Von Edo Reents
06. Januar 2005 Der Bürgermeister von Mississippi sagte bei der Einweihung der Gedenkstätte in Elvis Presleys Geburtshaus in Tupelo, Mississippi, Anfang der siebziger Jahre: Das ist das Geheimnis der Demokratie, daß ihre reichsten Früchte aus einem Boden wachsen, den kein Mensch bestellt hat, und unter Bedingungen, die es am wenigsten erwarten ließen.
Mit denselben Worten hatte Woodrow Wilson lange vorher das Geburtshaus Abraham Lincolns in Hardin County, Kentucky, zum Nationaldenkmal erklärt. Es war ein Wunder, daß beide Häuser noch standen, denn in ihnen hatten ursprünglich arme Leute gewohnt: die Lincolns in einer Blockhütte, die Presleys nicht viel fortschrittlicher in einem sehr kleinen Holzhaus.
Weißes Gesindel
Die Herkunft großer Männer erscheint uns um so interessanter, je geringer sie ist und je unwahrscheinlicher also der Lebensweg, der davon seinen Ausgang nahm. Doch aus welchem Milieu hätte Elvis kommen sollen, wenn nicht aus dem, das man landläufig als weißes Gesindel bezeichnete? Entertainer, deren Rang sich auch aus ihrer Volkstümlichkeit ergibt, werden nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Die Motivation dieses Sängers wäre wohl schon gleich nach jener ersten Single verpufft, die er im Sun Studio von Memphis, Tennessee, als Geburtstagsständchen für seine Mutter Gladys aufnahm.
Das Sun Studio lag an der Union Avenue von Memphis, wohin die Presleys 1948 verzogen waren, und gehörte Sam Phillips, dem Mann, der nach der Maxime arbeitete: We record anything, anywhere, anytime. Entsprechend war die Musik, die hier eingespielt wurde: Blues, Rhythm & Blues, Country. Es war Phillips dabei gleichgültig, ob die Interpreten schwarz oder weiß waren. Er war an einem ganz bestimmten Klang interessiert, von dem er nur noch nicht wußte, wie er sich anhörte: Wenn ich einen weißen Mann finden könnte, der die Stimme und das Einfühlungsvermögen eines Schwarzen hat, dann könnte ich eine Million Dollar machen.
Singen wie kein anderer
Der Achtzehnjährige, der an einem Frühlingstag 1953 zum ersten Mal sein Studio betrat, hinterließ keinen bleibenden Eindruck bei ihm. Aber schon damals muß Elvis großes Selbstvertrauen gehabt haben. Marion Keisker, die Sekretärin, ließ sich für alle Fälle Name, Adresse und Telefonnummer geben: Wie singen Sie denn? Elvis sagte: Ich singe überhaupt nicht wie irgend jemand anders.
Das wollte etwas heißen in einer Stadt, in der das Neue sowieso mit Händen zu greifen war. B. B. King, Howlin' Wolf und Rufus Thomas waren in Memphis; Ike Turner aus Mississippi, dessen von Jackie Branston interpretierter Song Rocket 88 von 1952 praktisch schon Rock 'n' Roll war, hielt Tuchfühlung zur Szene. Es war junge, aufregende Musik; es war allerdings - und das erklärt die heftigen Reaktionen auf Elvis - auch in dieser von Elvis noch unberührten Form teilweise schon Musik, die als devil's music bezeichnet wurde. Deshalb zögerte man, ihn als Rhythm & Blues-Sänger zu bezeichnen (was er natürlich war), und nannte ihn Hillbilly Cat.
Die späte Haltlosigkeit
Teufelsmusik: das konnte man von dem Geburtstagslied nicht sagen. My Happiness war das musikalisch belanglose Zeugnis einer Rührseligkeit, über die sich Kritiker bis heute lustig machen, ohne die Elvis' Größe aber unvollständig wäre. Daß er sich von dem Lebensstil und materiellen Niveau seiner Familie so weit entfernte, erklärt die Haltlosigkeit seiner späten Jahre, von deren Dimensionen man sich 1953 natürlich keinen Begriff machen konnte.
