Von Edo Reents
06. Juli 2008 Wenn man ein Auto kauft - was erwartet man dabei am allerwenigsten: dass man eine Bahncard 100 dazubekommt! In meiner Straße gibt es einen Friseur, der Shampoo verkauft, und der Witz dabei ist: Wenn man eines nimmt, bekommt man ein zweites umsonst dazu. Statt gleich den halben Preis zu berechnen, wird noch mal die gleiche Ware draufgepackt. Nachdem ich die Qualität dieses Shampoos einmal getestet habe, erkläre ich mir diese Verkaufsstrategie damit, dass der Friseur eigentlich gar nicht damit rechnet, das Shampoo an den Mann bringen zu können, und wenn es dann doch einmal jemand kauft, dann ist er dafür so dankbar, dass er spontan noch ein zweites drauflegt. Entsprechend wäre es eher noch zu begreifen, wenn ein Autohändler beim Geschäftsabschluss noch ein Zweitauto drauflegte - aber eine Bahncard drauflegen, für ein Jahr ganz umsonst Zug fahren?
Und jetzt ein peinliches Geständnis: Ich habe noch nie etwas aus dem Internet heruntergeladen. Das müsste mich als Vinylkäufer eigentlich nicht kratzen, wenn es der Industrie nicht in den Sinn gekommen wäre, den Schallplatten neuerdings ein Kärtchen beizulegen, mit dem man sich die Lieder aus dem Internet herunterladen kann. Der Vergleich mit dem Autohändler, der einem zum Auto noch eine Bahncard schenkt und den es in Wirklichkeit natürlich gar nicht gibt, liegt auf der flachen Hand.
Cheeseburger ohne Cola
Ich habe mich um diesen Unsinn lange nicht gekümmert, wie ich mich beispielsweise auch bei McDonald's taub stelle, wenn ich meinen Cheeseburger bestelle und ich jedesmal gefragt werde, ob ich nicht auch etwas trinken will. Die Download-Karten habe ich kaum angesehen; ich habe sogar die Aufkleber, die manchmal darauf hinweisen, nie vom Plattencover heruntergerissen, denn damit würde man den Originalcharakter kaputtmachen, und das könnte einem irgendwann, wenn man auf Börsen oder bei Ebay die in die Höhe geschnellten Preise sieht, noch einmal leidtun.
Alles wurde anders, als ich mit einer Platte der Felice Brothers nach Hause kam und innen drin auf etwas stieß, das aussah wie eine geschmackvoll gestaltete EC-Karte. Nanu, dachte ich, wollen mir die Felice Brothers außer ihrer schönen Musik noch etwas anderes zukommen lassen? Auf der Karte stand dann - aber das kann ich hier ja gar nicht sagen, womöglich mache ich mich sogar strafbar, wenn ich den Code jetzt hinschreibe. Man habe, stand da, eine hochwertige Vinylpressung erworben und die Möglichkeit zum Download - for the technologically inclined listeners.
Dropcards? Was ist das?
Mmh, dachte ich, für die technisch aufgeschlossenen Hörer also. Dann wollen wir doch mal sehen, ob ich auch so einer bin. Das Aufrufen der Homepage der Plattenfirma geht absolut problemlos: einfach www.team-love.com/felicebrothersdownload eingeben. Reibungslos verläuft auch das Eintippen des Codes, den ich, wie gesagt, hier leider nicht verraten kann. Und dann tauchen sie auch schon auf, die fünfzehn wirklich ganz ausgezeichneten Lieder dieser Band. Ich versuche es als Erstes mit meinem Lieblingslied: Murder by Mistletoe. Hinter dem Titel steht Download, da klicke ich drauf. Sofort taucht ein Fenster auf: Wählen Sie den Ordner für den Download von www.dropcards.com. Dropcards? Was ist das?
Ich tippe aufs Geratewohl Felicebrothers ein und hoffe, dass nichts schiefgeht. Ein kleines graues Fenster springt ins Bild, darin wird in irrsinniger Geschwindigkeit eine KB-Zahl abgespult. Das dauert vielleicht zehn Sekunden, danach ist das Download-Icon blass - offenbar ein Zeichen, dass sich da etwas getan hat. Aber als ich dann nachsuche unter meiner persönlichen Datei Musik von edo, finde ich das Lied nicht. Ich klicke etwas anderes an, da kommt die Bitte: Datei konvertieren. Ohne Grund wähle ich Codierter Text. Es taucht ein unglaublich langer Text mit scheußlichen Zeichen auf, in denen ich immerhin die Fetzen Felice und iTune erkennen kann. Wo ist die Musik? Ich versuche es noch einmal mit dem zweitbesten Lied, Wonderful Life, speichere es, wieder rasseln die KB-Zahlen im grauen Fenster durch, dann verliert sich auch die Spur von Wonderful Life.
