Peter Licht und Maximilian Hecker

Feste der Schönheit, Hymnen des Schmerzes

Von Jörg Thomann

Porträt des Künstlers als Kartoffel: Peter Licht

Porträt des Künstlers als Kartoffel: Peter Licht

22. April 2003 Der Sommer hat begonnen. Er hat sich schon angekündigt, als unlängst die neue Single von Peter Licht veröffentlicht wurde, die von einem hundsgewöhnlichen, doch um so wundersameren „Safarinachmittag“ kündete, verbracht in der Steppe vor der Stadt. Nun ist auch das Album im Handel, das sich „Stratosphärenlieder“ nennt. Damit ist die Sommerzeit definitiv angebrochen.

Die Stratosphäre, erklärt uns der Künstler, „ist die mittlere Schicht der Erdatmosphäre und liegt zwischen 11 und 50 km über der Erde. Regen gibt es dort nicht, denn Wolken kommen nicht vor.“ Das war schon im Sommer vor zwei Jahren so, als derselbe Peter Licht sich aufs „Sonnendeck“ begab und ihn zahllose Schallplattenkäufer dorthin begleiteten. Lichts Stern erstrahlte hell, doch der Sänger blieb im Schatten: Im Video zu „Sonnendeck“ überließ er die Hauptrolle einem reisenden Bürostuhl. Er selbst trat nicht in Erscheinung, weder im Video noch auf einer Konzertbühne.

Wer Augen hat, der höre

Bekenntnis zum Gefühl: Maximilian Heckers "Rose"

Seine „Stratosphärenlieder“ vermarktet Peter Licht nun mit Hilfe eines Kartoffelmännchens, mit welchem er sich diesmal wenigstens ein Alter ego zugelegt hat, das Augen hat. Doch ansprechen will uns Licht weiterhin nicht optisch, sondern akustisch, und mit seinem neuen Album gelingt ihm dies vortrefflich. Die Musik ist so luftig, leicht und wolkenlos, daß sie auch die letzten Erinnerungen des Hörers an den Winter nach wenigen Minuten vertrieben hat.

Als ein Meister der Harmonie vereint Peter Licht in seinen Klangwelten feindliche Paralleluniversen, wenn er etwa seinen „Safarinachmittag“ mit von einem fernen Grammophon gespielten Bachschen Violinen-Intro einleitet, gemeinsam mit einer Frauenstimme einen operettenhaften „Dabdabbadabbadab“-Wechselgesang anstimmt und der Synthesizer Töne ausspuckt, die unsere Köpfe umschwirren wie vorwitzige Insekten auf einer Sommerwiese. Dazu singt Licht in seinem typischen beiläufigen Tonfall von den Freuden eines Sommernachmittags, wie man ihn mit Freunden oder mit einem Freund oder einer Freundin verbringt, unbeschwert und zeitvergessen und so offen für die Welt, daß sich mit jedem Atemzug die Lunge mit Glück füllt.

Die Entdeckung der Schönheit

Der Safariwagen des Liedes entpuppt sich im dazugehörigen Video als profaner Einkaufswagen, doch Profanes gibt es nicht für Peter Licht. „Und der Tag beginnt mit der Entdeckung einer Schönheit“, hebt er an in seinem „Morenlied“, schickt sodann einen Schläfer auf die Reise und trägt ihm Grüße auf nicht nur für Sonne und Sterne, sondern auch für die deutlich seltener besungenen Straßen und Industriegebiete. Selbst der oft verteufelte Nahverkehr wird mit Lob bedacht dafür, daß er die Gesellschaft zusammenführt: „Autobahnen und Schienenwege helfen ihm dabei.“

Welch eine wundervolle Welt - betrachtet man sie aus der Sicht des Peter Licht. In dessen mal dadaistischen und subversiven, mal auch seichten und albernen Versen finden Antilopen, Termiten und selbst ein ausgestorbener Gesell wie der Archäopterix ein Obdach; ebenso der Gelbspötter, der Grauschnapper und der Zilpzalp, deren Gezwitscher auf dem Song „Klappergrasmücke“ ertönt, weshalb Licht sie gerechterweise in den Credits auftauchen läßt. Wer auch immer sich hinter dem Kartoffelmann Peter Licht verbirgt, es muß sich bei ihm um einen glücklichen Menschen handeln, der in völligem Einklang mit der Schöpfung lebt.

Hecker im Alleingang

Auch Maximilian Hecker ist ein Höhenflieger, doch in den Sphären, in die der junge Berliner seine sehnsuchtsvolle Stimme schraubt, ist es eiseskalt und einsam. Während Peter Licht mit seinen Freunden in der Sommersonne über die Wiesen tanzt, bleibt Hecker bei zugezogenen Vorhängen in seinem Zimmer und gibt sich der Melancholie hin. Heckers Blick ist streng nach innen gerichtet. Ganz allein ist der Musiker mit seiner Seelenqual, und ganz allein hat er auch sämtliche Instrumente auf seinem Album „Rose“ gespielt, weil das, was er fühlt, seiner Überzeugung nach nur er selbst musikalisch auszudrücken vermag.