Im Jahr darauf saß Sam Phillips mit dem Gitarristen Scotty Moore zusammen und dachte darüber nach, was man als nächstes machen könnte. Marion Keisker, die Sekretärin, schlug vor, den jungen, dunkelhaarigen Burschen einzubestellen, der für seine Mutter gesungen hatte.
Elvis Presley trug, als er Scotty Moore am 4. Juli 1954 - dem Sonntag, an dem Deutschland in der Schweiz Fußball-Weltmeister wurde - zum Vorsingen aufsuchte, einen weißen, spitzenbesetzten Pulli, weiße Hirschlederschuhe und eine pinkfarbene Hose mit schwarzen Streifen an der Außenseite der Beine. Als Moores Frau ihn durchs Fenster kommen sah, warf sie ihrem Mann einen Blick zu, der soviel bedeutete wie Ich bin nicht da, und verließ das Haus. Moore wunderte sich, daß der Besucher so gepflegt aussah, und noch mehr, als dieser mit dem Singen begann: Elvis kannte und konnte alles. Der Bassist Bill Black kam dazu, um sich das anzuhören, und als Elvis fertig war, hatte Scotty Moore die Aufnahmesession bei Sam Phillips anderntags schon gebucht.
Die Geburtsstunde eines ganzen musikalischen Stils
Das Unvorhergesehene läßt sich in seiner Bedeutung immer erst hinterher beurteilen. Im Sinne Woodrow Wilsons kann man sagen, daß der Boden, dem Elvis zu dieser Zeit entwuchs, von niemandem bestellt gewesen war - Vater Vernon war Gelegenheitsarbeiter und hatte wegen Scheckbetrugs sogar im Gefängnis gesessen -, und auch der neue Boden, den er zu betreten im Begriff war, lag noch brach, trotz der bereits erbrachten Pionierleistungen eines Ike Turner oder, auf dem Gebiet der Soulmusik, eines Ray Charles. Niemand konnte also damit rechnen, daß am 5. Juli 1954 der Rock 'n' Roll erfunden wurde.
Elvis, Scotty Moore und Bill Black finden sich abends bei Sam Phillips ein. Der Aufnahmeraum ist etwa dreißig Quadratmeter groß und hat keine Fenster nach draußen, nur eine Glasscheibe, hinter der Sam Phillips sitzt. Die drei spielen ohne rechten Ernst und wohl auch gar nicht in dem Bewußtsein, daß es sich um eine Plattenaufnahme handelt. Ein Song nach dem andern, und Phillips überspielt gleich wieder alles in der Hoffnung auf Besseres.
Es ging ganz schön zur Sache
Während einer Pause springt Elvis plötzlich auf und traktiert seine Gitarre wie ein Verrückter: Er ging ganz schön zur Sache, erinnert sich Moore. Und dann fing er an zu singen. ,That's All Right, Mama'. Sofort steckt Phillips den Kopf herein: He, was macht ihr da? Und Moore sagt: Ach, wir albern hier nur herum. Das klang nicht schlecht, sogar durch die Tür hindurch. Man spielt das Lied drei- oder viermal, dann ist es im Kasten.
That's All Right, Mama stammte von Arthur Crudup, ein reiner Bluessong. Elvis kannte ihn vermutlich von dem Memphis-Sender WDIA her. Wenn man das Lied hört, merkt man sofort, daß Elvis daraus etwas ganz und gar Neues gemacht hat. Es war Country, Rhythm & Blues, dazu Gospel, versehen mit einer rhythmischen Kraft, die um so bemerkenswerter war, als man gar keinen Schlagzeuger dabeihatte. Flirrend läßt die biegsame, hohe Stimme die knapp zwei Minuten an uns vorüberziehen - das ist nicht mehr das Muttersöhnchen vom Vorjahr, es ist eine aufsässige und doch schon eigentümlich selbstironische Darbietung.
Der ganze Ehrgeiz
Irgend etwas klingt schon jetzt, auf eine freilich sehr lässige Weise, unernst; dabei ist es noch lange hin bis zu dem legendären Lachanfall, der Elvis bei Are You Lonesome Tonight auf offener Bühne ereilte. Und trotzdem steckt darin schon der ganze Ehrgeiz, der in ihm geschlummert hatte und in dem Moment erwachte, als er mit seiner Gitarre aufsprang. Aus dem hillbilly, dem Hinterwäldler, der als Platzanweiser und Lastwagenfahrer arbeitete und die Hälfte des Geldes zu Hause ablieferte, war mit diesem einen Satz ein Rock 'n' Roller von einer Energie geworden, deren Äußerung sich nach Verführung anhörte und auf Überwältigung aus war.
Tage und Wochen auf dem Rücken liegen und Energie tanken, so, wie die Luft, die er atmet, unter der heißen Augustsonne Energie tankt, um dann in einem gewaltigen Gefühlsausbruch zu explodieren, so, wie die Luft in einem Gewitter explodiert - auf diese Weise machte er sich das Leben nicht nur erträglich, sondern unendlich süß. So beschrieb Joseph Wilbur Cash, Autor der Mentalitätsgeschichte The Mind of the South, den hillbilly.
Der Resonanzboden der Rockmusik
Das oft bemühte Bild von der Explosion der Rockmusik, ja, überhaupt der populären Kultur traf auch persönlich zu: Was sich in und dank Elvis entlud, hatte eine spezifische Entstehungsgeschichte und verschaffte sich in einer hochindividuellen Form Ausdruck. Wenn man sich dies klarmacht, dann ist es müßig, darüber zu spekulieren, ob die Rockmusik auch ohne Elvis geworden wäre, was sie wurde. Sie brauchte diesen einen Resonanzboden, der ihr Wesen zum Klingen brachte.
Daß dies auf eine Weise geschah, die auch der Ausübende als beglückend empfand, das macht die Wirkung der Rockmusik bis heute aus; das war es allerdings auch, was den Skandal machte: Man nahm, abseits noch von religiösen Bedenken, auf welche die reine, tröstlich-erbauliche Gospel- und Countrymusik nie gestoßen waren, den Hedonismus übel. Joseph Wilbur Cash hatte vom nicht nur erträglichen, sondern vom süßen Leben gesprochen, das sich die Bevölkerung des Südens nicht zu erträumen wagte. Aber Elvis tat nicht nur das, er griff auch danach.
Fünftausend Bestellungen
Zwei Tage nach dem Studiotermin war das Band in den Händen des einflußreichen Radiodiskjockeys Dewey Phillips, der mit Sam befreundet war, und so ging That's All Right, Mama in der Sendung Red, hot and blue auf WHBQ über den Äther. Die Hörer drehten durch, das Lied wurde an dem Abend fünfzehnmal gespielt, anderntags gingen fünftausend Bestellungen ein, Elvis war augenblicklich Stadtgespräch und gab bald sein erstes Interview. Da saß er mit seiner nach hinten gekämmten Tolle und Pickeln im Gesicht. Er war so schüchtern, daß er im wesentlichen Phillips' Sekretärin reden ließ und selber nur das Nötigste sagte: Yes, sir. No, sir.
Angesichts dieser Zurückhaltung ist das Wagnis, das er mit seinen Auftritten einging, noch erstaunlicher: Er machte seinen Körper zum Ausdrucksmittel der Musik und nahm damit vorweg, was die Rolling Stones zehn Jahre später wieder aufgreifen und weiterentwickeln sollten. Die erotische Energie, die auch andere Interpreten, vor allem im Soul, mit ihrer Stimme vermittelten, lebte Elvis mit seinem Hüftschwung rückhaltlos aus.
