Von Eric Pfeil
24. August 2007 Und wieder einmal sind reisende Hippies in der Stadt. Die vielköpfige Band Herman Düne erweckt bei ihrem Vorgruppen-Auftritt im Kölner Palladium den Eindruck, als wollte sie sich um einen Job als Hauskapelle bei der Sesamstraße bewerben: Die Musik tänzelt und schrammelt, es wird viel versonnen durch Bärte und unter verwachsenem lichten Haar hervor gelächelt. Doch in den Sackgassen der Putzigkeit verenden diese Lieder nicht; dafür wissen sie schon zu viel von den Seltsamkeiten des Lebens. Die Franzosen, die Überschneidungen mit der New Yorker Anti-Folk-Szene aufweisen, fügen während ihres kurzen Auftritts den Begriffen schluffig und unprätentiös bislang ungeahnte Nuancen zu. Ihre hübschen Lieder, die nie allzu weit entfernt vom Abgrund tanzen, können das aber aushalten.
So bereitwillig viele Anwesende dieser freundlichen Band sicherlich ihre Kinder zur Aufsicht anvertrauen würden, so sehr sind sie aber schon abgelenkt: von der großen Kirchenorgel, die hinten links schon wie ein Versprechen auf der Bühne thront; ein Versprechen auf Pomp, auf Größenwahn - und auf Intervention, den besten Song des aktuellen Arcade Fire-Albums Neon Bible, der bekanntlich von dröhnenden Orgelpfeifen eröffnet wird (siehe auch: Das zweite Album von "Arcade Fire").
Die einzige neue Band, die tatsächlich neu klingt
Das Palladium platzt an diesem Abend aus allen Nähten. Es scheint, als sei jeder, der im Zusammenhang mit Popmusik auch nur irgendein leichtes reflexhaftes Zucken aufzubringen in der Lage ist, heute hier: Die Stadt hat auf diese Band gewartet. Rock-Wertkonservative, Musikzeitschriftenabonnenten, Internet-Gesetzlose und allerhand moderesistente Jungs und Mädchen - sie alle harren einer Band, die mehr ist als Gitarrenrock, Indie-Pop oder britischer Schnodder-Punk im vierten Aufguss.
Mit ihrer ungeahnten Verbindung von Talking Heads-Zickigkeit, brüllendem Indie-Rock, Balkan- und Fernost-Sprenkeln und selbstgebasteltem Pathos waren Arcade Fire aus Montreal die einzige neue Band der letzten vier Jahre, die tatsächlich neu klang und damit allen Rummel verdient hatte. Hinzu kam ihre fiebrige Aura und ihr Hantieren mit den ganz großen Themen: Tod und Teufel, Gott und Liebe. Dennoch haben Arcade Fire eigentlich nur zweieinhalb wirklich überragende Songs - den Rest erledigen sie mit dramatischen Gesten und der Bühneninszenierung als geprügelte studentische Chaosfamilie; beidem geht man gern auf den Leim.
Wie eine Off-Theatergruppe aus den Achtzigern
Um halb zehn geht das Licht aus. Auf fünf runden Minileinwänden, die über die Bühne verteilt sind, ist eine atemlose Fernsehpredigerin zu sehen, die verkündet, was eigentlich alle Fernsehprediger verkünden: Wir haben nicht mehr viel Zeit, jetzt aber hurtig. Dann betreten unter ohrenbetäubendem Beifall der ehemalige Theologiestudent Win Butler, seine Frau Régine Chassagne und der Rest der Band die Bühne. Noch im Dunkeln beginnt Chassagne an ihrer umgehängten Leier zu drehen, es dröhnt dumpf und anschwellend, und Arcade Fire eröffnen den Abend mit dem leicht gebremsten Rockabilly Keep The Car Running.
Auf fünf mit roten Lichtern behangenen Ständern sind Kameras montiert, die das Bühnengeschehen auf die Minileinwände übertragen. Die Band hat visuell aufgerüstet, aber der Gestus ist immer noch derselbe: Die siebenköpfige Gruppe (hinzu kommen noch drei Gastmusiker) ist angezogen wie eine unsubventionierte Off-Theatergruppe aus den Achtzigern: Las Vegas trifft auf Nachkriegskabarett, und irgendwie hat man das Gefühl, der alte Tom Waits stakse irgendwo hinten durch das Bühnenbild und suche nach verschollenen Brecht-Texten zu Kurt-Weill-Songs. Die Musik dazu dröhnt wie die seltsame Party einer großen Hippiefamilie, wie eine Beerdigungsfeier mit Hochzeitsfall.
Viertausend wanken wie benommen nach Hause
Arcade Fire mögen nicht immer die besten Songs haben, aber das ist egal: Es ist der Nachdruck und die Dringlichkeit, mit der sie ihren unverkennbaren Fieber-Sound von laut nach leise, von himmelhoch jauchzend nach zu Tode betrübt und wieder zurück jagen. Das theatralische Gebet Windowsill ist ein gutes Beispiel: kein besonders tolles Lied, weder textlich noch musikalisch. Aber die Inszenierung dieses simplen Stücks als ein kollektiver Exorzismus jagt einen Schauer nach dem nächsten durchs Rund. Man kann nur froh sein, dass auch Arcade Fire solche Studententypen sind, sonst wären U2 manchmal nicht weit.
Nach Haiti und dem wogenden Black Mirror ist es dann endlich soweit: Régine Chassagne wechselt an die Kirchenorgel, und Intervention ertönt, ein Song wie eine Kathedrale. Die Gastmusiker an den Streich- und Blasinstrumenten geben alles. Don't wanna fight, don't wanna die / I just wanna hear you cry singt Butler schmerzensmüde: die Familie, der Krieg, die Liebe und der Tod - alles unter einem gotischen Dach. Später am Abend spielen Arcade Fire dann noch das halbgroßartige Neighbourhood # 1 (Tunnels), das war es dann mit der kompositorischen Substanz. Und trotzdem wanken die viertausend wie benommen nach Hause. Die aufregendste Band der letzten Jahre war in der Stadt. Sie hat nur zweieinhalb wirklich tolle Songs (von denen sie einen überhaupt nicht gespielt hat), und in ihre Show haben sich merkliche Routiniertheiten eingeschlichen. Trotzdem hat diese Band ein schönes Konzert gegeben, von dem viele noch lange zehren werden. Seltsam, aber so ist das manchmal in der Popmusik.
Zwei Konzerte im November:
Donnerstag, 8. November: Columbiahalle, Berlin
Sonntag. 11. November: Tonhalle, München
Text: F.A.Z., 24.08.2007, Nr. 196 / Seite 36
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Thomas Brill