Von Harald Keller
15. Juli 2008 Das darf man fürwahr sinnfällig nennen: Die Geschichte der britischen Musikreihe Top of the Pops begann in Manchester in einer säkularisierten Kirche. Die düstere Deutung sähe so aus, dass hier der christliche Gott durch den Götzen Popmusik abgelöst wurde. Aber das wäre zu billig und im Übrigen falsch, denn einige der überzeugendsten Stimmen dieser Musiksparte - Little Richard etwa, Al Green, Solomon Burke, sogar der grimmige Alice Cooper - sind gottesfürchtige Vertreter der Frohen Botschaft.
Es waren also fortan weltliche Zeremonien und Rituale zu beobachten, wenn das geladene Studiopublikum allwöchentlich der Crème de la crème der jugendorientierten Popularmusik huldigte. Zum Auftakt am 1. Januar 1964 scheuchten die Rolling Stones, die damals klangen, als habe man den Beatles erst Unmengen Alkohol und dann kräftig die Sporen gegeben, mit I Wanna Be Your Man lautstark lärmend die Erwachsenen aus den Fernsehzimmern. Zunächst waren nur sechs Sendungen geplant, aber Top of the Pops, kurz TotP, übertrumpfte die ältere Musikreihe Ready Steady, Go - das Vorbild für den deutschen Beat-Club -, wurde zur festen Institution des britischen Jugendfernsehens und später sogar als Format in andere Länder exportiert.
Notfalls auch ohne Interpret: Hauseigene Balletteusen halfen aus
Das Programm der Sendung wurde von den aktuellen Hitparaden bestimmt. Ein Auftritt dort konnte den Erfolg beschleunigen, weshalb die Interpreten gern kamen, um zum Playback musikalisches Wirken zu simulieren. Dabei ereigneten sich mitunter arge Pannen, so als Jimi Hendrix wie gewohnt seine Gitarre quälte, dazu aber ein Titel von Alan Price eingespielt wurde. Hendrix kommentierte lakonisch: Die Stimme finde ich gut, Mann, aber den Text kenne ich nicht.
Stand ein Interpret nicht für einen Auftritt zur Verfügung und war auch kein Filmclip verfügbar, spielte man das Stück vom Band ein. Eine spröde Angelegenheit, weshalb von 1967 an hauseigene Balletteusen Bewegung ins Bild brachten, deren knappe Miniröcke Britanniens adleräugige Sittenwächterin Mary Whitehouse zu einer geharnischten Protestnote veranlassten. Der Einwurf blieb ohne Folgen und der Anstand sowieso peinlichst gewahrt: Titel wie Je t'aime von Serge Gainsbourg und Jane Birkin oder Relax von Frankie Goes to Hollywood fanden in der Sendung trotz hoher Chartnotierungen keinen Platz.
Forschungsmaterial oder Feierabendvergnügen
Die alten Ausgaben der 2006 eingestellten Reihe sind heute musikhistorisch wertvoll und zugleich Zeugnisse vergangener Jugendkulturen. Sie lassen sich mit Blick auf zeittypische Musikstile, Modeerscheinungen und Manieren analytisch auswerten - oder gänzlich unbeschwert als launiges Feierabendvergnügen konsumieren. Im Zuge des Themenschwerpunkts Summer of the 70s hat Arte Zugriff auf die TotP-Archive genommen und vierzig halbstündige Sendungen mit Auftritten aus den Jahren 1971 bis 1979 zusammengestellt. Dem Sender zufolge soll die Kompilation unter chronologischen und teils auch thematischen Gesichtspunkten erfolgt sein.
Kenntlich wird dies nicht, und es findet sich kein Grund, warum keine Originalausgaben gezeigt werden, zumal sich bei der Bearbeitung einige Fehler eingeschlichen haben. So sind T. Rex mit Get It On doppelt vertreten, der Titel I Can See For Miles von The Who wird vom Moderator mit Miles and Miles, in der Einblendung dann vollends abwegig mit Join Together angekündigt. Und die Titelmelodie, Led Zeppelins Whole Lotta Love im Arrangement von CCS, aber interpretiert vom TotP-Orchestra, führt, will man es genau nehmen, insofern in die Irre, als sie erst seit 1972 bei TotP zum Einsatz kommt. Der französische Arte-Redakteur Philippe Manoeuvre steuert zwischendurch viele Superlative und einige wenige Informationen bei.
Als Michael Jackson noch menschliche Züge trug
Schier entbehrlich sind imbezile Vorträge wie die auf The Kinks gemünzte rhetorische Frage: Wer hat Klasse, die geilsten Klamotten und mit ,All Day and All of the Night' praktisch über Nacht den typischen Sound der Hardrock-Gitarre erfunden?. Relevantere Angaben zu den einzelnen Auftritten oder zur Geschichte der Interpreten bleiben die Ausnahme. Man kennt diese nichtsnutzigen Auftritte von Manoeuvre, der schon im vergangenen Jahr im Rahmen der Arte-Festivalberichterstattung mit rundum belanglosen Interviews kostbare Sendezeit vergeudete.
Unterhaltsam ist die Sendereihe trotzdem, zumal sie einige Kuriositäten bereithält. Da sieht man beim Auftritt von T. Rex den jungen Elton John das Klavier traktieren. David Bowie, noch vor der Sanierung seines Gebisses, schmachtet seinen engelsblonden Gitarristen Mick Ronson an. Erkennbar viel Spaß haben The Faces, die im hinteren Bereich der Bühne eine Runde Fußball anzetteln, während Rod Stewart vorne halbherzig bemüht ist, einen Live-Auftritt zu illusionieren. Der kleine Michael Jackson trägt noch menschliche Züge, unterliegt aber bereits jenem choreografischen Drill, der in den frühen Siebzigern die Ausnahme darstellte, während er heute im Pop, wo längst das Uneigentliche regiert, fast zur Pflicht geworden ist.
Einer aber verzichtet auf die Konserve, um unverstellt mit dem Publikum zu kommunizieren: Altmeister Chuck Berry, der augenzwinkernd ein gewisses Ding-a-Ling besingt. Auch in diesem Fall war Mary Whitehouse zur Stelle und wollte die Ausstrahlung des schon 1952 entstandenen frivolen Couplets generell verboten wissen. Das Volk mochte ihr darin nicht folgen und bescherte Chuck Berry seinen einzigen Nummer-eins-Hit. Schön, dass die für Berry untypische Darbietung im Bilde festgehalten wurde - und auch mal wieder zur Aufführung gelangt.
Top of the Pops läuft bis zum 5. August werktags um 18.30 Uhr bei Arte; Wiederholungen vorangegangener Sendungen werktags um 14.25 Uhr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: © epp/Sebastien Rabany, ARTE France / © BBC, ASSOCIATED PRESS