Frauen außer Rand und Band
Noch im Juli 1954, kurz nach Veröffentlichung der Single That's All Right, Mama, gab Elvis in einem Amphitheater außerhalb von Memphis sein erstes Konzert. Er war nervös und das Publikum, vor allem das weibliche, außer Rand und Band. Scotty Moore war dabei: Das war der Moment, in dem er mit dieser Schüttelei anfing. Elvis stellte sich beim Gitarrespielen auf die Fußballen, um im Takt zu bleiben. Ich bin mir sicher, daß er das auch schon bei der Plattenaufnahme getan hat. Als er nun diese Show machte, fingen sie alle an zu schreien, und wir wußten gar nicht, was vor sich ging. Als wir wieder von der Bühne gingen, meinte jemand, das liege nur daran, weil Elvis dauernd sein Bein geschüttelt hat. Von da an machte er das immer mehr und entwickelte daraus eine richtige Kunst. Aber es war ihm auch ein natürliches Bedürfnis.
Anderthalb Jahre später - Sam Phillips hatte Elvis mitsamt den anderthalb Dutzend Sun-Aufnahmen, die es inzwischen von ihm gab, für 35.000 Dollar an die Plattenfirma RCA verkauft -, am 28. Januar 1956 präsentierte Elvis in der Tommy and Jimmy Dorsey Stage Show sein erstes RCA-Lied, Heartbreak Hotel, und tat dabei folgendes: Er ließ seine weit gespreizten Beine schlottern und zuckte kaum merklich mit dem Knie. Es war eine Art Mischung aus rasantem Schlurfen und Charleston-Geschlenker. Er grinste höhnisch, senkte seine Augenlider, lächelte aus dem linken Mundwinkel und zuckte mit den Hüften. So der Biograph Jerry Hopkins.
Von der Hüfte an aufwärts
Die Ed Sullivan Show erreichte dann im September eine Sehbeteiligung von mehr als achtzig Prozent; dabei wollte der Gastgeber den Rocker zuerst gar nicht haben und setzte durch, daß dieser nur von der Hüfte an aufwärts gefilmt wurde. Die Polizei zwang ihn bei Konzerten, auf die einschlägigen Bewegungen ganz zu verzichten.
Trotzdem vollzog sich, was diese Zeitung eine Woche nach Elvis' Tod im August 1977 so in Worte faßte: In seinen Liedern und in seiner äußeren Erscheinungsform verkörperte sich zum ersten Mal der in seinen Folgen noch unabsehbare Überfall des Vital-Ordinären, Dubios-Ungeistigen, Hermaphroditisch-Klassenlosen auf eine primär intellektuell-akademische, priviligiert männliche, klassenspezifische Zivilisation. Der Rest ist Geschichte. Oder nicht?
Die Erscheinung muß von den Mythen erst befreit werden
Es ist, zumal nach fünfzig Jahren, schwer, Elvis Presley unabhängig von seinem Erfolg zu verstehen, ihn gewissermaßen a priori zu betrachten. Dazu muß man seine Erscheinung von dem immensen Material, das sein Leben und sein Werk abwarfen, befreien. Greil Marcus bestand schon zu Lebzeiten des Sängers darauf, die scheinbare Logik, die mit der Karriere verbunden ist, beiseite zu lassen und das Genie ins Auge zu fassen, das dahinter steckte und sich diesen Weg bahnte.
Elvis ging ihn, trotz der erdrückenden, hochmanipulativen und künstlerisch auf die Dauer verheerenden Macht seines Managers Colonel Tom Parker, trotz auch der Betreuung durch erstklassige Autoren und Produzenten wie Jerry Leiber und Mike Stoller, allein und auf eigenes Risiko. Das läßt die Musik, die in jahrzehntelanger Verfügbarkeit eigentümlich irrelevant wurde, leicht übersehen.
Die Grundaussage des Blues ins Gegenteil verkehrt
Versuchen wir, uns zu vergegenwärtigen, worin Elvis' Leistung eigentlich bestand. Er war dem Country, dem Blues und dem Mittelstandsgospel verhaftet, Traditionen, die vielleicht nicht ihr Glück, aber ihr Genügen in der Beschaulichkeit, der Resignation oder der religiösen Verklärung fanden, Traditionen, die auf jeden Fall eine beschränkende, einhegende Wirkung hatten. Elvis setzte sich darüber hinweg, ohne den Respekt davor zu verlieren; er integrierte diese Stile in seinen eigenen und verkehrte die Grundaussage des Blues, die eine verzweifelte ist, in ihr Gegenteil.
