„Tokio Hotel“

Die Grünschnäbel

Von Peter Richter

12. September 2005 Das Lied „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel hat es auf Anhieb an die Spitze der deutschen Single-Charts geschafft, was recht erstaunlich ist. Denn die Band war bislang komplett unbekannt, was man wiederum über die Musik, die sie macht, nicht sagen kann. Das Stück erfüllt vollumfänglich den Tatbestand einer sogenannten Rockballade. Es wird von einer Stimme vorgetragen, die hin und wieder kleine effektvolle Kiekser macht und durchaus gut zu einer Sängerin passen würde, die zu lange in verrauchten Kneipen kellnern mußte.

Tatsächlich gehört sie aber einem 15jährigen Jungen, der sich in dem dazugehörigen Video in einer Weise aufführt, als müßte sich seine Mutti ein paar Sorgen um ihn machen. Dieser Junge heißt Bill Kaulitz und wohnt mit seinem Zwillingsbruder Tom in Magdeburg, woher auch der Bassist und der Schlagzeuger kommen, die nur unwesentlich älter sind. Dafür, daß Bill Kaulitz sich auf offiziellen Band-Steckbriefen als introvertiert beschreibt, redet er erstaunlich viel, gerne und freimütig. In der aktuellen Ausgabe der Jugendzeitschrift „Bravo“ zum Beispiel räsoniert er staatsbürgerlich: „Ich bin für einen neuen Kanzler: Günther Jauch. Der ist der seriöseste.“ Er selbst wirkt dabei allerdings weniger wie einer, der gern Günther Jauch wäre, sondern eher so, als wisse er noch nicht, ob er mal Mann, Frau oder Brian Molko von Placebo werden will.

Dieses androgyne Styling habe er allerdings „schon ganz lange“: „Seit ich denken kann eigentlich. Es sei denn, ich habe keinen Bock, dann setze ich nur ein Basecap auf und schminke mich halt nicht, aber das ist äußerst selten.“ Seine Hausaufgaben erledigt er deshalb in der Regel mit blau angemalten Fingernägeln in dem Bus, in dem die schulpflichtige Band von einem geduldigen Fahrer zu ihren Auftritten und Interviews gefahren wird. Am Anfang, als sie sich noch Devilish nannten und eine Schülerband unter vielen waren, beschränkte sich das auf den Raum Magdeburg, mit dem Namen Tokio Hotel sind die Ziele jetzt gelinde gesagt etwas weiter gesteckt.

Eigentlich eine gute All-in-one-Lösung

Die Texte, beteuert Bill Kaulitz, schreibe er selbst, die Musik entstehe in enger Zusammenarbeit mit ihren Hamburger Produzenten. Diese tragen so unglaubliche Produzentennamen wie „Dave“ Roth und „Pat“ Benzner und zeichneten in der Vergangenheit für die mehr oder weniger großen Erfolge von Patrick Nuo, Oli P oder der späten Marianne Rosenberg verantwortlich, wobei die Musik, die sie für Tokio Hotel schreiben, so klingt wie all das zusammen plus Heavy-Metal-Gitarren. Das Titelstück des demnächst erscheinenden ersten Albums „Schrei“ ist für die Verhältnisse von Teenager-Produzenten-Pop sogar richtiggehend hart. Eigentlich eine sehr überzeugende All-in-one-Lösung. Denn so haben sowohl die kleinen Mädchen etwas zum Süßfinden und Ankreischen, und den gleichaltrigen Jungs muß eine Platte von Tokio Hotel nicht gleich irre peinlich sein.

Das bemerkenswerteste an diesem Debütalbum ist vorläufig vor allem die Tatsache, daß es erst am 19. September erscheint, aber im Internet faktisch jetzt schon als die schlimmste Platte der Popgeschichte gilt. Gemessen an der freundlichen Harmlosigkeit der vier Magdeburger Schüler und ihrer Musik haben sie es bereits zu einer sehr beachtlichen Menge an Beschimpfungen und Verwünschungen gebracht. Und ziemlich viele davon lesen sich ehrlich gesagt fast so, als hätte sie jemand von der Plattenfirma gleich selbst geschrieben. Dominiert werden die Meinungsäußerungen über Tokio Hotel natürlich durch kritisches Kopfschütteln der bösen, gewissenlosen und vor der Ausbeutung von Kinderarbeit nicht zurückschreckenden Hintermänner aus der Plattenindustrie. Dabei kann man denen vielleicht gar nicht genug Respekt zollen für diesen verblüffenden Hype, der es jetzt ein paar Kids erlaubt, den Rockstar mal für eine Weile nicht nur alleine vor dem Spiegel zu mimen.

Abgeklärter als jede Shell-Jugendstudie

„Wir sind 'ne Boygroup, und gecastet sind wir auch, und nächsten Sommer lösen wir uns wieder auf“, stellen Tokio Hotel auf ihrer Platte vorsichtshalber gleich selber klar. „Wir wissen, daß es ganz schnell vorbei sein kann, deshalb wollen wir auch unbedingt alle unser Abi machen, damit wir dann noch andere Optionen haben“, sagt Tom Kaulitz sehr vernünftig, und sein Bruder Bill mißt dem Bandlogo, das er sich in den Nacken tätowieren lassen hat, für diesen Fall jetzt schon einen Erinnerungswert an eine „trotzdem schöne Zeit“ bei.

Das klingt einerseits abgeklärter als in jeder Shell-Jugendstudie, andererseits aber vielleicht auch ermutigender als etwa die Drohung „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ der ebenfalls über die Maßen erfolgreichen Band Wir sind Helden. Die vielen weiblichen Klaus Lages des aktuellen deutschen Musikbetriebes, die vielen Silbermonde, Julis und Helden mit ihrem Gewerkschaftspop, gelten zwar vielleicht mit Recht als „authentisches“ Gegengewicht zu solchen mutmaßlich am Reißbrett entworfenen, fremdgesteuerten, schnellvergänglichen Bravo-Cover-Bands wie Tokio Hotel. Diesen muß man dafür aber unbedingt zugute halten, daß sie nicht nur klingen wie fünfzehn - sondern es im Gegensatz zu den anderen tatsächlich auch sind.

Das Album „Schrei“ erscheint am 19. 9. bei Universal, die Single „Durch den Monsun“ gibt es schon.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.09.2005, Nr. 36 / Seite 30
Bildmaterial: Universal Music

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