Patricia Kaas

Schwache Lieder, starkes Geschlecht

Von Magnus Klaue

Ich will alles: Patricia Kaas

Ich will alles: Patricia Kaas

05. Dezember 2003 In einer Epoche, da es kaum noch große Diven gibt und Juliette Gréco als die letzte Überlebende aus den heroischen Zeiten des Chansons erscheint, ist einer Sängerin vom Format Patricia Kaas' der Erfolg so gut wie sicher. Damenhaft und lasziv, spröde und erotisch zugleich, repräsentiert sie jene Mischung aus Kultiviertheit und Nonchalance, nach der sich im Zeitalter der Techno- und Hip-Hop-Girlies nicht nur ältere Semester sehnen.

Wer, von solcher Sehnsucht getrieben, nach Kaas' neuem Album "Sexe Fort" (auf Columbia/Sony) greift, wird jedoch enttäuscht werden. Selten waren die Songs der kühlen Blonden so ganz und gar identisch mit den Klischeevorstellungen, die Publikum und Medien auf sie projizieren. Schon im Titel hallen die Geschlechterklischees der achtziger Jahre unangenehm nach. Daß die Frauen das wahre starke Geschlecht seien und auch Männer ihre schwachen Seiten hätten, war seinerzeit das Standardargument der Pseudo-Emanzipierten, die sich zwischen Frauenbewegung und Hausmutterdasein nicht so recht entscheiden wollten. Gitte sang damals "Ich will alles", und es galt als schick, wenn Frauen auch privat etwas einforderten, statt immer nur brav an der Seite des Mannes zu stehen. Das Lob des Selbstbewußtseins trat an die Stelle emanzipatorischer Politik.

Wo sind die Männer?

Als hätte sich seither nichts Neues ereignet, versammelt Kaas' Album die gesamte bürgerliche Emanzipationsrhetorik jener Zeit. Die Eingangsnummer "Où sont les hommes?" fordert die Männerwelt auf, endlich den selbstgesetzten Ansprüchen gerecht zu werden und so sensibel und stark, intelligent und gefühlvoll zu werden, wie es den Frauen seit langem versprochen wird. "C'est les femmes qui mènent la danse" feiert die Stärke, "J'en tremblerai encore" die Zartheit der Frauen, deren Wesen eben ungemein facettenreich ist.

Überhaupt geht es bei Patricia Kaas, anders als im französischen Chanson, dessen Tradition sie aufgreift, ohne wirklich mit ihr vertraut zu sein, stets um "die Männer" und "die Frauen" statt um einzelne männliche oder weibliche Individuen. Weil nur die Gattung in den Blick kommt und deren Vertreter nicht mit Leben gefüllt werden, läßt sich alles mögliche Unverbindliche über sie sagen, ohne Partei ergreifen zu müssen.

Doch durch bloßes Vermeiden der Lüge erreicht man noch nicht die Wahrheit. Wahr sind Kaas' Songs schon deshalb nicht, weil sie, perfekt durchinstrumentiert und ohne jeden Überraschungseffekt, jene Marktmechanismen reproduzieren, über die sie als anspruchsvolle Liedkunst hinaus sein wollen. Auffällig viele ihrer Nummern tragen ein "Vielleicht" oder "Kann sein" im Titel: "On pourrait", "Tu pourras dire", "Peut-être que peut-être" - Unentschiedenheit und Vagheit scheinen bei Patricia Kaas mittlerweile nicht nur Gegenstand, sondern künstlerisches Programm zu sein.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2003, Nr. 284 / Seite 43
Bildmaterial: dpa, Smi Col (Sony)

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