Von Julia Bähr
12. April 2007 Zwischen all den T-Shirts am Devotionalienstand hängt bereits ein Hinweis darauf, dass diese Band ein bisschen anders ist: Ein Turnbeutel in dramatischem Pink mit aufgedrucktem Bandlogo - einer Schere mit Frauenbeinen in Pumps - ist hier zu erstehen. Alles über Schuhgröße vierzig passt allerdings nicht hinein, und die meisten Konzertbesucher können sich an ihre Schulsport-Zeiten wohl ohnehin nicht mehr genau erinnern. Lieber lassen sie sich vom Tamburin dazu antreiben, ekstatisch durch das Münchner Zenith zu hüpfen. Denn die Scissor Sisters sind gelandet, direkt vom Paillettenplaneten, und bringen Glamour in diese Halle von herausragender Scheußlichkeit.
Zu einer quietschbunten Lichtshow spielen die New Yorker als Einstieg ihre aktuelle Single She's My Man. Keine Sekunde kann Frontmann Jake Shears stillhalten, von Beginn an führt er seinen eigenwilligen Tanz zwischen Charleston und Disco auf. Die anderen Bandmitglieder verblassen neben ihm, obwohl insbesondere Sängerin Ana Matronic sich Mühe gibt, tänzerisch mitzuhalten. Wie ehrenwert das ist, zeigt sich erst am Ende, als sie mühsam über die seitliche Gangway zurück in die Garderobe stakst: Ihre Schuhe sind ganz offensichtlich nicht zur Fortbewegung geeignet.
Elton John ist allgegenwärtig
Shears dagegen schwebt wie auf Luftpolstern, er ist Animateur, Stripper und teilweise auch seine eigene Parodie in Personalunion. Nebenbei bringt er verblüffenderweise auch noch genügend Luft zum Singen auf. Sein leicht quäkiges Falsett komplettiert die Siebziger-Jahre-Popmischung der Band: Die Gitarren rocken wie bei C.C.R., ABBA liefern ein paar Harmonien, die Bee Gees den Gesang, der frühe Bowie die Pose und Elton John - Elton John ist allgegenwärtig.
Das liegt nicht nur daran, dass vor allem Take Your Mama, der größte Erfolg vom ersten Album, wie eine vergessene Nummer des Idols klingt. Elton John ist Coautor des Ohrwurms I Don't Feel Like Dancing, dem der gute Kartenverkauf der Tour hauptsächlich zu verdanken ist. Dem Publikum ist sehr wohl nach Tanzen, und das zeigt es auch, bis in die letzte Reihe, während Shears sich auf der Bühne immer weiter entblättert und seine Socken mit großer Geste in die ersten Reihen wirft. Zwei Lehren sind aus seiner Performance zu ziehen. Erstens: Solange man noch ellenbogenlange Satin-Handschuhe trägt, kann man nicht als halbnackt bezeichnet werden. Und zweitens: Ausdauersport in einem transparenten Plastik-Regenmantel muss nicht automatisch zum Kreislaufkollaps führen.
Begeisterung für das nächtliche Fernsehprogramm
Eine gewisse Doppelbödigkeit in den Texten gehört zum Konzept. Das kommt alles so federleicht fröhlich daher, voller Rasselklänge und Dur-Akkorde, und beinhaltet dann Zeilen wie diese: Oh I could bury you alive / But you might crawl out with a knife / And kill me when I'm sleeping. Während die Band dafür in Großbritannien mit Preisen überhäuft wurde, konnte sie in den Vereinigten Staaten außerhalb der Schwulenszene keine großen Erfolge landen, was mit ihrer Offenherzigkeit zusammenhängen dürfte.
Der Bandname ist einer Bezeichnung für eine lesbische Sexstellung entlehnt; und von der Bühne herab tun die Musiker beim Konzert ihre Begeisterung für das nächtliche Fernsehprogramm in Deutschland kund, bei dem sich Frauen auf Sportgeräten räkeln. Zwei deutsche Sätze geben Jake Shears und Ana Matronic außerdem zum Besten. Die sind nicht druckfähig, so viel sei allerdings verraten: Aus dem Free-TV stammen sie nicht.
Bei aller Verehrung für die siebziger Jahre sind die Glitzersteinchen und Fransenhemden nicht nur eine Hommage an eine ferne Popepoche. Sie sind außerdem die perfekte, harmlos wirkende Mimikry für eine schwarzhumorige Band mit Faible für geschlechtlich orientierten Witz und politisch unkorrekte Allegorien. Man möge bei der Ballade Feuerzeuge hochhalten, bittet Ana Matronic, oder Handys oder brennende Babys, was auch immer. Sprüche wie beim Heavy Metal, dazu ein artiges Lächeln wie in der Klosterschule - wer Paillettenstoffe trägt, kann sich einfach mehr erlauben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp