Von Heike Makatsch
25. Oktober 2004 Die Geschichte der Libertines ist erst eine kurze. Und sie ist traurig, denn es steht in den Sternen, ob die Band um Pete Doherty und Carl Barat weiter Bestand haben kann. Oder ob die glorreiche Allianz zweier junger Männer, von denen einer sich am Leben verbrennt, so schnell wieder zerbrechen muß.
Die Zeichen stehen nicht gut. Denn Pete Doherty, geniales Enfant terrible und Drogenmißbraucher der Band, wurde nun von den übrigen drei Mitgliedern ausgeschlossen, weil er dem Teufelskreis aus Heroin und Crack nicht zu entkommen scheint und ihn auch die zigste Entzugsmaßnahme nicht von dem Zeug wegbringen konnte. Wie schmerzhaft der Kampf mit der Droge und der daraus resultierende Verlust einer Freundschaft für Pete und Carl, den zweiten Kopf der Band, sein muß, hört man auf ihrem neuen Album "The Libertines". Da ringen zwei Liebende um Vertrauen, Vergeben, Überleben und um "the dreams we had".
Wie nach einem durchfeierten Wochenende
Die Musik ist eine Mischung aus dem Rhythm 'n' Blues der Stones der sechziger Jahre, dem Punk von Clash - und der Freiheit, die sich ein Libertin nimmt, sich von seinen Vorbildern zu lösen. Und sie klingt so wackelig und unvorhergesehen, als würde ihre Schönheit jeden Moment auseinanderbrechen können. Als wüßte die Musik, daß der höchste Moment des Glücks immer nur so kurz gehalten werden kann wie ein gerade gespielter Ton. Und so singen Pete Doherty und Carl Barat, als hätten sie ein durchfeiertes Wochenende auf sieben Tage verlängert und könnten jeden Moment erschöpft zusammensinken.
Ihre Harmonien scheinen wie improvisiert, manchmal ein Drahtseilakt, aber selbstbewußt, laut und frech. Und der Zuhörer freut sich, daß die Härchen, die auf seinem Arm hochstehen, nicht von einer schiefen Note herrühren, sondern von der Perfektion, die nur im Imperfekten liegen kann. Ihr Produzent Mick Jones, ehemaliges Clash-Mitglied, schwört, daß alle Turbulenzen der letzten zwei Jahre auf diese Platte gepreßt wurden. Und turbulent waren sie!
Die Gründung der besten Band der Welt
Als sich Doherty und Barat 1996 kennenlernten, gaben sie sich das Wort, die "beste Band der Welt" zu gründen. Sie machten sich an die Arbeit, und sie machten es gut. Ihr Debüt-Album "Up the Bracket", das auch Mick Jones' Handschrift trug, erschien zu einer Zeit, als Gitarrenbands wie The Hives, The Vines, The Coral, The Doves die Musikszene überschwemmten. Obwohl wir das Jahr 2002 schrieben, wurde ihre zweite Single "I get along" im englischen Radio nicht gespielt, weil darauf mehrmals die Worte cunt (dreimal), fuck (dreimal) und pissed (dreimal) zu hören waren. Doch all das tat dem Erfolg keinen Abbruch, sie eröffneten Konzerte für die Strokes, ihr Album schoß in die Top 40, auch in Amerika fanden sie Gehör.
Um sich europaweit als führende Punkrockband (ach, sie sind soviel mehr als das!) zu etablieren, war 2003 eine Tour über den Kontinent geplant. Von hier aus wäre vielleicht in einem anderen Leben, mit einer anderen Band, alles nur noch glatt gelaufen. Nicht so bei den Libertines, die mit Pete Doherty einen unersetz-, aber auch unberechenbaren, allen Regeln und Konventionen trotzenden, mit dem Tod flirtenden, Rock-'n'-Roll-Piraten als Seele brauchen. Und der war plötzlich nicht mehr funktionstüchtig. Stieg einfach aus, gab sich der abgeschotteten Welt des harten Drogenkonsums hin und ließ auf der Tour einen Ersatzmann auftreten.
Einbruch in die Wohnung des Freundes
Etliche Auftritte wurden abgesagt, und wenn er doch mal auftauchte, wie bei einem Konzert in der Brixton Academy in London, zertrümmerte er nach halbgespieltem Konzert seine Gitarre, um wortlos die Bühne zu verlassen. Immer wieder versuchte er, in Kliniken seine Sucht in den Griff zu kriegen, aber "Mrs. Brown" behielt die Oberhand. Man kann sich vorstellen, auf welche Proben Carl Barats Liebe zu seinem Freund Pete gestellt wurde, als dieser im Sommer 2003 - der Rest der Band tourte gerade in Japan - in Barats Wohnung einbrach. Er entwendete Computer, Gitarren, Heimorgeln. Um Drogen zu kaufen, vielleicht auch, um nach Hilfe zu schreien. Doherty mußte für zwei Monate ins Gefängnis, und als die Strafe abgesessen war, nahm Barat ihn mit offenen Armen wieder auf. Es konnte weitergehen.
Das Cover ihres neuen Albums ist ein Schnappschuß und zeigt die beiden bei dem ersten gemeinsamen Konzert nach dem Knast-Intermezzo. Beide strecken uns ihre zarten Arme entgegen, jeweils geschmückt mit dem Tattoo, das ihren Bund des Lebens zelebriert - "Libertine". Doch während Barat provokant in die Kamera schaut, als wolle er seinen Freund beschützen, ist Doherty in sich zusammengesunken und starrt auf seine entblößte Armkuhle. Als würde er sich Gedanken machen, welche Vene den nächsten Schuß empfangen soll.
Die ungesunde Dynamik zwischen den beiden Helden der Subkultur hat eine wunderschöne Platte hervorgebracht. Sie erzählt die herzzerreißende Geschichte zweier wilder, leichtfertiger Freigeister, die einmal wie Brüder waren und jetzt nicht mehr die gleiche Sprache sprechen. Aber der Wunsch danach, daß alles wieder werden wird, die Hoffnung darauf liegt in jedem Wort und in jedem Ton.
The Libertines: "The Libertines", erschienen bei Rough Trade.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.10.2004, Nr. 43 / Seite 32
Bildmaterial: AP, Rough Trade
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