Mick Jagger

Es ist der Sänger, nicht der Song

Von Edo Reents

25. Juli 2003 Zwei Tage vor Mick Jaggers dreißigstem Geburtstag wurde in der "Daily Mail" gemutmaßt: "Historiker kommen in der Zukunft vielleicht zu dem Schluß, daß Mick Jagger & Co. die besten Waffen in der Hand des Establishments waren - Hohepriester einer neuen Religion, die in diesem Fall tatsächlich Opium fürs Volk war." Acht Jahre vorher wußte diese Zeitung von "seltsam affenähnlichen ruckweisen Bewegungen" zu berichten, mit denen die "Rolling Stones" gerade das katholische Münster erschreckten. Die Erklärung für eine Erscheinung, die auch nachher nicht verstanden wurde: "Die haben nichts, was sie interessiert, wofür sie schwärmen, was sie beschäftigt, worauf sie warten, wenn sie ihre Berufs- oder Schulstunden absolviert haben."

Mick Jagger hatte immerhin so viel Wirtschaft studiert, um zu wissen, daß auch die Triebabfuhr ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und nicht gesteuert werden sollte, wenn sie richtig funktionieren soll. "Das Beschissene an John Lennon ist", sagte er später, "daß er nie Marx gelesen hat." Der Beatle war auf sich selbst reingefallen, indem er sich mit Jesus verglich, was Jagger nie in den Sinn gekommen wäre. Der wußte von Anfang an, daß auch ein Religionsersatz wie der Rock'n'Roll nur Opium für das Volk ist. Aber was heißt "nur"? Mehr hatte und brauchte man nicht. "What can a poor boy do than to sing for a rock'n'roll band?", fragte er scheinheilig, aber so undeutlich in "Street Fighting Man", daß man diesen Defaitismus lieber überhörte und die Parole vom Straßenkampf noch herbetete, als Jagger schon sein Schloß bezogen hatte.

Straßenkampf als Pose

Es ist zwecklos, beständig auf den Widerspruch zwischen revolutionärer Attitüde, die nicht nur Jagger sich gab, und Schloßbesitz hinzuweisen. Für Jagger gab es gar keinen; für ihn ergab sich das eine aus dem anderen, weil der Straßenkampf so gut als Pose gedacht war und als solche auch wunderbar funktionierte wie sein unglaublich femininer Auftritt, als er mit der Band 1976 "Hey, Negrita" intonierte. Die Bedingungen für die Musik, die er im Sinn hatte, waren eben die, die der Kapitalismus bereithielt; mit Ideen, wie sie dem amerikanischen Blues zugrundeliegen mochten, den die "Rolling Stones" nicht etwa imitierten, sondern selbstbewußt weiterentwickelten, verschärften, hatten sie nichts zu tun.

Von Anfang an war Mick Jaggers Lebensphilosophie - wenn es so etwas überhaupt gibt bei diesem Mann - eine Größe, die nur im Kopf seiner Bewunderer und Gegner existierte. Das mußte auch so sein, weil Andrew Loog Oldham, der blutjunge und mindestens genauso ehrgeizige Manager und Produzent der frühen Jahre, es so wollte. Die "Rolling Stones", so notierte er auf dem Rückcover des allerersten Albums von 1964, seien mehr als eine Gruppe, sie seien a way of life, etwas, das sich der Phantasien der nationalen Jugend bemächtigt habe. Dies konnte ihnen in einem solchen Maße gelingen, weil die Band offensiv etwas zur Schau stellte, was es in dieser Mischung nicht gab bei der britischen Jugend: Arroganz, Aggressivität, Triebhaftigkeit und Coolness. Sie verkörperte die Verausgabung, Überschreitung, Destruktion. Die Unverblümtheit aber, mit der Oldham die Band zum Lifestyleprodukt machte, sollte schon bald mit einer solchen Heftigkeit auf diese und vor allem auf Jagger zurückschlagen, daß ein weniger zäher und regenerationsfähiger Musiker daran zerbrochen wäre. "Wenn sie wirklich Stilgefühl haben, sorgen sie dafür, daß sie vor ihrem dreißigsten Geburtstag bei einem Flugzeugabsturz umkommen", schrieb Nik Cohn 1970 und brachte Vernichtungsphantasien zum Ausdruck, die abseits von der Popkritik noch viel lebhafter blühten.

Moralisch kompromittiert

Zu jener Zeit hatte Mick Jagger die vermutlich schlimmste Bewährungsprobe seines Lebens gerade hinter sich. Der Mord von Altamont war die Folge eines Fehlverhaltens, das nicht er sich hatte zuschulden kommen lassen, sondern die vollständig berauschten und entsprechend vorgehenden "Hells Angels", die als Ordner engagiert worden waren für das schlimme Gratiskonzert der Band an jenem 6. Dezember 1969 in Nordkalifornien. Auf dem Konzertfilm "Gimme Shelter" ist der Mord an Meredith Hunter, den ein nachher freigesprochener Hells Angel ersticht, nicht direkt zu sehen; wohl aber ein sechsundzwanzigjähriger Engländer, dem es vom Gesicht abzulesen ist, daß er ahnt, was geschehen ist, und der, indem er weitersingt, etwas macht, was man bei der Polizei Deeskalationsstrategie nennt. Bei Jagger, der jeden Polizisten einen Kriminellen genannt hatte, wirkte es nur anders. Die Kritik, die das amerikanische Musikmagazin "Rolling Stone" äußerte, fand in ihm ihr ideales Ziel: "Altamont war das Ergebnis von teuflischem Egoismus, Aufbauscherei, Unfähigkeit, Geldmanipulation und, als Basis all dessen, einem fundamentalen Mangel an Menschlichkeit." Am Ende des Jahrzehnts standen Mick Jagger und die "Rolling Stones" moralisch kompromittiert, aber unverändert vital und künstlerisch besser da denn je.

