16. August 2006 Wie nimmt man eigentlich ein Streichquartett auf? Diese Frage beschäftigt am Dienstag nachmittag zwei weltberühmte Popstars. Neil Tennant, 52, der Kopf der Pet Shop Boys, und Rufus Wainwright, 33, für Elton John der beste Songwriter unserer Zeit, stehen im Saal 4 des ehemaligen DDR-Rundfunkgebäudes in Berlin-Köpenick am Mischpult und beraten sich. Im Studio, hinter einer dicken Glasscheibe, sitzen vier junge Orchestermusiker, die gerade ein Streicherarrangement für die neue Platte von Rufus Wainwright eingespielt haben, und warten darauf, daß es weitergeht.
Es dauert. Immer wieder hören sich die beiden Popmusiker die Aufnahme an. Wainwright wirkt nicht zufrieden. Soll es wie ein Live-Mitschnitt klingen, fragt Tennant, das tue es nämlich. Nein, sagt Wainwright, eigentlich solle es klingen wie Fauré. Hm. Schließlich einigen sie sich darauf, bei der nächsten Aufnahme etwas Hall auf die Mikrophone zu legen - und die klingt dann tatsächlich auch gleich viel besser.
Zwischen Pop und Mahler, Bernstein, Debussy
Rufus Wainwright ist in Berlin, um seine neue Platte aufzunehmen, und er hat seinen Freund Neil Tennant gebeten, ihm dabei zur Hand zu gehen. Eigentlich wollte auch Sam Mendes noch vorbeischauen, der berühmte Regisseur, der gerade eine Dokumentation über Wainwright dreht, aber irgendwas kam ihm dazwischen, und so sind die Musiker nun mit einem Toningenieur alleine in dem übergroß proportionierten, weitgehend leerstehenden Ost-Prachtbau, in dem die Zeit seit den fünfziger Jahren stillgestanden zu haben scheint. Nobody's off the hook heißt das Stück, an dem heute gearbeitet wird, und obwohl es ein klassischer Popsong ist, mit Strophen und Refrain, klingt es doch nach Mahler, es klingt nach Brahms, Bernstein und nach einem Hauch von Debussy.
Wainwright hat den Song in den letzten Stunden bestimmt zwanzig Mal gesungen, er scheint jedes Mal noch schöner zu werden - ganz leise fängt es an, Haven't fallen down in a while, ganz zart seine Stimme, dazu Streichquartett und Klavier. Der Pianist hat den Flügel mit schwerem Vorhangstoff abgehängt, um den Klang weicher zu machen, es ist ein langsamer, wehmütiger Song, in dem es um die Lage der Welt und die Verantwortung jedes einzelnen dafür geht, so zumindest faßt Neil Tennant den Inhalt zusammen. Im letzten Drittel zieht das Stück auf einmal an, wird richtig dramatisch, vor allem für den Sänger, an einer Stelle geht es plötzlich irrsinnig hoch hinauf, was Wainwright erst halbwegs, dann mehrere Versuche lang gar nicht mehr gelingt. Im Sitzen könne er es, sagt er, versucht es aber weiter im Stehen. Ein paar Mal noch kiekst seine Stimme, irgendwann klappt es dann doch, und alle sind erleichtert.
Mißglückter Jahreswechsel am place to be
Rufus Wainwright ist einer der wenigen Musiker, für den zwischen klassischer und Pop-Musik keine Grenze existiert. Seine Eltern sind die kanadischen Folkmusiker Loudon Wainwright III und Kate McGarrigle, als Kind hörte er am liebsten Opern, er spielt Klavier und Gitarre, und seine Gesangsstimme ist so laut, daß sie auch ohne Mikrophonverstärkung mühelos in den letzten Reihen jedes noch so großen Opernhauses zu hören wäre. Im Juni hat er zweimal hintereinander in der ausverkauften New Yorker Carnegie Hall umjubelte Konzerte zu Ehren von Judy Garland gegeben. Seither, spätestens, gilt er auch der New York Times als Held. Berühmt war er schon vorher: Für seine bislang vier Alben (zuletzt Want Two, 2004) hat er viele Preise und die Herzen so ziemlich aller Musikkritiker gewonnen, auch wenn sie sich trotzdem nicht millionenfach verkauft haben; in Scorseses Aviator hatte er einen Auftritt als Musiker, und während des Abspanns von Brokeback Mountain lief ein Song von ihm.
