Im Gespräch: der Musikproduzent Akon

Mit Michael Jackson! In ein öffentliches Lichtspielhaus!

Ein Freund schneller Autos und gängiger Melodien: Aliaune Akon Thiam

Ein Freund schneller Autos und gängiger Melodien: Aliaune Akon Thiam

09. Januar 2009 Er hat wie Johnny Cash Musik für Gefängnisinsassen gemacht. Jetzt will der Sänger, Songwriter und Hip-Hop-Produzent Aliaune Akon Thiam Michael Jackson wieder auf die Beine helfen. Ein Gespräch über HipHop, Country und die Lehren von Gefängnisaufenthalten.

Man kann kaum noch das Radio anschalten, ohne Ihre Gesangslinien zu hören. Selbst Michael Jackson soll sich jüngst um Ihre Dienste bemüht haben.

Nach den Hip-Hop- will Akon auch die Country-Charts erobern

Nach den Hip-Hop- will Akon auch die Country-Charts erobern

Das war einer der besten und gleichzeitig peinlichsten Telefonanrufe meines Lebens. Ich kannte natürlich die Stimme aus dem Hörer. Aber würde Michael Jackson mich anrufen? Das musste ein schlechter Scherz meines Agenten sein. „Hör schon auf, dich zu verstellen“, sagte ich. Erst als mein Agent und Michael gleichzeitig sprachen, merkte ich, dass es Ernst war.

Sie sind dann mit Jackson für ein paar von Ihnen geschriebene Songs ins Studio gegangen.

Wir lagen auf einer Wellenlänge, hatten dieselben Ideen, begeisterten uns für dieselben Melodien. Sie werden es bald auf Michaels neuem Album hören! Vor allem war ich erstaunt, was für ein cooler, bescheidener Typ Michael Jackson ist.

Fühlen Sie sich als gleichberechtigter Partner?

Ja. Ich glaube, wir sind sogar so etwas wie Freunde geworden. Irgendwann sagte Michael: „Lass uns doch ins Kino gehen.“ In ein öffentliches Lichtspielhaus! Ich hatte keine Ahnung, wie er das anstellen wollte, ohne einen Menschenauflauf zu verursachen. Aber er band sich und seinem Sohn einfach einen Schal nach Beduinenart ums Gesicht. Und ich machte es ihnen nach. So passierten wir alle drei ohne jeden Zwischenfall die Kinokasse.

Ihr neues Album mit Gästen wie Lil Wayne, Wyclef Jean und T-Pain klingt, im Gegensatz zu seinen Hip-Hop-lastigen Vorgängern, poppiger.

Der Sound ist einfach internationaler geworden. Ich will weg vom Hip-Hop-Getto und hin zu den schönen Melodien. Schließlich möchte ich neue Hörerschaften in aller Welt erreichen.

Gehört dazu auch, dass Sie gerade als Country-Produzent Karriere machen?

Allerdings, aber nur unter Pseudonym. Mein Name ist zu sehr mit Hip-Hop verbunden, als dass die Country-Gemeinde jemanden wie mich akzeptieren würde. Das passt nicht zum Image. Was ich Ihnen allerdings versichern kann: Ein Song von mir befindet sich sogar in den Charts. Als Nächstes werde ich mir ein ganzes Country-Album vornehmen. Ich möchte der erste schwarze Künstler sein, der die Country-Charts knackt.

Da sind Ihnen Ray Charles und Charley Pride aber lange zuvorgekommen.

Ein freunder schöner Frauen: Akon mit Gwen Stefani

Ein freunder schöner Frauen: Akon mit Gwen Stefani

Das waren doch nur Ausnahmen von der Regel, wenn Sie sich mal die vielen weißen Gesichter im Country-Fernsehen ansehen. Ich nehme jedenfalls an, dass ich im Moment der prominenteste Schwarze im Country-Geschäft bin.

Wie sind Sie als Sohn eines senegalesischen Einwanderers zu dieser immer noch mit weißen amerikanischen Hinterländlern assoziierten Musik gekommen?

Akon in Aktion

Akon in Aktion

Ich habe Country bereits als Kind entdeckt. Immer wieder haute mich so ein genialer Vers um. Deswegen hatte ich mein Ohr dauernd am Radio. Ich erinnere mich an einen Song über einen Jungen, der so gerne mehr Zeit mit seinem Vater verbracht hätte. (singt) „If I’m grown up, I just wanna be like you, dad.“

Inzwischen haben Sie es Ihrem Vater Mor Thiam, einem weltbekannten Djembe-Spieler, gleichgetan.

Als Kind habe ich mit Dad gesungen und getrommelt. Er hat mir die Grundausbildung verpasst. Ich spreche auf dem Titelsong meines neuen Albums „Freedom“ vom Umzug meiner Familie aus Senegal nach New Jersey, da haben Sie meine Autobiographie in drei Minuten.

Es heißt allerdings, dass Sie Ihren Lebenslauf früher verfälscht haben.

Sie sprechen von der Gefängniszeit: dass ich gar nicht so lange hinter Gittern saß. Ein Fehler, den du begehst, bleibt immer an dir kleben. Ich habe deswegen viel negative Presse bekommen. Aber sehen Sie, Journalisten lieben nun einmal dramatische Geschichten.

