Hip-Hop

Wir sind die schlechte Gesellschaft

Von Henrike Roßbach

Böse, dreckig, gemein: Bushido

Böse, dreckig, gemein: Bushido

06. Juli 2005 Meister Proper hätte seine wahre Freude gehabt, wenn er vor zehn, zwölf Jahren durch die deutsche Hip-Hop-Landschaft getingelt wäre. Alles war so sauber und adrett, poliert und gefegt. Deutscher Hip-Hop: eine Spielstraße in Schwaben. Von dort kamen sie ja, die Pioniere des deutschen Rap. „Die Fantastischen Vier“ eroberten 1992 das Land von Stuttgart aus harmlos-witzig mit „Die da“.

Andere kamen nach, Max Herre und die guten Menschen von „Freundeskreis“ etwa oder „Fettes Brot“, „Fünf Sterne Deluxe“, die „Beginner“ - alles nette Jungs. Während der amerikanische Rap aus den Ghettos der Metropolen vom Leben auf der Straße erzählte, von Drogen, Gewalt und Sex, luden die deutschen Rapper sprachgewandt und politisch korrekt zur großen Gymnasiasten-Party.

Böser Sido - der Maskenmann

Maskenmann: Sido

Maskenmann: Sido

Aber das ist lange her, und heute müßte Meister Proper seinen Lappen mit auf Reisen nehmen, denn der deutsche Hip-Hop ist inzwischen doch recht schmutzig geworden, böse, dreckig, gemein, wütend. Er ist angekommen, und manche denken mit wohligem Schauer: endlich. So, wie Stuttgart die Stadt der guten Rapper war, ist Berlin die Stadt der bösen. Und der Ober-Böse, das ist Sido, der Maskenmann. Im vergangenen Jahr trat er aus den Plattenbauten des Märkischen Viertels heraus und rappte sich mit „Mein Block“ die Charts hinauf. An Sido, dessen Name für „superintelligentes Drogenopfer“ steht und der gerne mit einer silbernen Totenkopfmaske durchs Leben geht, mußte selbst der letzte erkennen: Hip-Hop kann auch anders.

Seitdem laufen bei Viva und MTV Videoclips, in denen prollige Typen, gerne auch umringt von halbnackten Frauen, auf deutsch über Parties auf Extacy rappen, über Prostituierte und darüber, was man mit ihnen anstellen kann, über Dreck und Abschaum und darüber, daß man mit Geld alles bekommt, was zählt im Leben. Sido, Fler und B-Tight vom Untergrund-Label Aggro Berlin, Bushido oder Kool Savas - das Böse war identifiziert, und viele wollten es möglichst schnell auf dem Index sehen, wo schon Porno-Rapper wie King Orgasmus One oder Bass Sultan Hengzt warteten. Und dann warb Fler auch noch mit Fraktur und dem verfremdeten Hitler-Zitat „Am 1. Mai wird zurückgeschossen“ für sein Album, zeigte sich im Video zu „Neue Deutsche Welle“ mit Deutschlandfahne und Adler und rappte Zeilen wie „Schwarz rot gold, hart und stolz“. Sind die Rap-Krieger jetzt nicht nur ordinär, sondern auch noch rechts?

Kein Nazi, nur ein bißchen dumm

Eher nicht. Fler hat einfach nur Pech gehabt. In der Klamottenkiste von Aggro-Gründer Specter lag leider nur noch eine einzige Provokations-Garderobe herum. Der „krasse Neger“ war an B-Tight gegangen, Sido trug die Maske; was blieb da noch für Fler, wenn er für Aufregung sorgen wollte? Die Deutschlandfahne. Fler ist kein Nazi, nur ein bißchen dumm. Das schwer erziehbare Heimkind gibt sich großmäulig und verbindet das mit mäßigem Talent. Sogar die „Taz“ gab Entwarnung: Flers Symbolspielereien liefen nur auf eines hinaus: „Hier will jemand sagen, daß er der Härteste ist.“

Wie gefährlich sind die harten Jungs wirklich? Bushido zum Beispiel ist ein schönes Exemplar zum Probekennenlernen. Er hat Drogen verkauft und war mal in Untersuchungshaft. Er schlägt Frauen (aber nur, wenn sie ihn oder seine Mutter beleidigen) und erzählt wilde Geschichten vom Tourleben, in denen Frauen und Männer in den zahlenmäßig bizarrsten Kombinationen vorkommen. Im vergangenen Herbst hat er sein drittes Album, „Electro Ghetto“, veröffentlicht. Seither trägt er den dazu passenden Schriftzug als Tattoo auf seinen Unterarmen.