Wegen dieser Tiefendimension, in welche die Wurzeln des Südens tief hinabreichen, ist seine Musik auch nicht einfach bloß Radau zum Anheizen, wie das ein größeres Publikum nach Richard Brooks' Film Die Saat der Gewalt denken mochte, in dem Bill Haleys Rock Around The Clock eingesetzt und damit der Rock 'n' Roll in seiner griffigsten, banalsten Form bekannt gemacht wurde.
Verschwitzter Schlafzimmergesang
Elvis ging subtiler zu Werke als der harmlose Haley; seine Musik war, in Text, Gesang und Bühnengebaren, dreidimensional: Eine unanstößige Liebeslyrik wurde von der einmaligen Stimme in verschwitzten Schlafzimmergesang verwandelt und, im Hüftschwung auf offener Bühne, direkt zur Sexualgymnastik. Die Dialektik zwischen Zärtlichkeit und Aggression, Sentimentalität und Überrumpelung, die Elvis den Ruf einbrachte, ein Wolf im Schafspelz zu sein, ein, so Franz Schöler, Dr. Jekyll and Mr. Hyde des Rock 'n' Roll, hat ihm das Interesse auch der seriösen Kritik gesichert.
Es gab Mitte der fünfziger Jahre sicherlich Musiker, die all die Dinge, die wir mit Elvis in Verbindung bringen, ebenfalls im Repertoire hatten; vor allem diese drei: Carl Perkins, Jerry Lee Lewis und Johnny Cash. Mit ihnen kam Elvis noch einmal in Memphis zusammen, er selbst am Klavier, unter dem Foto steht: The Million Dollar Quartet. Phillips hatte seine Million, aber Elvis war, dank Colonel Parker und RCA, in eine andere Umlaufbahn katapultiert.
Ein Imagewechsel
Der Wechsel zur damals größten Plattenfirma bedeutete die Öffnung hin zu einem Markt, der dank der Kaufkraft der amerikanischen Nachkriegsteenager enorm war, und signalisierte einen Imagewechsel: weg von der Countrylastigkeit, hin zum Entertainment vom Zuschnitt eines Frank Sinatra. Die Wurzeln der race music wurden nie ganz gekappt, doch Elvis war fortan ein anderer. Perkins, Lewis, Cash, dazu Roy Orbison - sie alle und noch viele andere hatten im Sun Studio etwas auf den Weg gebracht, das vielen bis heute ein Ärgernis ist. Aber niemand außer Elvis hatte die Kraft dazu, aus einer Minderheitenkultur eine Massenerscheinung zu machen.
So ist, was er tat, mehr als Musik und auf jeden Fall ein Beitrag zur Demokratie. Sam Phillips war ihm dabei behilflich: Besser als jeder andere Produzent im Land, so ein Kritiker, verstand Phillips die spezielle Eigenart des Rock 'n' Roll: das Freisetzen von Aggressionen, die sich gegen niemanden speziell richteten. Dies war der kleinste gemeinsame Nenner.
Musikalisch kaum festgelegt
Elvis aber machte damit eine andere Rechnung auf. Niemand verkörperte Reiz und Geheimnis dieser Musik auf so exemplarische, umfassende und gleichzeitig individuelle Weise wie er. Niemand konnte mit einer solchen Autorität und gleichzeitig so empfindsam singen wie er; das spürt man in fast allen seinen Gospelsongs, die sich bisweilen ins Immaterielle verflüchtigen.
