Von Christian Riethmüller
14. September 2006 Zurück zur Natur, lautet das Gebot. Zumindest in Hamburg. Die dort ansässigen Vorzeige-Popbands haben Flora und Fauna als Topoi für den Diskurs erschlossen. Tocotronic mögen die Tiere nachts im Wald, Blumfeld erfreuen sich an Äpfeln und Birnen, Fink schwärmen von Kartoffelfeuern und selbstgemachtem Kompott, und Kante schließlich lassen gleich einen ganzen Zoo aufmarschieren.
Auf dem neuen Kante-Album Die Tiere sind unruhig sagen sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht, auch Hunde, Vögel, Bären, Igel, Motten und Käfer huschen durch die Lieder. Einem verklärenden Romantizismus steht bei Kante aber die Musik entgegen. Hier peitscht der Wind schon Regen übers Land, und die unruhigen Tiere könnten in jedem Moment in panischer Flucht davonjagen.
Ein Sturm ist im Kommen
Das Quintett um Sänger, Texter und Gitarrist Peter Thiessen hat mal als Post-Rock-Band begonnen, der die Lautstärke, das Pathos und das Verschwitzte des Rock eher befremdlich erschien. Zwar dominierten von Beginn an die Gitarren, doch integrierten Kante im Lauf der Zeit auch Bläser, Streicher und Chöre in ihren Sound, öffneten sich elektronischen Spielereien, flirteten mit Jazz und Folk und veröffentlichten 2004 mit Zombi ein nahezu perfektes Album, das die Summe all dieser Teile war und nicht zu Unrecht als Meisterwerk gepriesen wurde. Die Tiere sind unruhig ist nicht die völlige Abkehr vom vorherigen Kante-Sound, doch hängen nun die Gitarren tiefer, kommt die Band breitbeiniger und ungeduldiger daher.
Im Titelsong singt Thiessen Ein Sturm ist im Kommen, es könnte jeden Moment passieren und gab damit so etwas wie die Parole für das Kante-Konzert in der sehr gut besuchten Brotfabrik in Frankfurt aus. Bedenken, ob die komplexen Song-Strukturen auch ohne Bläser und Streicher funktionieren könnten, wischte die Band schon mit den ersten Klängen beiseite. Und schon beim zweiten Lied, dem an den Stonerrock von Queens of the Stone Age erinnernden Riff-o-Rama Ich hab's gesehen, mochte man sich Kante gar nicht mehr anders als eben ungestüm vorwärts drängelnde Rocker vorstellen.
Großer Sport
Die Band beschränkte sich aber nicht nur darauf, neue Einfachheit zu zelebrieren. Die Arrangements waren durchaus komplex, erinnerten aber nicht mehr an Jazz-Passagen, sondern eher an die musikalischen Exkursionen diverser Prog-Rock-Bands aus den siebziger Jahren oder aber an aktuelle amerikanische Jam-Rock-Bands. Diese Rockattitüde stand auch älterem Kante-Material wie Die Summe der einzelnen Teile oder Ich kann die Hand vor meinen Augen nicht mehr sehn gut, die mit Feedback und dröhnender Gitarrenschaffe geradezu monströs daherkamen. Großer Sport.
Den lieferte auch die Vorband Sport, Zweitgruppe von Kante-Gitarrist Felix Müller, der hier den Schritt zurück in die späten achtziger Jahre unternahm, als amerikanische Post-Punk-Bands aus Minneapolis und Boston das Maß aller Dinge waren und viele Hamburger Jungs veranlaßten, sich auch die Gitarre umzuschnallen. Zurück zu den Wurzeln ist in gewisser Weise ja auch eine Besinnung auf die Natur. Sport haben das Gebot der Kollegen verstanden.
Text: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 48
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer
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