„Massive Attack“

Fröhlicher Landsmann

Von Andreas Platthaus

Daddy Gee (Grant Marshall) von „Massive Attack” beim Konzert in Düsseldorf

Daddy Gee (Grant Marshall) von „Massive Attack” beim Konzert in Düsseldorf

18. August 2006 Vor bald zwanzig Jahren schrieb Lou Reed seinen damals der Synthesizerseligkeit verfallenen Musikerkollegen eine Parole ins Stammbuch: „You can't beat two guitars, bass and drums.“ Kurz darauf hätte er verzweifeln müssen, denn die Neunziger wurden zum Jahrzehnt der Samples, und ungekrönte Könige dieser Pusselarbeit am Klangkonzept waren „Massive Attack“ aus dem britischen Bristol.

Die ursprünglich aus drei Musikern bestehende Gruppe, die sich für ihre Platten mit zahllosen Gastsängern verstärkte und ihre Maxisingles von der Creme der internationalen Elektroszene abmischen ließ - Brian Eno, „Portishead“, „Underworld,“ „Blur“, „Manic Streets Preachers“ -, begründete eine ganz neue Stilrichtung, der findige Marketingstrategen den Namen „Trip-Hop“verpaßten. Geringfügig verschleppte Rhythmen unter in der Art von Minimal-Music arrangierten Loops begünstigten in der Tat rauschartige Zustände, auch wenn Lou Reed unter Musik noch etwas anderes verstanden hatte.

Alles, was die Speicherchips hergeben

Der Kopf der Gruppe: Robert Del Naja

Der Kopf der Gruppe: Robert Del Naja

Vor ihrem Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle, dem ersten von fünf Terminen in Deutschland, müssen „Massive Attack“ auf ihrer Welttournee ein Damaskus-Erlebnis gehabt haben. Sie übertreffen Lou Reed in der Reduktion gar noch, denn ihr Motto ist: „You can't beat two drums, guitar, bass.“ Gut, es steht auch noch ein Herr hinter den Tasteninstrumenten, und an den Mikrophonen tummeln sich abwechselnd gleich fünf Vokalisten. Doch „Massive Attack“ haben den Rock wiederentdeckt, und über den elektronisch verschachtelten, beliebig abrufbaren Klangkaskaden erheben sich jetzt Instrumentalpassagen, die dem Namen der Band gerecht bleiben und doch akustische Kriegsführung aus einem anderen Jahrhundert sind. Und dafür braucht man nun einmal eine kleine Streitmacht auf der Bühne.

So wurde an einem Abend in einer Halle vorgeführt, wie der Stand der Livemusik im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit ist. Denn eröffnet wurde das Konzert von DJ Shadow, der nicht mehr brauchte als ein Mischpult und eine Videoleinwand, um alles abzurufen, was die Speicherchips hergeben, und damit gleichfalls tüchtig Lärm zu machen. Kein Wunder, daß er erst beim Publikum um Erlaubnis nachsuchte, ehe er für zwei Lieder einen leibhaftigen Sänger auf die Bühne holte: Chris James von „Stateless“, einen Bono-Klon, der sich denn auch immer wieder unter einen blutroten Himmel quengeln mußte. So etwas hätte man besser in der Konserve gelassen. Aber DJ Shadow öffnete auch noch abgelagertste Dateien und ließ seinen Auftritt in einem elektronischen Flohwalzer kulminieren, dessen phasenverschobene und künstlich verzerrte Melodie die Halle zu Beifallsstürmen hinriß.

Auf dem richtigen Pfad der Musik

Doch das Publikum beruhigte sich wieder, obwohl „Massive Attack“ nur neunzig Minuten Bewährungshilfe offerierten und die gealterte Clubgeneration, die sich hier versammelt hatte, auch noch politisch agitierte. Die Gruppe hat gegenüber Tony Blair niemals die Rolle des fröhlichen Landmanns gespielt, und Amerika ist zwar Hauptabsatzmarkt, aber auch Hauptgegner. So begann der Auftritt von „Massive Attack“ mit „False Flags“, und als diese falschen Fahnen entlarvte die Lichtregie eben Union Jack und Sternenbanner. Ihr Zorn trieb die Musiker zu Gitarrenexzessen, die bei „Safe from Home“, den bitteren Höhepunkt des Abends, Maschinengewehrsalven intonierten, als wäre Jimi Hendrix auferstanden - während das Bühnenbild im Stil von Börsennotierungen aufrechnete, wie die ökonomische und humanitäre Bilanz des Irakkriegs ausgefallen ist.

Hoch im Kurs stand dabei Debra Miller, die bei „Safe fom Home“ ihren einzigen Soloeinsatz als Sängerin hatte. Robert Del Naja, der Kopf von „Massive Attack“, übernahm den Großteil des Gesangs selbst, und nicht einmal Dauergast Horace Andy, dessen äußere Erscheinung noch nie zur unterkühlten Strenge der Band gepaßt hat, konnte diesmal mit mehr als „Hymn of the Big Wheel“ und „Angle“ beweisen, daß er mittlerweile neben Del Naja deren Herz ist.

Für Elizabeth Fraser gilt das nicht, obwohl auch die Sängerin der „Cocteau Twins“ längst zu den festen Größen bei „Massive Attack“ zählt. Doch erst bei „Group Four“, einem acht Jahre alten Nebenwerk, das bei dieser Tournee zum Finalcrescendo hocharrangiert wurde, bekommt sie einen Gesangspart, der sie fordert. Del Naja und die Seinen fügen noch eine Kakophonie an, die mit einem abschließenden kurzen Zitat aus „Star Spangled Banner“ den Abend rundet: unter falscher Fahne im Krieg, unter falscher Fahne im Konzert. Nur daß „Massive Attack“ nach ihrer Konversion zum Rock auf dem richtigen Pfad zu sein scheinen.

„Massive Attack“ Tourneedaten:

22. August: München, 23. August: Berlin, 26. August: Hamburg (ausverkauft)



Text: F.A.Z., 18.08.2006, Nr. 191 / Seite 34
Bildmaterial: ddp, F.A.Z. - Edgar Schoepal, REUTERS

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