Verkommen und elegant gingen sie das neue Jahrzehnt an, die einzig verbliebene Großmacht der Rockmusik nach dem Ende der "Beatles" und, nach dem Tod des haltlosen Gitarristen Brian Jones im Juli 1969, mit nur noch einer Identifikationsfigur. Endgültig hatte Jagger seine Rolle, für die er Bewegungsfreiheit brauchte, gefunden. Seine einstige Geliebte Marianne Faithfull erinnert sich an den Schauspieler, als der er 1969 in dem Film "Performance" zu brillieren wußte: "Mick ging großartig daraus hervor, mit einer glänzenden, neuen, undurchdringlichen Rüstung. Er hatte keine Drogenprobleme und keinen Nervenzusammenbruch. Nichts berührte ihn wirklich." Ein unfaßbar schöner Mann mit aufreizend selbstbewußtem, androgynem Gehabe und nicht nachlassendem Ehrgeiz, der seinen Hang zum Jet-Set nun so hemmungslos auslebte, wie er das Establishment vorher brüskiert hatte; der, stärker noch als Elvis, den er später einen "Schlappschwanz" nannte, die Rockmusik als Körpersprache von vorn bis hinten durchbuchstabierte - so stand er da. Und die "Rolling Stones" komplettierten damals die Tetralogie ihrer Hauptwerke, als die wir "Beggars Banquet" (1968), "Let It Bleed" (1969), "Sticky Fingers" (1971) und "Exile On Main Street" (1972) anzusehen haben.

Ungeheure Wucht

Die ungeheure Wucht dieser Platten, auf denen Jagger nicht etwa als der beste, sondern als der einzige weiße Rhythm&Blues-Sänger erscheint, zog die folgenden Alben wie im Windschatten hinter sich her. Es war, seit 1973, die Zeit der Stagnation, fast Degeneration einer Band, die es irgendwann, vermutlich nach ihrer Diskophase um 1980, aufgab, musikalisch Anschluß halten zu wollen, die aber immer gewaltigere Tourneen machte, je belangloser die Platten wurden. Mit den Titeln war im Grunde wenig ausgedrückt, sie ließen sich leicht als banales Programm (miß)verstehen: "(I Can't Get No) Satisfaction" (1965), "You Can't Always Get What You Want" (1969) und, als Krönung des Entertainments, "It's Only Rock'n'Roll (But I Like It)" (1974). Lange bevor Keith Richards sich in einem zeitlosen, unangreifbaren Musizierstatus einrichtete, hatte Jagger die Relativierung seiner künstlerischen Aussagen - und andere gibt es bei ihm nicht - mitgeliefert.

Sie haben beide überlebt. Doch nur Jagger macht man das zum Vorwurf. In der Rezeption dieses einzigartigen Rockmusikers ist oft ein Unbehagen zu spüren, das sich der Tatsache verdanken mag, daß er die alten Rockmythen, nach denen Gier und Beharrungsvermögen sich ausschließen, nach denen sich der Musiker in einer kurzen, intensiven Existenz selbst verzehren muß, widerlegt hat. Wenn man recht sieht, dann fällt auf, daß es diese Langlebigkeit ist, das, was die Leute für angestrengte Jugendlichkeit halten, woraus sie das Recht ableiten, sich über ihn lustig zu machen. Aber wie soll er die wunderbare Musik, die er im Laufe von vier Jahrzehnten mit Keith Richards geschrieben hat, anders darbieten? "Recorded loud, to be played loud" - so stand es einst auf den Plattencovers, und es wäre nicht redlich, wollte Jagger es machen wie Eric Clapton, der seine einst fulminante Musik heute mit der Anmutung eines Bibliotheksangestellten vorträgt und es damit allen recht macht. Mick Jagger macht es nur noch denen recht, die in seine Konzerte kommen, und das sind immer noch genug.

Das Überleben als Schuld - die "Illustrated London News" fragte schon vor zwanzig Jahren: "Was macht ein Stone mit vierzig? Es ist die traurigste Sache der Welt, sich einen vierzigjährigen Stone vorzustellen." Der Rolling Stone Michael Philip Jagger, der an diesem Samstag sechzig Jahre alt wird, kann damit leben.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2003, Nr. 171 / Seite 29
Bildmaterial: AP, dpa, epa, FEM, PA, Pool

 
Das freche Grinsen hatte er damals schon: Jagger als Schüler Eine der größten Klappen der Rockgeschichte Androgyne Ausstrahlung: Jagger 1968 Modisch exzentrisch: Jagger 1998 Legendäre Beziehung: Jagger und Marianne Faithfull Als die Stones noch die Beatles waren: Jagger und Co. in den frühen Sechzigern Auch die Pose macht den Rockstar aus Glimmer Twins: Jagger und Keith Richards Mondän: 1972 heiratete Jagger in St. Tropez Bianca Perez Morena de Macias Böser Bube: 1972 legte sich Jagger in Amerika mit einem Polizisten an Zeremonienmeister