalle.

Nur einmal noch hatte man Gänsehaut wie bei diesem Lied: als während eines Songs über das Recht, Nein zu sagen, auf der Leinwand scheue Kinder auf einem Küchenstuhl posierten. Der Film galt Alicia Keys' Stiftung für aidskranke Kinder in Afrika. Dreizehn Millionen sind krank, teilte sie mit todernstem Gesicht mit. Da füllte ihre Persönlichkeit die Riesenbühne plötzlich bis auf den letzten Millimeter. Wenn ihr noch mehr Lieder wie „Fallin'“ unterkommen und sie den abgeschmackten Soulglamour von vorgestern wegfegt, wird sie übermorgen auch als Soulsängerin jede Bühne beherrschen.

Weiteres Konzert: 13. März 2008 Hamburg (Color Line Arena)

Text: F.A.Z., 06.03.2008, Nr. 56 / Seite 35
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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