The Breeders

Glück als warmes Gewehr

Von Eric Pfeil

24. April 2008 Das Lachen von Kim Deal: Nichts bringt die Unschuld des Indie-Rock der späten Achtziger und frühen Neunziger so auf den Punkt wie dieses einnehmende Fortgrinsen der Wirklichkeit. Es ist ein Lachen, das in gesteigerter Form auch nach Raucherhusten klingen konnte, aber die Herzen von Jungs in flatterigen T-Shirts höher hüpfen ließ. Natürlich klaffte hinter diesem Lachen ein Abgrund, doch das konnte man damals allenfalls erahnen. Dabei war die Pixies-Bassistin und Breeders-Sängerin schon früh ein Fall für die Narkotiker-Olympiade und kämpfte mit Drogen und Alkohol. Inzwischen sind sie und ihre Zwillingsschwester und Mitmusikerin Kelley Mitte vierzig und haben mehrere Entziehungskuren hinter sich.

Kim Deal lacht allerdings immer noch so, als nähme sie alles leichter, als es sich für einen erwachsenen Menschen gehört. Aber mittlerweile kann sie es sich leisten. Im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre haben sich The Breeders öfter aufgelöst, als es Platten von ihnen gibt. Doch im Gegensatz zu Deals anderer Band, den Pixies, bedarf es bei ihnen keiner hochdotierten Wiedervereinigung - die Band macht einfach alle paar Jahre ein neues Album und geht auf Tournee.

Nach drei Songs steht der Saal kopf

Mit dem rumpelnden „Overglazed“ beginnen die Breeders ihr einziges Deutschlandkonzert im Kölner Luxor: Es poltert und scheppert, während Kim Deal hinter strähnigen Haaren hervor immer wieder an der Peripherie ihrer Ausdrucksmöglichkeiten „I can feel it“ ins Mikrofon ruft. Das Stück klingt, als wäre es der Band erst auf dem Weg zur Bühne eingefallen, aber Kim Deals Vortrag macht klar, dass in dieser windschiefen Konstruktion nichts dem Zufall überlassen ist. Die harten Jahre sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen: Sie sieht aus wie eine freundliche Energiebällchenverkäuferin auf dem Mittelaltermarkt. Sobald sie aber singt - und lächelt -, merkt man, dass sie alles hier unter Kontrolle hat. Nach drei Songs steht der Saal kopf.

Wer die Breeders zum Pop-Fossil der Neunziger abstempelt, ignoriert damit die zeitlose Besonderheit dieser abseits stolpernden Lieder. Der Springseil-Pop der Band klingt zwar wie ein angetrunkener Bote aus einer unschuldigeren Ära, trägt aber eine wichtige Kunde in die Jetztzeit: Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, als sogenannter Alternative Rock sich noch nicht in ödem Präzisions-Pop erschöpfte oder darin, klassische Genres nachzustellen; die Breeders waren und sind Meister darin, neue Schwerpunkte innerhalb einer klassischen Konstruktion zu setzen - ob nun aus Abenteuerlust oder schierer Beknacktheit. Schönheit entspringt hier aus dem Nebensächlichen, dem Abwegigen. Scheinschluderig und Abschweifungen antäuschend, kommen alte und neue Songs daher; punktgenau schießen die Breeders mehrmals am Ziel vorbei. Selbst der zu Tode genudelte Hüpfball-Hit „Cannonball“ klingt immer noch wunderbar abstrus.

Küchenschaben in der Pfeife

Kim Deal, das ist dennoch nicht zu leugnen, wirkt, wie sie da so über die Bühne eiert, bisweilen wie die Verkörperung der kauzig gewordenen Tante Indierock, aber auch wie ein patenter Haudegen, den man vor nichts zu beschützen braucht außer vor sich selbst: Es wäre ihr zuzutrauen, dass sie Küchenschaben zerquetscht und in der Pfeife raucht. Daneben steht ihre unablässig grimassierende Schwester Kelley, deren Gitarre wie ein kaputtes Kinderspielzeug zum Aufziehen klingt. Sie ist der leichtfüßige Gegenpart zur hochkonzentrierten, in der Musik verlorenen Kim. Trotzdem sind diese merkwürdigen Frauen keine tragischen Gestalten; sie sind Menschen, mit denen man gerne mal ein paar Gläser Wasser trinken würde. Irgendwann spielen sie eine wunderbar zerfallene Version von Lennons Heroin-Ballade „Happiness Is A Warm Gun“, und Kelley singt: „I need a fix, 'cause I'm going down“. Kim sekundiert: „Bang bang, shoot shoot“.

Das Konzert endet mit dem strubbeligen „German Studies“: „Ich bin nicht verschwunden, lass das Licht an“, singen die Schwestern. Dann gehen sie ab. Lachend.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Edgar R. Schoepal

 
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