Katie Melua

Schneewittchen auf der Bühne

Von Michael Köhler

22. September 2004 Bezaubernd schaut sie aus, wie sie im Scheinwerferlicht auf einem Barhocker Platz nimmt, sich mit zarter Hand auf einer Akustikgitarre selbst begleitet und mit mädchenhaftem Sopran ihre Stimme erhebt. Eine Stimme, die im ausverkauften Auditorium des Offenbacher Capitols von der ersten Minute an Faszination und wohlige Schauer erzeugt. Glasklare Töne meistert sie mit selbstverständlicher Souveränität bis in höchste Lagen und beeindruckt zudem durch ein erstaunliches Repertoire.

Katie Melua soll nach überschwenglichen Medienmeldungen der große neue Stern am Pop-Firmament sein. Ein zwanzig Jahre alt gewordenes Wunderkind aus Georgien auf seiner ersten Deutschlandtournee, nachdem es in den vergangenen Monaten seine langjährige Exilheimat England im Sturm erobern konnte. Trotz des zarten Alters läßt sich bei dem Nachwuchstalent mit angeblichem Faible für Bob Dylan und Joni Mitchell keinerlei Nervosität oder Spannung beobachten. Heiterkeit und Freude strahlt sie aus, nutzt kurze Intervalle zwischen den Songs für Plaudereien mit ihrer neuen Fan-Klientel, tut so, als ginge sie der Rummel um ihre Person gar nichts an.

Etwas altklug wirkendes Fräulein

Ein wenig zu routiniert präsentiert Katie Melua das Material ihres in Großbritannien mehr als eine Million Mal verkauften, mit Platin und einem Brit Award ausgezeichneten Debüt "Call Of The Search". Vorzugsweise Balladeskes in Moll kredenzt das etwas altklug wirkende Fräulein Wunder - am eindringlichsten noch mit der Formatradio-Single "The Closest Thing To Crazy". Allzu lieblich tönen indes die zum Anfang und Finale dargebrachten solistischen Akustik-Hommagen an ihr Idol, an die früh gestorbene Neo-Folk-Queen Eva Cassidy.

Beeindruckenderes gelingt schließlich mit Selbstverfaßtem: Etwa das autobiographische "Belfast", wo sie geschickt ihre ersten Jahre nach der Emigration aus Georgien mit dem Glaubenskonflikt in Nordirland zu verbinden weiß. Kontrastreich folgt das latent erotische "My Aphrodisiac Is You" mit verschlepptem Rhythmus, kräftigen Pianohieben und der Feststellung, daß sie keine künstliche Stimulanz benötigt, um ihren Herzensjungen toll zu finden.

Sonderbares und Erstaunliches

Im süffigen Fluß der zwischen Pop, Jazz, Folk und Blues oszillierenden Stilmixtur findet sich auch Sonderbares und Erstaunliches für den Geschmack eines durchschnittlichen Frühtwens, der laut offizieller Biographie zwar die Londoner Performing Arts & Technology School besuchte, den Weg ins Musikgeschäft aber nur rein zufällig gefunden haben will: Kompositionen des kauzigen Singer/Songwriter-Veteranen Randy Newman tauchen auf, auch seltsame Oden des einstigen Blues-Kreuzzüglers John Mayall oder der Boogie-Fanatiker Canned Heat.

Die Antwort findet sich im leicht angegraut wirkenden Begleitsextett: Erstklassige, seit Jahrzehnten um die Musikentwicklung sich verdient machende Sessionmusiker wie Gitarrist Jim Cregan, Schlagzeuger Henry Spinetti und ebenjener Mann, der das junge Talent entdeckte, massiv förderte und auch mit warmen Worten vor dem Gastspiel ankündigt: Mike Batt.

Gewiefter Arrangeur

Der 54 Jahre alte, leicht untersetzte Svengali am Klavier ist ein Mann mit Vergangenheit. Als gewiefter Arrangeur und Multiinstrumentalist tauchte er erstmals in den späten sechziger Jahren als Mentor der Psychedelic-Formation Hapshash & The Coloured Coat auf und verdiente seine erste Million mit der Titelmelodie zur britischen Kinderfernsehserie "The Wombles".

Ein Jahrzehnt später feierte er als Interpret und Produzent auch in Deutschland größere Erfolge mit Ohrwürmern wie "Ride To Agadir", "Lady Of The Dawn" und komponierte parallel dazu Art Garfunkels Welthit "Bright Eyes". Mittlerweile fördert er als Inhaber einer eigenen unabhängigen Plattenfirma eben Talente wie „Katie Melua“, die er mit einem langjährigen Vertrag köderte.

Ein schönes Märchen

Mit dem Lolita-Effekt läßt es sich zweifellos effizient in einer von Krisen gebeutelten Branche arbeiten: Der Schönklang mit Jungmädchenstimme und Tiefgang lockt eine ahnungslose Klientel von Mittdreißigern an, denen heimliche Marketingstrategen der Musikindustrie in einer Ära der rückgängigen Verkaufszahlen ein schönes Märchen einzuflüstern verstehen: Mit ebenholzschwarzen schulterlangen Locken und hellem Teint wirkt die während ihres Auftritts nahezu unbewegliche "Katie Melua" fast schon wie die Verkörperung von Schneewittchen. Ein optischer Eindruck, in dessen Genuß viele Zuhörer an diesem Abend aber gar nicht kamen, den sie wie die Kunden der Deutschen Bundesbahn in der zweiten Klasse zur Hauptverkehrszeit sitzend in den Gängen verbringen mußten.



Text: 22-09-2004, F.A.Z., Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 46
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

 

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