Von Katharina Teutsch
24. Oktober 2007 Der Reihe nach wurden Yorkville, Murray Hill und die Lower East Side abgeschaltet, dann Brooklyn. Nur das Pan-Am-Gebäude strahlte noch. Ein Flackern, dann versank es auch im Dunkel. Der große New-York-Blackout 1965 fiel in das Jahr, in dem Bob Dylan beim Newport Festival in Rhode Island seine Gitarre einstöpselte und damit seinerseits einen Blackout provozierte. Nie mehr, so schildert Joe Boyd in seinen Memoiren, habe sich die Popkultur von diesem Ereignis erholt, das den Folk in ein neues, elektrifiziertes Zeitalter katapultierte.
Boyd arbeitete damals für den legendären Jazz-Agenten George Wein in Newport und war für den Sound bei Dylans Auftritt verantwortlich, erlebte das Schisma zwischen der alten Garde und den jungen Wilden also aus der Nähe, wobei er die Legende, wonach Pete Seeger Dylans Stromkabel mit der Axt durchtrennen wollte, widerlegt. Weit weniger triumphal als Dylan schildert er die Sternstunde als Katerfrühstück, bei dem den Rebellen aufging, dass sie nicht nur ein Publikum verstört, sondern auch eine Welt zerstört hatten - die Welt der Folk-Barden.
Plündern statt feiern
Zwölf Jahre später wurde New York erneut von einem Stromausfall heimgesucht. Doch da, erinnert sich Boyd, wurde nicht mehr gefeiert, sondern nur noch geplündert. Verängstigt verbarrikadierten sich die Menschen in ihren Wohnungen. Die Party der frühen Sixties war vorbei oder hatte im psychedelischen Taumel der Hippie-Kultur ein neues Stadium erreicht.
Boyd, geboren 1942 in Boston, wuchs im liberalen Mittelstandsmilieu von Princeton auf. Gewappnet mit einer Jazzplattensammlung und den Entdeckungen eines halbseidenen Fernseh-Discjockeys namens Bob Horn (der blonde Mädchen nicht nur die Hitparade verlesen, sondern auch gefährlich aussehende schwarze Männer interviewen ließ), organisierte er 1960 mit seinem Freund, dem Songwriter Geoff Muldaur, sein erstes Wohnzimmerkonzert. Es ist, als säße man selbst im Ohrensessel und lauschte der verschollen geglaubten Blues-Legende Lonnie Johnson aus New Orleans, einem schwarzen Musiker, der in den dreißiger Jahren mit Duke Ellington und Louis Armstrong auftrat und dann von der Bildfläche verschwand.
Kulturhistorischer Präzedenzfall
Mit der Wohnzimmerepisode beschreibt Boyd einen kulturhistorischen Präzedenzfall: 1954 bis 1956 waren die Jahre des Umschwungs, in denen schwarze Musik von weißen Teenagern entdeckt wurde und sich millionenfach verkaufte. Doch mit seiner Popularisierung, so Boyd, war der Bluesboom der Sechziger schon bald an sein Ende gekommen. Die authentische Musikform wurde kolonisiert vom Distinktionsgehabe eines fast ausschließlich weißen Publikums: Das Bürgertum kann sich seine Musik nur von unten oder oben ausborgen - und was ,oben' anging, hatte Amerika nie viel zu bieten.
So hat Boyd nicht nur ein ungemein lesenswertes Buch über die Musik der Sixties vorgelegt, sondern auch einen klugen Kommentar zur Dialektik von Sub- und Massenkultur. Nach einigen hinreißend chaotischen Europa-Tourneen früher amerikanischer Stars wie Sister Rosetta Tharpe, Roland Kirk und John Lee Hooker zog Boyd, fasziniert von der unorthodoxen Vielfalt der britischen Kulturszene, im November 1965 nach London. Bei einer abenteuerlichen Reise durch die schottische Folk-Szene entdeckte er die psychedelische Incredible String Band für das amerikanische Plattenlabel Elektra. Er arbeitete mit Eric Clapton und förderte die kraftstrotzende Gruppe The Move aus Birmingham. Doch die großen Verträge machten andere, und so löste Boyd sich von wieder Elektra, um in London nach neuen Aufgaben zu suchen.
Steigbügelhalter einer Legende
Anfang 1966 waren es nur wenige Eingeweihte, die in den legendären UFO-Club kamen, den Boyd zusammen mit seinem Freund John Hopkins an der Tottenham Court Road gegründet hatte. Der Club sollte ein Jahr lang Ort der phantastischen Verschmelzung unterschiedlichster Kunst-, Polit- und Musikformen sein. Hier begannen die Karrieren bedeutender Rockbands wie Soft Machine oder Pink Floyd, deren erste Single Arnold Layne, die ironische Geschichte eines Hinterhaus-Höschenschnüfflers, Boyd für EMI produzierte. Doch wieder, gibt Boyd lakonisch zu Protokoll, war er nur Steigbügelhalter einer Legende. Pink Floyd waren zwar der Soundtrack des Underground, aber sie wurden immer gigantischer und berühmter. Gegen die gerissenen englischen Plattenbosse und Produzenten konnte der naive Amerikaner sich nicht durchsetzen. Der Verlust von Pink Floyd, Clapton und The Move hat ihm den großen Durchbruch und damit auch den großen Reichtum verwehrt. Vielleicht muss man nach der Lektüre dieses hellsichtigen Buches aber einfach hinzufügen: zum Glück!
Denn neben einem wunderbar anekdotenreichen Zeitzeugenbericht hat Joe Boyd, der später noch Künstler wie Fairport Convention und Nick Drake berühmt machen sollte, auch einen Verfallsreport geschrieben. Es ist die Geschichte einer Selbstausbeutung, einer Revolution, die im Rausch von Selbsterfahrungstrips, Drogen und züngelnder Gewalt ihre Ideale zum Teufel jagte. Als im Sommer 1967 überall Kaftane und Perlenketten im Straßenbild auftauchten und das UFO von Touristen und Wochenend-Hippies überschwemmt wurde, war das Unvermeidliche nicht mehr aufzuhalten: Der Underground wurde zum Mainstream. Musik wurde zum sinnfreien Vehikel eines Lebensgefühls, aber sie vermochte es nicht mehr, an die Impulse der frühen Jahre anzuknüpfen, als sich weiße und schwarze Musik in einem einzigartigen und spannungsreichen Akt vermischten und die Vergangenheit zum Reservoir einer hoffnungsfrohen Zukunft machten.
Vielleicht kann man die paradoxe Entwicklung von Pink Floyd als Allegorie auf die Mechanismen der Popindustrie lesen. Joe Boyd hat sich ihr 1971 entzogen. Er ging nach Hollywood, wurde Chef der Filmmusik-Abteilung von Warner Brothers - und hinterlässt den Bericht aus einer Zeit, von der es heißt, wer wirklich dabei gewesen sei, könne sich nicht mehr an sie erinnern.
Joe Boyd: White Bicycles. Musik in den 60er Jahren. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller. Verlag Antje Kunstmann, München 2007. 350 S., geb., 24,90 Euro.
Text: F.A.Z., 24.10.2007, Nr. 247 / Seite 42
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, CINETEXT