Bob Dylan im Konzert

Rock ist seine neue Mission

Von Heinrich Detering

03. Juli 2006 Das Amphitheater in Gelsenkirchen, hineingebaut in den Rhein-Herne-Kanal, ist ein romantischer Ort, wie man ihn im Ruhrgebiet zuletzt erwartet. Behäbig ziehen Lastkähne durch eine Gartenlandschaft, im wolkenlosen Abendhimmel kreuzen Schwalben, neugierige Paddler nähern sich der Konzertbühne von der Wasserseite. Es ist ein idealer Ort für das, was zur Zeit „The Bob Dylan Show“ heißt: die Never Ending Tour in ihrem neunzehnten Jahr und, wie schon nach den ersten Takten zu bemerken ist, in Bestform.

Vielleicht liegt es auch an diesem Ambiente, daß Dylan bei seinem einzigen Deutschland-Konzert dieses Jahres so gut aufgelegt ist. Wer allerdings erwartet, in dieser „Show“ etwas zu sehen zu bekommen, wird gründlich enttäuscht. Keine Lightshow, keine Dekorationen (außer der Landschaftskulisse), nur fünf Gentlemen in hellen Anzügen, in ihrer Mitte ein dunkelgekleideter sechster. Sie stehen oder sitzen an ihren Instrumenten, konzentriert und kaum bewegt, zwei Stunden lang. Nur ihre Musik tanzt, daß es eine Lust ist.

Weiß der Himmel, wie er das macht

Wo Dylans Konzerte früher oft mit dem Chaos kokettiert haben, da dominieren jetzt Präzision, Professionalität und eine mitreißende Spielfreude. Nur während der ersten Minuten steht der Magier noch wie versteinert an seinem Keyboard; im Laufe des Abends taut er sichtlich auf, lacht und swingt. Wo seine Stimme in den letzten Jahren oft nur fauchte und bellte, da ist sie wieder - weiß der Himmel, wie er das macht - zum lässig beherrschten Instrument geworden, das zwischen Sprechgesang und aufgekratzten Melodiebögen wechselt. Lange war diese Stimme nicht mehr in so präziser Artikulation zu hören. Liebevoll kostet Dylans Harmonikaspiel die Nuancen der blue notes aus und setzt seine asketischen Riffs gegen die manchmal betörende, manchmal etwas schräge Opulenz der Orgelklänge.

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Stu Kimball an der Rhythmus- und Denny Freeman an der Leadgitarre sind wahrhaftig nicht die kreativsten Instrumentalisten, aber hier entsteht die dichte Sound-Textur oft gerade aus dem Verzicht auf glanzvolle Soloauftritte. Das musikalische Rückgrat des Ensembles bildet ohnehin das Trio aus Dylans Keyboards, Donnie Herrons Slidegitarre und dem Baß von Tony Garnier, dem längstgedienten Mitglied der Truppe. Zwischen ihnen entscheidet ein knapper Fingerzeig über Klang- oder Tempowechsel und die instrumentalen Improvisationen, für die diesmal erfreulich viel Platz ist.

Dylan singt und lacht

Da auch die in den letzten Jahren so dominierenden Swing- und Country-Elemente durch den Rockabilly-Erhitzer geschickt worden sind, gewinnt die Musik eine Schlüssigkeit und Dichte, vor der die Unterscheidung nach Traditionslinien hinfällig wird. Überhaupt spielt Dylan wieder auffallend rockbetont; und zum Glück gerät er dabei nirgends in den lärmenden Leerlauf, in dem crowd pleaser wie „Highway 61“ oder „Summer Days“ sich früher manchmal verloren. Kaum zu glauben, daß dies ausgerechnet im abschließenden „All Along the Watchtower“ kulminiert, diesem eigentlich doch längst abgenutzten Song, den man in solch explosiver Neuinszenierung dennoch hört wie zum erstenmal.

Auch wenn das Programm des Abends sich aus einem mehr als vierzig Jahre umfassenden Songrepertoire speist, klingt, was immer hier zu hören ist, so vital und beschwingt, als sei es Dylan eben erst eingefallen und lebe noch vom Reiz der Neuheit. Allein ein sonderbar verrutschter Versuch mit „Mr. Tambourine Man“, bei dem der Sänger die sanften Melodiebögen mit einem gegenläufig phrasierten Vers-Stakkato attackiert, erinnert an die Zeiten, in denen Konzerte wie dieses vor allem Experimente in Dekonstruktion waren. Das überraschendste Fundstück, das Dylan diesmal aus seinen Expeditionen ins eigene Werk mitbringt, ist der Titelsong des Albums „New Morning“. Er bildet den Höhepunkt des Abends, und er klingt wie sein Motto. „So happy just to be alive / Underneath this sky of blue“, singt Dylan und lacht dabei. Wer an diesem denkwürdigen Abend in Gelsenkirchen dabei war, weiß, was er meint.



Text: F.A.Z, 4.7.2006
Bildmaterial: dpa

 
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