Dabei ist Ihr Leben schon dramatisch genug. Sie unterhalten als Ex-Häftling eine eigene Plattenfirma, ein Modelabel und haben zwei Lamborghinis, einen Maserati und einen Bentley in der Garage stehen.

Jetzt kann ich mir die Wagen, die ich früher am liebsten geklaut habe, legal leisten. Ich unterhielt damals eine Autoknackerbande in Atlanta. Dorthin bin ich gezogen, weil dort die Musiker, die Filmstars, die berühmten Athleten wohnten; es gab dort etwas zu holen.

Sie kommen aus keiner ganz armen Familie. Warum hatten Sie das nötig?

Zum Teil lag es an der Begeisterung für die Autos, zum Teil war es einfach ein Geschäft. Den größten Reiz bedeutete für mich aber der Nervenkitzel: in einem schnellen Wagen zu sitzen und zu wissen, dass man jede Minute in eine Verfolgungsjagd verwickelt werden kann. Das eine Rennen, das ich gegen die Polizei verlor, hat mich dann ins Gefängnis gebracht.

Da fingen Sie mit dem Songschreiben an.

Ich fing schon als Kind damit an, mein Unglück in Liedern festzuhalten. Als Immigranten lebten wir in einer Parallelgesellschaft. Die Mitschüler – schwarz wie weiß – verspotteten uns Afrikaner als rückständig. Ich musste täglich kämpfen und gegen ihre Vorurteile angehen.

Sie haben sich höchst erfolgreich an die afroamerikanische Kultur angepasst.

Mir blieb ja keine andere Wahl. Anfangs hielt ich Hip-Hop für den letzten Müll – bis ich entdeckte, wie viel von meiner Erfahrung sich darin spiegelt.

Auch Ihr Gefängnisaufenthalt?

Die meisten Hip-Hop-Hörer haben einen Bezug zum Gefängnis. Wer nicht schon einmal drin war, der kennt zumindest jemanden, der dort sitzt. In diesem Land wird man doch für jeden Blödsinn eingelocht. Mich wollten sie wegen Autodiebstahls für siebzehn Jahre hinter Gitter bringen. Nach zwei Jahren haben sie mich mangels Beweisen entlassen.

Und von dort sind Sie direkt ins Studio gegangen, um ihre Welthits „Locked Up“ und „Lonely“ aufzunehmen?

So glatt lief es leider nicht. Anfangs hielt nicht einmal die Plattenfirma mein Album für radiotauglich. Also habe ich mir Geld geliehen und bin mit einem Minivan durch die größeren Städte Nordamerikas gekreuzt. Jeden halbwegs einflussreichen DJ habe ich zum Essen eingeladen und um Hilfe gebeten. Anschließend bin ich durch die Gefängnisse getingelt. Das war mein Durchbruch: Plötzlich bombardierten die Häftlinge die Radios mit ihren Anfragen. Und die Plattenfirma versuchte nachzuvollziehen, wie „Locked Up“ ohne jede Werbung plötzlich zigtausend Radioeinsätze pro Woche bekam.

Hat Sie Ihre Haftzeit etwas gelehrt?

Auf meinem Debütalbum habe ich mich sogar für die Zeit im Gefängnis bedankt, weil sie mich zu einem besseren, stärkeren und weiseren Menschen gemacht hat. Inzwischen biete ich mit meinem Label Konvict Music auch anderen Ex-Häftlingen eine Plattform. Schließlich sind mir im Zuchthaus viele außergewöhnlich begabte Menschen begegnet, die ich dort niemals vermutet hätte. Man darf ja in den meisten amerikanischen Gefängnissen nicht einmal ein Diplom machen. Musik bleibt da für viele der einzige Ausweg. Fünfundachtzig Prozent der Angestellten meiner Firma sind ehemalige Häftlinge. Die haben woanders keine Chance – und arbeiten zudem härter: um sich und der Gesellschaft etwas zu beweisen.

Sie arbeiteten zuletzt auch mit 50 Cent, Gwen Stefani, Snoop Dogg, Whitney Houston und Eminem zusammen. Gibt es etwas, was Sie noch nicht erreicht haben?

Für mich ist es an der Zeit, meiner Heimat Senegal etwas von meinem Erfolg zurückzugeben. Ich toure deshalb nicht nur durch Afrika, sondern habe auch eine Stiftung gegründet: IstheresomethingIcando.com. Sie soll Geldgeber im Westen mit nützlichen Projekten in Afrika verknüpfen.

Sie investieren im Senegal unter anderem in eine eigene Diamantenmine.

Ja, das schafft Arbeitsplätze. Und dort werden bestimmt keine Kinder ausgebeutet. Vor allem aber geht es darum, den jungen Menschen in Afrika Erfolgsgeschichten vorzuhalten. Wenn Barack Obama Präsident werden kann und ich der erfolgreichste Pop-Produzent Amerikas, dann können sie auch etwas schaffen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Die Regierung Senegals hat mich zu ihrem Jugendbeauftragten ernannt. Bevor der Präsident dort etwa ein Jugendzentrum baut, fragt er mich um Rat.

Das Gespräch führte Jonathan Fischer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS, Universal Music

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