30. April 2008 Es sind wunderbare Zeiten für Popmusik. Mit jeder weiteren Band und jeder neuen Platte wird sie immer bedeutungsloser - und immer besser. Endlich ist sie vom blöden Druck avantgardistischer Ansprüche, kulturpolitischer Relevanz oder sozialem Abgrenzungspotential befreit, und man kann sich auf etwas anderes konzentrieren: die Musik. Die Verfeinerungsstrategien heutiger Bands sorgen dafür, dass ihre Platten oft punktgenauer sind als die der Vorbilder: Es gibt heute Led Zeppelin ohne Stairway und Fantasy-Kitsch (nämlich in Gestalt der Band The Raconteurs), es gibt Achtziger-Jahre-Stadionpop ohne unglückliche Frisuren (Rooney), und es gibt jede Menge toller Singer/Songwriter ohne Innerlichkeitswahn und Lederweste.
Auch das Boy/Girl-Duo Blood Red Shoes, das seinen Namen angeblich Ginger Rogers verdankt, die einmal eine Tanzeinlage so lange wiederholen musste, bis die Füße bluteten, betreibt Traditionsoptimierung und fegt die Nische aus: Die beiden Musiker aus dem südenglischen Brighton, denen dieser Tage viel Lob hinterher geschrieben wird, haben sich den Neunziger-Post-Punk, Prä-Grunge und Indie-Noise einverleibt. Bei ihnen geht es um jene Zeit vor etwas mehr als fünfzehn Jahren, als man letztmalig die Worte Underground und Gitarre in einem Satz sagen konnte, ohne ausgelacht zu werden. Ihre Optimierung besteht, wenn man der landläufigen Kritik Glauben schenken darf, darin, nur Hits zu schreiben und den Leerlauf, das Schulterzucken und die Dösigkeiten wegzulassen - was vielleicht schon wieder ein neuer Fehler sein mag.
Gruß aus den Neunzigern
Die Luft im Kölner Gebäude 9 ist so schwül, als wäre man mit den dreihundert Zuhörern 1992 in einem Aufzug steckengeblieben. Schon die Lautstärke der Umbaupausenmusik deutet an, dass es laut werden wird, lauter noch als sonst. Unerfreulicherweise läuft ein Stück von Rage Against The Machine - Musik, der inzwischen ein schaler Geschmack von Eifeler Jugendzentrumsfete anhaftet, ein weiterer Gruß aus den frühen Neunzigern. Dann kommen im Dunkeln Laura-Mary Carter und Steven Ansell, das Mädchen und der Junge von Blood Red Shoes. Er setzt sich ans Schlagzeug, sie hängt sich die Gitarre um. Sie sieht aus, als hätten sich Kate Nash und Joan Jett verabredet, um die Hauptrolle in einem Mario-Bava-Film zu spielen, er sieht bloß aus wie ein Junge. Zehn Sekunden verharren sie regungslos, dann geht es los.
Die Musik der beiden ist ein unausrottbares Indie-Punk-Gekeule, das immer wieder junge Leiber zum Toben bringen wird und dem man sich während eines Livevortrags tatsächlich nur schwer entziehen kann. It's getting boring by the sea eröffnet den Abend: ein Riff, ein Rumpeln und der süß kläffende Gesang der beiden.
Wer bei sich bleibt, kommt oft nicht raus
Die Blood Red Shoes kennen keine Gemütlichkeit und Zurückhaltung; alles hier ist mit wehendem Haar ein nach vorn drängendes Poltern, bei dem der Aderlass von Pussy Galore, Babes In Toyland und Fugazi unter Aufbietung möglichst vieler Hooks ineinander blutet. Die Rollen sind klar verteilt: Er ist übermäßig adrenalisiert und reckt immer wieder einen Schlagzeugstock in die Luft, sie bleibt bis zum Ende eher zurückhaltend, schüttelt etwas das Haar und schlendert umher.
Zwischen den Songs gebärdet sich das Duo nicht eben wie Comedypreisgewinner: Hi Cologne, we are Blood Red Shoes, this is the first song of our album. Die Musiker bleiben bei sich und ihrer Musik. Hierin liegt auch die Stärke und die Schwäche der Band begründet: Die Blood Red Shoes machen denkbar geschlossene Musik, die sich für wenig interessiert außer dem eigenen Klangkörper. Das liegt bei diesen grassierenden Gitarre-Bass-Duos, die ständig unter Hochleistungsdruck alle Frequenzbereiche ausfüllen und die reduzierten Mittel mit hohem physischem Aufwand ersetzen müssen, natürlich in der Natur der Sache: Es ist Musik, die ständig alles ausspielen muss und aus der wenig Wegweiser hinaus in die Welt führen.
Trommeln, Zerren, Hüpfen
Beim Hören des Albums fühlt man sich daher auf Dauer mit der Zerr-Gitarre und dem Getrommel etwas allein gelassen; im einstündigen Konzert ist das Ganze dafür umso wirkungsvoller. Die Lieder gewinnen mit der Lautstärke und dem Dampf des Augenblicks: Mal kommen sie als im Viereck umher hüpfender Gören-Pogo, dann wieder als Propeller-Pop daher; stilvollerweise verwechselt die Band niemals Härte mit Muskulösität.
Zur Zugabe tauschen das Mädchen und der Junge die Instrumente, geben sich ausgelassen und stolpern nun fast schon so charmant wie die von ihnen gehassten White Stripes. Dann öffnen sich die Aufzugstüren und entlassen das Publikum ins Jahr 2008. Hier haben sich inzwischen Rage Against The Machine wiedervereinigt. Im Juni spielen sie auf Deutschlands größtem Open-Air-Festival Rock am Ring. In der Eifel.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: jms@jmsphoto.de, Thomas Brill
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