Punk-Club „CBGB“

Die Anarchie gibt's jetzt bei Ebay

Von Meike Laaff, New York

Durch diese Tür gingen viele, die ganz groß wurden

Durch diese Tür gingen viele, die ganz groß wurden

18. Oktober 2006 In einem löchrigen Mantel steht Patti Smith mit einer uralten Polaroid-Kamera vor einem Rockclub in New York und schießt Bilder. Sie reißt die Schutzfolie ab, wartet, bis sie sich entwickelt haben, und betrachtet sie. Unscharfe, verwaschene Fotos sind es, die sie im Zwielicht ohne Blitz geschossen hat - sie sehen aus wie alte Aufnahmen aus einer längst vergangenen Zeit. „Ich bin eben nostalgisch“, sagt sie, steckt die Fotos in ihre großen Manteltaschen und verschwindet im Inneren des Clubs. Zur Nostalgie hat sie Anlaß; sie hat eben die letzten Erinnerungsfotos von dem Ort gemacht, an dem sie ihre ersten Konzerte gespielt hat: vom CBGB, dem legendären Rock-Club im New Yorker East Village.

Smith ist hergekommen, um die letzte Show des Clubs zu spielen - wirklich die allerletzte. Es sind die heiligen, nach altem Bier und Konzertschweiß riechenden Hallen, in denen nicht nur Smith, sondern auch die „Ramones“, „Blondie“ und die „Talking Heads“ angefangen haben, der Mutterboden der amerikanischen Punk-Bewegung. Dreiunddreißig Jahre hat der winzige Rockclub, der gerade einmal dreihundert Gäste faßt, durchgehalten - jetzt ist er endgültig nicht mehr in der Lage, die hohen Mietpreise des Viertels zu zahlen, die in den letzten Jahren immer weiter in die Höhe geklettert sind.

Nichts konnte das Schicksal abwenden

„Ich habe wirklich schon bessere Zeiten gesehen als jetzt“, hat vor einigen Tagen Hilly Kristal erzählt, der Mann, der den Club im Dezember 1973 gegründet hat und bis heute leitet. Sein Schreibtisch steht immer noch im düsteren Vorraum des Clubs, der tagsüber als Büro und abends als Kassenhäuschen dient. Alle seine Versuche, den Club doch noch irgendwie zu retten, sind fehlgeschlagen: Klagen, Anträge, seinen Club unter Denkmalschutz zu stellen, und auch ein großes Rettungskonzert auf dem nahen Washington Square mit „Blondie“ und „Public Enemy“ im letzten Sommer konnten nichts an seinem Schicksal ändern.

Das Innere des CBGB ist bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Bandaufklebern und Filzstiftgekrakel volltapeziert. Unten auf die Bühne hat jemand vier Strichmännchen gemalt und „the Ramones“ druntergeschrieben. Auf der Bühne steht die „Patti Smith Band“ und spielt ein „Ramones“-Medley von „Sheeln is a Punkrocker“ bis „Blitzkrieg Bop“. Dazu rudert Smith wild mit den Armen, auch wenn es gerade nur die Presse ist, für die sie spielt - damit sie sie gleich rauswerfen kann, um nur mit den Fans Abschied vom Club feiern zu können. Trotz spärlicher Ankündigung war das Konzert innerhalb weniger Minuten ausverkauft - wie jeden Abend in der ganzen Woche. Schließlich las sich das Line-up wie eine große Retrospektive der amerikanischen Rockmusik der letzten drei Jahrzehnte, mit Konzerten von „Blondie“, den Punkern „The Dictators“ und den Hardcore-Bands „Agnostic Front“ und „Bad Brains“ - allesamt Alumni des Hauses.

Die fürchterlichen Anfänge der „Ramones“

Fragt man Hilly Kristal nach dem Geheimnis des Erfolges, gibt er sich bescheiden: Er habe mit seinem Konzept, eigene Musik statt Coverversionen bekannter Hits zu spielen, der damals neuen Rock-'n'-Roll-Bewegung einfach nur ein Forum gegeben. Er erzählt davon, was für eine schäbige Ecke das East Village damals gewesen ist - ein Viertel, das selbst Taxifahrer aus Angst um Leib und Leben mieden. „Für uns war das damals der perfekte Ort, um anzufangen“, erinnert sich Tommy Ramone, ehemaliger Drummer und einzig überlebendes Mitglied der Band - auch weil Kristal seine Band immer wieder habe spielen lassen. Glaubt man Kristal, dann hatten die „Ramones“ diese Übungsstunden auch dringend nötig. „Ihre ersten Konzerte waren fürchterlich“, meint er noch heute.

Dabei paßten sie mit ihrem dreckigen Street Rock überhaupt nicht in das Konzept, das Kristal sich eigentlich ausgedacht hatte. Er gab dem Club den Namen CBGB, weil er hier Country, Bluegrass und Blues hören wollte - doch als er merkte, daß das nicht funktionierte, öffnete er das musikalische Spektrum seines Clubs mehr und mehr in Richtung Rock. Für seine Bekanntheit in der Szene aber sorgten nicht die „Ramones“ oder ihre Punk-Kumpanen „Television“, sondern eben die Rock-Poetin Patti Smith. Sie war es, die 1975 prominentes Publikum wie Andy Warhol, Alan Ginsberg und Lou Reed anzog.