Auf dem Index

Aber irgendwo auf seiner Haut findet sich bestimmt noch ein Plätzchen für „Carlo Cokxxx Nutten II“, sein jüngstes Werk. Bushido ist von Aggro Berlin zum Universal-Konzern gewechselt, und es läuft gut für ihn: „Electro Ghetto“ erreichte Platz sechs der Albumcharts, „Carlo Cokxxx Nutten II“ sogar Platz drei. Auch im Indizierungsrennen liegt er vorne. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat sein erstes Album, „King of Kingz“ auf den Index gesetzt, mit „Vom Bordstein bis zur Skyline“ soll dasselbe noch im Juli passieren, und für „Electro Ghetto“ steht der Termin bei der Behörde schon fest.

Eigentlich sieht Bushido gar nicht gefährlich aus, mit seinen raspelkurzen Haaren, den millimetergenau getrimmten Bartlinien um den Mund und dem weißen Strick-Pullover. Höflich ist er, bietet Wasser an, sagt „Gerne“ und „Ich habe zu danken“ und, daß es der „Jackpot“ wäre, eine Familie zu gründen. Zwischendurch sagt er auch ein paar andere Dinge, und Max Herre würde einer fremden Gesprächspartnerin sicher nicht prophezeien, ihr beim Hinausgehen auf den Hintern zu gucken. Aber einer wie Herre ist für Bushido ja auch ein „Wassertrinker“, und Männer, die Wasser trinken, sind schwul.

Hauptsache, genug Geld, um „Drogen klarzumachen“

Es sei schon erschreckend zu sehen, „wie egal“ die ganze Generation geworden sei, sagt Bushido: Hauptsache, genug Geld, um „Drogen klarzumachen“, ein bißchen Sex, Musik, und das war's auch schon. Daß er und seine Kollegen aber genau das vermitteln - mein Auto, meine Uhr, meine Klamotten - irritiert ihn nicht. „Die Jugend ist schon so kraß verkorkst, ich glaube, ich kann da gar nicht mehr viel kaputtmachen.“ Lehrer, Eltern, Politiker und Polizisten könnten eben nicht begreifen, daß jemand wie er zur Wirklichkeit gehöre. „Ich bin nicht der Teufel. Ich reflektiere nur die Generation, verstehst du?“

Warum aber fühlt sich diese Generation vom Materialismus des Rap so angezogen? Es sind Jugendliche, deren Lebenswelt von Anfang an ideologiefreie Zone war. Sie haben früh gelernt, sich auf nichts verlassen zu können, als auf sich selbst. Arbeit, Rente, Bildung, Gesundheit - alles unsicher, hat man ihnen beigebracht, es sei denn, ihr kümmert euch selbst darum. So haben sie verinnerlicht, daß alles einen Preis hat, den sie irgendwie zu zahlen in der Lage sein müssen. Schwimmwesten, die vor dem gesellschaftlichen Ertrinken retten, scheinen aus Geld gemacht - egal, ob die Scheine aus einer strategisch geplanten Berufskarriere stammen oder aus Drogengeschäften. Mit Ideen und Idealen bleibt dagegen keiner über Wasser.

„Was ich rappe, das bin ich auch“

Bushido hat kein Verständnis dafür, daß er auf den Index soll. Der friedliche Hip-Hop und seine Musik, das gehöre doch zusammen, wie Licht und Schatten. „Wenn ich meinen Kindern ein Gefühl von gut und falsch anerziehe“, glaubt er, „dann können sie Leute wie mich zwar bewundern, wissen aber immer noch: Wenn sie das in ihrem Leben genauso machen würden, wäre es falsch.“ Er gebe lediglich einen Einblick in sein Leben. „Was ich rappe, das bin ich auch. Das ist mein Leben, das ist meine Kunst, das ist, was in meinem Kopf ist.“ Niemals aber rufe er zu Drogenmißbrauch oder Gewalt auf oder dazu, Frauen zu diskriminieren und Schwule zu jagen. „Du drückst auf ,play' und hörst mir zu, und in der Sekunde, wo du auf ,stop' drückst, bin ich aus Deinem Leben.“

Das Böse verkauft sich. Noch immer staunt Bushido darüber, daß Sido und er goldene Schallplatten bekommen. „Es ist einfach Trend geworden, hart zu sein.“ Und: „Es spielt natürlich auch eine Rolle, daß zur Zeit alles gerade schlecht läuft.“ Rap aus Berlin ist die Live-Reportage aus der Unterschicht. Schaut her, brüllt es aus den Liedern, so sieht es bei uns aus. Uns gibt es. Und wir sind viele. Keiner kann das besser als Sido. In Liedern wie „Mein Block“ oder „Steig ein“ mimt er den Fremdenführer aus der Hölle: „Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block, meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt reicht vom ersten bis zum sechzehnten Stock.“