Seinem Welt- und, vor allem, Liebesschmerz frönte Hecker schon auf seinem Debütalbum „Infinite Love Songs“, mit dem sich der seinerzeit 23-Jährige zum musizierenden Wiedergänger Werthers stilisierte. Sogar in Amerika erhörte man die Berliner Elegien des deutschen „wunderkinds“; die „New York Times“ nahm seine Platte in ihre Bestenliste 2001 auf. Für Hecker, der eben noch als trauriger Straßenmusikant am Hackeschen Markt gestanden hatte, hatte sich offensichtlich ein amerikanischer Traum erfüllt.

Ruf nicht an

Von seinem Leid erlöst hat ihn der Erfolg jedoch nicht - weshalb Heckers neue Platte „Rose“ nicht weniger Schwermut, Herzschmerz und Pathos bietet als das Erstlingswerk. Der erste Song „Kate Moss“ gibt die Stimmung vor, wenn zunächst tieftraurige Pianoklänge tränengleich dahinplätschern, nach anderthalb Minuten Heckers Falsettstimme den grausamen Satz des vergötterten Mädchens haucht, er solle sie bloß nicht zurückrufen, bis schließlich das leise Klagelied anschwillt zu einer gewaltigen elektronischen Symphonie des Schmerzes, die den Hörer mit voller Wucht erfaßt und überwältigt.

Hecker bekennt sich zum großen Gefühl und zum Kitsch, scheut nicht zurück vor den abgegriffensten Stereotypen der Liebeslyrik und ist so kühn, das Cover seines Albums mit nichts als einer roten Rose zu zieren. Wo ein Peter Licht einen fröhlichen Dilettantismus quer durch alle Genres pflegt, strebt Maximilian Hecker danach, seinen Stil zu perfektionieren: „Ich versuche immer Hymnen zu schreiben, die auf die zwölf gehen und dann fast übertrieben sind“, beschreibt er seine Lieder, die er stets mit dem Ziel komponiert, „mein eigenes Beatles-Stück“ zu erschaffen.

I Love You, I Need You

Bis dahin ist es für Maximilian Hecker freilich noch ein langer Weg. An seiner stimmlichen Ausdruckskraft wird er ebenso arbeiten müssen wie an seiner musikalischen Bandbreite und vor allem an seinen Texten. Wenn er „Want You Tonight“ auf „Hold Me Tight“ reimt, wenn er die Zeile „Hold Me Now, Heal My Wounds“ bis zum Überdruß wiederholt oder in dem Song „That's what you Do“ singt: „I Want You, I Need You, I Need You, I Love You Girl With All My Heart“. Mit derartiger Dichtkunst ist das Wunderkind Hecker auf dem Niveau von „Superstar“ Alexander Klaws angelangt.

Es spricht für ihn, daß er das selbst gar nicht abstreitet: Der Text sei „so billig“, daß sogar die Hörer des dumpfsten Formatradios ihn verstehen könnten, zugleich aber „so wahr“. Und auch wenn er betont, daß seine Lieder ihm zur „Selbstfindung“ dienten und es ihm mit seinem heiligen Ernst völlig ernst sei, so betreibt Maximilian Hecker doch ein nicht minder souveränes Spiel mit Image und Identität als der geheimnisvolle Peter Licht. Man ahnt es, wenn man einen sanft lächelnden Hecker im Video zu seiner Single „Fool“ hinter einem Vorhang aus Milch (!) auftauchen und engelsgleich durchs weiße Bild schweben sieht.

Man möchte ihn ermutigen, es bei dem Lächeln nicht bewenden zu lassen, und sanft anstoßen: Junge, lach doch mal. Denn bis es wirklich mit dem einen rundum perfekten, tragisch-schönen Popsong klappt, schreibt Hecker womöglich noch unzählige andere, die zwar jeder für sich bemerkenswert, in ihrer Häufung jedoch langweilig sind. Das wäre bei Heckers Talent äußerst schade. Man wünschte ihm, er würde bald ausbrechen aus seiner selbstgewählten Isolation und sich von anderen dazu inspirieren lassen, auch mal andere Routen zu beschreiten als immer nur den Passionsweg. Es sollte ihn vielleicht mal jemand mitnehmen auf einen unbeschwerten Safarinachmittag.

Peter Lichts „Stratosphärenlieder“ sind bei Modul/BMG, „Rose“ von Maximilian Hecker ist bei kitty-yo erschienen.



Text: @jöt
Bildmaterial: kitty-yo

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