Hat der Punk selbst sich verändert?

Kaum jemand kann heute bestreiten, daß die goldenen Zeiten lange vorbei sind. Was im CBGB damals angefangen hat, werde heute einfach allgemein Alternative genannt und überall gespielt, so Kristal. In der Warteschlange draußen meinen einige, es sei nicht das CBGB, das sich verändert habe, sondern die Punk-Musik selbst. Patti Smith sagt, daß es eigentlich keinen Grund für Nostalgie gebe, denn die Jugend werde sich einfach ihre eigenen Orte suchen, wo sie ihre Musik spielen kann - wo immer das auch sein möge. Etwa in Brooklyn, wo, nur etwas mehr als eine Brücke weit vom CBGB entfernt, eine ganze Reihe solcher Orte entstanden sind.

Doch wenn man schöne Anekdoten über die guten alten CBGB-Zeiten hören möchte, muß man sich nur eine Weile in die Schlange stellen, die sich in den letzten Tagen des Clubs jeweils schon Stunden vor dem Einlaß auf der Bowery bildete. Die dauerüberschwemmten Toiletten sind ohnehin stadtweit berüchtigt, doch die Geschichten erzählt man sich nur hier: Wie etwa Debbie Harry, Sängerin von „Blondie“, bei einem Gig vor Wut ihr Mikrofonkabel aus dem Stecker riß und das Publikum einfach anbrüllte, wie ein Reporter der „New York Times“ hier angeblich einmal verprügelt wurde, weil er Unsinn über eine Punk-Band geschrieben hatte, oder wie die Eltern einer der jüngeren Besucherin sich im CBGB kennengelernt haben und ihre Tochter schon im zarten Alter von elf Jahren regelmäßig in den Club hineinschmuggelten.

Jetzt kommt bestimmt ein Starbucks

„CBGB ist wie die Freiheitsstatue, wie die Carnegie Hall“, sagt ein etwa fünfzigjähriger Rocker mit runder Sonnenbrille mitten im Tumult aus Ticketinhabern, Presse und Schaulustigen und fragt: „Wo soll ich jetzt hingehen, um zu spielen? Etwa ins Hardrock-Café?“ Viele in der Warteschlange sind verbittert, daß es im East Village keinen Platz mehr für Orte wie das CBGB gibt. Eine Frau meint zynisch mit Blick auf das bezugsfertige benachbarte Bürogebäude: „Jetzt machen sie hier sicher einen Starbucks rein - sechzehn Stockwerke hoch.“

Im allgemeinen Trubel huscht fast unbemerkt Flea, Bassist der „Red Hot Chili Peppers“, in den Club. Was er hier macht? „Ich spiele mit Patti Smith“, sagt er, als sei das das Selbstverständlichste überhaupt, und verschwindet im Eingang. An einem solchen Abend, an dem die Sicherheitskräfte Mühe haben, auf dem Gehweg eine schmale Gasse für Passanten freizuhalten, kann man sich kaum vorstellen, daß einer der Gründe für das Ende des Clubs auch das nachlassende Publikumsinteresse an gewöhnlichen Tagen gewesen ist. An Tagen wie dem vorletzten Freitag etwa: Nach ihrem müde beklatschten Konzert vor etwa fünfzig Zuschauern hat die Folk-Sängerin Sid Straw mitten unter den normalen Clubbesuchern auf die nächste Band gewartet, die noch dabei war, ihre Ausrüstung am Publikum vorbei durch den tunnelförmigen Laden zu bugsieren. „Irgendwann vor zehn Jahren hat dieser Ort seine Faszination verloren“, hat sie gemeint und an ihrem Bier genuckelt. „Heute tragen selbst Teenies CBGB-Shirts, die in ihrem ganzen Leben noch nie von dem Laden hier gehört haben.“

Gitarren-Plektron und Stringtanga

Der kommerzielle Ausverkauf, eine der Todsünden des Punkrocks, wird dem CBGB häufig vorgeworfen. Tatsächlich reicht das Spektrum der Merchandising-Artikel, die in der benachbarten CB's Galerie verkauft werden, vom Stringtanga bis zum Gitarren-Plektron mit Logo. Wasser auf die Mühlen dieser Kommerzkritiker war sicher auch Hilly Kristals Ankündigung, das heruntergerockte Interieur des Clubs bis zum Pissoir, in das er schon gemeinsam mit den „Ramones“ uriniert hat, abbauen zu wollen - für Ebay-Versteigerungen und die Einrichtung seines neuen Clubs. Der soll schon im nächsten April oder Mai öffnen - in Las Vegas.

Ob Patti Smith dort auch einen Gig spielen würde, fragt jemand. Nein, sagt sie. Einmal habe sie dort eine Show geplant - doch die sei dann abgesagt worden, wegen mangelnden Interesses. Sie macht heute also einen Strich unter das Kapitel CBGB - das symbolische Ende einer Epoche, die schon lange Vergangenheit war. Die Erinnerungsfotos hat sie ja schon.

Text: F.A.Z., 18.10.2006, Nr. 242 / Seite 38
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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