Von Dieter Bartetzko
03. Mai 2008 Was macht den Reiz eines Konzerts aus? Es ist das Unwiederholbare des flüchtigen Moments. Das gilt auch für Pop und Rock, erst recht, seit Playback und die jeden Hit begleitenden Videoclips Künstler zu Wiedergängern ihrer eigentlich vergänglichen Kunst gemacht haben. Immerhin waren diese Konserven auf eine einzige Version eines Lieds oder Auftritts beschränkt.
Das Rad aber hat sich weitergedreht: Wer heute im Internet den Namen auch nur einigermaßen prominenter Sänger oder Bands anklickt, bekommt auf YouTube legale und illegale Konzert- und Showmitschnitte aus allen Winkeln der Erde angeboten. Wann und wo immer Künstler auftreten, die Lieferanten des Videoportals YouTube sind dabei - und das Unwiederholbare gibt es nicht mehr.
Das gilt sogar für die Vergangenheit. Nehmen wir zum Beispiel Peter, Paul & Mary (PPM). Vor Urzeiten, nämlich 1961, hatte das Folktrio im Bitter End, dem legendären New Yorker Café, seinen Durchbruch. Weggefährten Bob Dylans, waren sie meist bessere Interpreten seiner Lieder als er selbst. Beim historischen Marsch auf Washington zum Beispiel sangen sie nach Martin Luther Kings I have a dream-Rede Dylans Blowin' in the wind, gefolgt von Pete Seegers If I had a hammer; beides klingt den Amerikanern bis heute mahnend in den Ohren.
Das bessere widerspenstige Ich
Daran ändert, nun deutlich bei YouTube zu sehen, nichts, dass PPM, anders als der betont schmuddelige Jeansträger Dylan, bei Auftritten wie bei Demonstrationen stets tadellos gekleidet erschienen: Mary in raffiniert schlichten Modellkleidern, Peter Yarrow und Paul Stookey in braven Sakkos und biederen Krawatten. Taktik? Inkonsequenz? Amerikas Bürger jedenfalls - das Establishment - erkannten dadurch, wie wir nun bei YouTube nachträglich sehen können, in dem properen Trio zähneknirschend ihr besseres widerspenstiges Ich.
Als Bob Dylan längst auf den Parnass des Nobelpreisverdächtigen verschwunden war und PPM nicht mehr regelmäßig die Hitparaden eroberten, fochten die drei noch immer singend für die Bürgerrechte. Sie tun es bis heute. Mit welchem Mut, aber auch um welchen Preis, bezeugt YouTube mit dem Ausschnitt eines Konzerts vom Juni 2007. Mary, die im Winter 2006 knapp einer Leukämieerkrankung entrann, zieht darin alle Blicke auf sich - schwer gezeichnet, geschorene Haare, auf einen Krückstock gestützt. Man teilt die Erschütterung und den Respekt des Publikums, das sich zu einer standing ovation erhebt.
Schüchterner Revolutionsengel
Die eingangs geäußerten Bedenken über den Verlust an Unmittelbarkeit werden dabei belanglos. Aber sie kehren zurück beim Blick in das PPM-Gesamtangebot von YouTube: Ein Klick, und Mary ist wieder jener langmähnige blonde Revolutionsengel im kleinen Schwarzen, den deutsche Jugendliche nur von Coverfotos kannten. Gebannt sieht man sie in Washington 1963 vor Zehntausenden die Faust recken, sieht zum ersten Mal auch ihre Schüchternheit und die der beiden Mitsänger.
Bei diesem Anblick fallen einem die Diskussionen der Jahre um 1968 ein, in denen PPM, Joan Baez, Dylan, die Doors oder die Hollies einen bislang viel zu wenig beachteten Einfluss auf das Denken und Handeln der westlichen Jugendrevolten hatten. Dem Trio warfen damals nicht wenige zu viel Sanftheit vor. Immer schwebte in ihren Liedern ein Wäre es doch so, wenn sie von Freiheit und Frieden und Umbruch sangen. Jetzt, 2008, weiß man nicht nur, dass PPMs melancholische Skepsis berechtigt war, man kann auch sehen, dass sie damals schon wussten, was sie taten.
Zuschanden gegangene Hoffnung
Schnürt es einem beim Anblick des heutigen, Krankheit und Alter trotzenden Trios die Kehle zu, so könnten einem bei den Bildern ihrer Anfänge Tränen in die Augen steigen. Denn YouTubes Paket, das fast fünfzig Jahre im Zeitraffer bietet, zeigt auch die zuschanden gegangenen Hoffnungen eines vermeintlichen Aufbruchs in friedliche und gerechte Zeiten, konfrontiert uns mit dem, was einer ganzen Generation und womöglich einem selbst nach euphorischen Anfängen aus den Händen glitt.