Ich will das alles nicht wissen
Nun gehe ich auf die Startleiste unten links, auf die ist eigentlich immer Verlass; ich gehe auf Dokumente, und da sehe ich unter Eigene Dateien ganz richtig die beiden Lieder. Ich wähle Murder by Mistletoe. Ein Fenster geht auf, da ist von einer Endbenutzer-Lizenzvereinbarung für Produkte und Dienste von Realnetworks die Rede und davon, dass man alle Informationen sorgfältig lesen soll und nichts weitergeben darf. Ich drücke auf Datenschutzerklärung, woraufhin mir lang und breit erklärt wird, wozu die Firma Realnetworks meine Daten braucht. Ich will das alles gar nicht wissen. Hastig überfliege ich den seitenlangen Sermon und hoffe, dass am Ende ein klarer Befehl auftaucht. Aber nichts dergleichen. Statt dessen wird mir eine amerikanische Telefonnummer genannt, die ich wählen kann, falls ich meinen Benutzernamen vergessen sollte. Da könne ich von Montag bis Freitag zwischen 8 und 17 Uhr amerikanischer Westküstenzeit anrufen.
Das wird mir nun doch zu bunt. Ich drücke auf die Login-Taste, komme aber auch da nicht weiter, weil meine E-Mail-Adresse und mein Passwort nicht akzeptiert werden. Ich wähle die Kontoeröffnung bei Realnetworks, wo man seine ganzen persönlichen Daten eingeben muss, dazu, offenbar als zusätzliches Erkennungswort, eine Antwort auf eine Frage meiner Wahl: Wie lautet der Mädchenname Ihrer Mutter?, Wie heißt Ihre Geburtsstadt? oder Welches ist Ihr Lieblingslied? Ich könnte nun ohne weiteres Murder by Mistletoe eingeben, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht. Mir reicht es jetzt. Jeden Tag sehe ich Dutzende von Leuten mit Kopfhörern und einem kleinen Gerät vor der Brust, offenbar einem iPod, die haben sich doch sicher auch Musik irgendwo heruntergeladen und mussten dazu wohl kaum Fragen nach dem Mädchennamen ihrer Mutter, ihrem Geburtsort oder ihrem Lieblingslied beantworten. Nur bei mir soll das nicht möglich sein?
Herabwürdigung von Tonträgern
Das Gefühl, dass es auch an mir liegen könnte, verdränge ich, indem ich schnell auf die Homepage des Musikhändlers jpc gehe, da kenne ich mich schon aus. Ich suche mir die Felice-Brothers-CD aus, drücke auf Details und klicke das elfte Lied an, schon geht es los: Murder by Mistletoe, pling-pling, unendlich sanft. Leider ist es nach einer dreiviertel Minute wieder vorbei, das sind ja nur Appetithappen. Doch das reicht mir für den Moment. Immerhin kann ich von mir sagen: Wenn es darauf ankommt, bin ich in der Lage, mir Musik im Internet anzuhören. Ich bin nur nicht bereit, diese Herabwürdigung von Tonträgern, die sich weiß Gott bewährt haben, mitzumachen.
Ein Problem bleibt: Zwei Felice-Brothers-Lieder sind jetzt in meinem Computer drin; unter Dokumente/Eigene Dateien kann ich mir sie jederzeit ansehen. Nur hören kann ich sie nicht. Wie uralte Insekten, eingefroren in Bernstein, so kommen sie mir in ihrer stummen Schönheit vor. Und doch fühle ich mich nach diesem desaströsen Manöver eigentümlich beschmutzt. Ich hätte diese Lieder dort lassen sollen, wo sie waren: auf meinem Plattenteller zu Hause. Wer weiß, wenn ich meine Felice-Brothers-Platte heute Abend um Verzeihung dafür bitte - vielleicht werde ich erhört. Und die beiden Lieder von meinem Computer würde ich gern weiterverschenken, wenn ich nur wüsste, wie man sie da wieder wegbekommt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel
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