Überdruß an F-Worten

Er stellt sie alle vor: Den Hausmeister, der aus dem Knast kommt; den Junkie aus dem vierten, der zum Frühstück zehn Flaschen Bier trinkt; und den Typen mit dem Schlagring. Für viele könnte ein Flug zum Mond nicht exotischer sein, dabei geht die Reise nur in die verdrängten Viertel der Stadt. Sido befiehlt „Guck nach rechts, ein Bänker der sich Koks kauft, und guck links, der Junkie der sich Obst klaut. Und guck da, der Plattenladen, die Geschäfte laufen nicht, und sieh die Vierzehnjährigen da hinten, verkaufen sich.“

Bei allem Überdruß an den sogenannten F-Worten - schlecht ist es nicht, was einige deutsche Rapper auf CDs pressen. Es ist natürlich auch Stumpfsinn dabei, die ewigen Ghettokind-Geschichten und Prahlereien können einen ermüden. Aber einer wie Sido reimt mit Wortwitz und Selbstironie die verrücktesten Geschichten. Auch bei anderen knallt der Beat, rocken die Samples, funktioniert der Fluß.

Gossenlyrik

Aber in der Gosse wird nicht nur für die Nachbarskinder gerappt. Auch in den Kinderzimmern der sauberen Kleinstädte bleibt man „immer schön aggro“, wie man in Anspielung auf das Berliner Label sagt. Gymnasiasten wollen sich auch mal gruseln, und nie klingt Obszönes so reizvoll wie in der Pubertät. Was da aus den Boxen dröhnt, hört sich so richtig schön kaputt an, verboten, nach Abenteuer. Und endlich haben die Jugendlichen etwas entdeckt, womit sie ihre aufgeklärten Eltern, die bisher noch für alles Verständnis hatten, schockieren können.

Natürlich ist der Berliner Rap nicht nur Gossenlyrik. Nach den Stuttgarter Schwiegersohnjahren geht es heute um das, worum sich der amerikanische Battle-Rap schon immer drehte: Sex und Drogen, und zwar in einer sehr expliziten Form, vor der meistens schon auf den CD-Hüllen mit einem Aufkleber gewarnt wird. Das Universum der Rapper ist ihr eigenes Ich. Bushido sagt: „Ich stehe im Mittelpunkt dieser Welt. Das ist Rap, wir sind Männer. Wir sind Rivalen.“ Rap als eine Verlängerung der pubertären Sandkastenkämpfe. „Battle Rap heißt nicht diskutieren. Battle Rap heißt nicht argumentieren. Battle Rap heißt“, und da legt er eine Kunstpause ein, „den anderen kaputt zu machen. So.“ Und trotzdem nennen die Berliner ihre Musik nicht Gangster-Rap. Sido hat mal von Kleinkriminellen-Rap gesprochen, und Bushido ist es egal, worüber Eminem rappt, auch wenn es rosa Unterhosen sind.

Für Überraschungen gut

Der neue deutsche Hip Hop ist nicht kompliziert. Mit dem Mikrophon in der Hand sortieren die Rapper alles, was ihnen zwischen die Finger kommt, in zwei Schachteln. Auf der einen steht „cool“, auf der anderen „schwul“. Schon in der Schule hat Bushido nie verstanden, was dieses Kästchen mit ,vielleicht' sollte, auf den Willst-Du-mit-mir-gehen-Zetteln. „Ich habe keinen Bock, in der Mitte zu schwimmen. Das ist wie Betäubung.“ Nicht wirklich glücklich zu sein, aber auch nicht wirklich traurig, das findet er eklig, genauso, wie er das nette Leben verabscheut. Aber in die „Cool“-Schachtel schaffen es auch Typen, die so gar nicht nach Ghetto aussehen.

Harald Lesch zum Beispiel, Professor für theoretische Astrophysik an der Universität München. In Bushido hat er einen ergebenen Fan. Der Rapper hat alle Folgen seiner populärwissenschaftlichen Astronomie-Sendung beim Bayerischen Rundfunk auf DVD: „Alpha-Centauri“. „Der ist halt voll der tolle Typ“, sagt Bushido. „Hammer! Knüller!“ So schnell geht das Abendland nicht unter.

Text: F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 40
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Universal Music

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