Die Gefahr, dadurch hinterrücks zum Nostalgiker zu werden, besteht nicht. Denn wie ein unbestechlicher Zeitzeuge zeigt YouTube auch, dass PPM keineswegs nur Idealisten waren. Auf einigen Konzertausschnitten sieht man sie in Las Vegas ihre Kunst zu Markte tragen, erlebt, wie sie akustisch und im Aussehen kurz mit dem Wohlklang und den Cannabisträumen der genialen Mamas and Papas flirteten, erträgt Ausschnitte einer Show, die sie beim platten Ringelpiez mit Donovan und der Hillbilly-Formation Smoothers Brothers zeigt.
Das ist es, was ich meine
Wie zur Entschuldigung fällt einem dann Frankfurts Alte Oper ein, die 1983 beim einzigen deutschen Auftritt von PPM ausverkauft war. Paul Stookey kündigte damals einen Song über El Salvador an, sprach vom Bürgerkrieg und dem in seinen Augen schändlichen Intervenieren der Vereinigten Staaten. In die Conference platzte der Wutschrei eines Amerikaners: Halt die Klappe, du bist nicht hier, um Reden zu halten, sondern um zu singen. Das ist es, was ich meine, antwortete Stookey in das entsetzte Schweigen des Publikums, verbeugte sich übertrieben devot - und sang.
Diese Sternstunde der Zivilcourage fehlt bei YouTube. Doch bald wird sich ein Mitschnitt von damals finden, der dann im Internet mit jedem Klick mehr verdorren und jene Schalheit und Leere hinterlassen wird, die alle YouTube-Schnipsel nach anfänglicher Freude auslösen: In der Allverfügbarkeit stirbt die Langzeitwirkung der Kunst von Peter, Paul & Mary, der Doors, Jimi Hendrix' oder Janis Joplins, der Beatles oder Rolling Stones. Denn ihre beflügelnde Kraft entfalteten sie in der Erinnerung an das einzige miterlebte Konzert oder dank der Ideen, die ihre Lieder auslösten; der einmalige Impuls war die Sache der Künstler, daraus dauerhafte Weltsicht zu machen die ihrer Anhänger.
Ein wesentliches Element hätte gefehlt
Spreche niemand von blauäugigen Illusionen: Die Sorgfalt, mit der vor der Internet-Ära die Texte und Fotografien jener Idole regelrecht studiert wurden, schärfte den Blick. Erst durch das, was man ihnen zuschrieb, wurden sie zu Ratgebern und Begleitern des eigenen Lebenswegs. Ohne die Legenden, aber auch Einsichten, die sich um die musikalischen Leitfiguren der Achtundsechziger-Bewegung rankten, hätte dieser ein wesentliches Element ihrer Stoßkraft gefehlt.
Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? Woher soll heute noch ein solches Zutrauen in die Veränderbarkeit der Verhältnisse und die Bedeutung des Einzelnen kommen, wenn via Internet die Einmaligkeit des Augenblicks, die Unwiederholbarkeit einer Tat und der Wahrheitsschock, den eine Liedzeile auslösen kann, unendlich wiederholt und damit aufgehoben werden? Welche heutigen Rock- und Popkünstler könnten sich im aktuellen Rotationssystem noch zu Leitfiguren entwickeln? Sie sind Wegwerfware, einige Monate oder Jahre omnipräsent, um dann abzutreten, derweil ihre Abbilder weiter durchs Internet geistern.
Der große Entzauberer
YouTube ist der große Entzauberer: Alles schon mal da gewesen, alles ist endlos wiederholbar und gleich gültig. YouTube-Filme sind ein lautloser Tornado, dem wir zunehmend lethargisch zuschauen, ganz so, wie es 1969 das Duo Zager & Evans (die beiden simplen Propheten können selbstverständlich auch bei YouTube abgerufen werden) in seinem Song In the year 2525 beschrieb: Everything, you think, do and say/Is in the pill you took today/Your legs and arms got nothin' to do/Some machine's doing that for you.
Zager & Evans haben sich um fünfhundert Jahre verrechnet: schon 2008 sind wir an Maschinen gefesselt. Das gilt auch für das Wissen. Wie die Kunst ist es dank des Internet allverfügbar und in seiner kosmischen Fülle lähmend. Die Löschtaste gewährt bei beidem den gleichen Aufschub wie die sprichwörtliche Henkersmahlzeit - oder wie ein Konzertbesuch, bei dem man sich einredet, er sei ein unwiederholbares Erlebnis.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: YouTube
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