In Berlin war Wainwright zum ersten Mal an einem Silvester vor ein paar Jahren - er hatte gehört, das sei the place to be, sich kurz entschlossen einen Flug gebucht und einen fürchterlich mißglückten Abend verbracht, der damit endete, daß er um Mitternacht allein in seinem billigen Hotelzimmer saß, wo es bestialisch stank, weil er, wie er feststellen mußte, in Berliner Hundescheiße getreten war. Doch er ist trotzdem wiedergekommen, und jetzt steht er hier, im holzgetäfelten und nach Staub riechenden Aufnahmesaal 4, in dem die Luft zum Schneiden dick ist, aber die Stimmung sehr nett, und hört sich sein eben eingespieltes neuestes Werk an.
Und dann reden sie über Renaissance-Musik
Die ersten Takte spielt das Klavier allein, dann setzt das Streichquartett ein, getragenes Tempo, ein sehr elegischer Song. Da jetzt einen Trance-Beat drunter, und das wird ganz groß in Ibiza, sagt Neil Tennant. Wainwright lacht, was bei ihm immer klingt wie eine Maschinengewehrsalve. Bei seinen letzten Alben hatte er mit Marius de Vries zusammengearbeitet, dem Produzenten von Björk und von Madonnas Ray of Light. Dieses Mal wollte er es alleine probieren.
Den Toningenieur Tom hat er aus New York mitgebracht - Neil Tennant ist nur ein paar Tage hier, bis zum Wochenende wird er sich durch alle Songs hören, Vorschläge für Änderungen machen, eigene Versionen produzieren. Und obwohl er mit seiner Band Pet Shop Boys für Tanzmusik, für Disko steht, scheint auch er sich mit Klassik auszukennen. Zwischen den Aufnahmen kommen Wainwright und er auf Bach zu sprechen und überlegen, was wohl dessen musikalische Einflüsse waren. Wainwright tippt auf Monteverdi, Neil Tennant bringt Biber ins Spiel, den Barock-Komponisten Heinrich Ignaz Franz von Biber, 1644 in Wartenberg geboren, 1704 in Salzburg gestorben, und dann vertiefen sich die beiden in eine Diskussion über die Musik der Renaissance.
Wenn aus Tiergarten ein Ort der Tränen wird
Worüber reden Popstars sonst? Über den Gesundheitszustand von Kylie Minogue, die Krise im Nahen Osten und wie Easy Jet die schönsten europäischen Städte ruiniert, in denen jetzt haufenweise angetrunkene Männerreisegruppen Junggesellenabende feiern. Zum Mittagessen essen Popstars Pizza vom Lieferdienst, sie trinken becherweise schwarzen Filterkaffee, und weil die sanitären Anlagen gerade defekt sind wie so vieles auf diesem verwunschen wirkenden Gelände, gehen Neil Tennant und Rufus Wainwright zum Verrichten ihrer Notdurft klaglos hinaus in den Garten, der das verwitternde Gebäude wild wuchernd umsäumt.
Wie das Album heißen wird, das Anfang nächsten Jahres erscheinen soll, steht noch nicht fest - dem Eindruck dieses Nachmittags zufolge wird es eines, auf das man sich freuen kann. Die Stücke sind genauso lässig wie schön, es gibt sehr lustige und sehr traurige Texte, und Berlin kommt gleich in mehreren Stücken vor. Ein Song heißt Sanssouci, ein anderer Tiergarten, was für amerikanische Ohren klingt wie Garten der Tränen, tear garden, und in Going to a town singt Wainwright, begleitet von Harmoniewechseln, die in immer noch schönere Gegenden führen, von jener Stadt, die einmal zerstört gewesen ist. Sie klingt schöner denn je.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.08.2006, Nr. 32 / Seite 25
Bildmaterial: Franka Bruns
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