Elvis war musikalisch am wenigsten festgelegt. Er klagte nicht wie die Bluessänger, er artikulierte Selbstsicherheit, Ehrgeiz und das Bedürfnis nach Freiheit; er gab sich aber auch nicht mit der Feier des Vordergründigen, Oberflächlichen zufrieden, sondern transzendierte seine Sehnsüchte mit einem Vortrag, in dem stets und noch in der karikaturhaften Spätphase etwas Spirituelles spürbar war. Die Mischung aus Melancholie und Übermut, die viele spätere Rockmusiker prägen sollte, war in ihm als erstem angelegt. Sein Anspruch, einzigartig zu sein, wird durch die Zahl seiner Imitatoren nur bestätigt.
Die Frage der Integration
Es wird immer viel Aufhebens darum gemacht, daß Elvis ein weißer Sänger war. Tatsächlich fielen die Leute aus allen Wolken, als Elvis in seinem ersten Radiointerview erzählte, daß er die Humes High School besucht hatte, zu der nur Weiße Zugang hatten. Ein Weißer, der singt wie ein Schwarzer - dieses Klischee sagt uns in Zeiten des auf Hochglanz polierten und ganz und gar austauschbaren Rhythm & Blues nichts mehr, führt aber zurück zu einer Frage, die auch der Bürgermeister von Tupelo im Sinne gehabt haben mag, als er Woodrow Wilson zitierte: rassische Integration.
Daß sie Elvis mehr oder weniger egal war - mit politischen Stellungnahmen hielt er sich extrem zurück; noch 1972 saß er in einer Pressekonferenz neben seinem Vater und bat, sich zum Vietnamkrieg und zur Frauenemanzipation nicht äußern zu müssen -, sollte nicht übersehen lassen, daß er mit seiner Musik etwas dafür getan hat.
Musik als eine Hochzeitsfeier zwischen den Rassen
Elvis hatte mit That's All Right, Mama auf Anhieb an etwas gerührt, das erst in den sechziger Jahren einer öffentlichen Erörterung zugänglich war. Die Sekretärin erinnert sich an den Song: Es war wie eine gigantische Hochzeitsfeier. Es war, als würden zwei verfeindete Clans durch eine Heirat verbunden. Amerika hatte mit dem Bürgerkrieg und der Abschaffung der Sklaverei das Problem nur konserviert; es war Sache der Blues-, Soul- und Rockmusiker, es ein Jahrhundert später wenigstens kulturell zu lösen. Elvis betrieb die Revolution, die Lincoln versagt gewesen war.
War es deswegen, daß Elvis erst am Ende des neuen Jahrzehnts wieder ins Geschehen eingriff, weil er spürte, daß er etwas Entscheidendes geleistet hatte? Colonel Parker, der ihm Zutritt zu Richard Nixon und nach Las Vegas verschaffte, der praktisch jede Summe fordern konnte, richtete ihn mit seiner Maßlosigkeit zugrunde. Aber Elvis war empfänglich dafür und wäre ohne diesen Manager nicht so groß geworden, wie er wurde.
Aus Instinkt eine Pause
Parker hielt ihn während der Militärzeit 1958 bis 1960, die für jeden anderen das Ende bedeutet hätte, im Gespräch. Aber vielleicht sagte ihm auch sein eigener Instinkt, daß es klug sein würde, während der großen Zeit der Beatles, Rolling Stones und Bob Dylans, die, nach einer kurzen Krise des Rock 'n' Roll, 1962 anbrach, stillzuhalten und sich auf seine indiskutablen Filme zu konzentrieren, die als Vehikel für seine weiterhin großartige Musik ihren Zweck erfüllten.
Elvis überließ es anderen, das Geleistete zu verfeinern und zu vertiefen, weil er all die Widersprüchlichkeit, die in der Existenz des Rockmusikers angelegt ist, schon ausgelebt hatte. Jedem erschien er anders. Deswegen konnte John Lennon behaupten: Vor Elvis gab es nichts, deswegen konnte Mick Jagger ihn als Schlappschwanz bezeichnen. Beides war richtig. Elvis kannte die Rebellion so gut wie das Ersticken am eigenen Ich.
He never looked better
Aber dann, im Dezember 1968, ist er plötzlich in einer Fernsehshow zu sehen. Da steht er wieder, im schwarzen Lederanzug und mit langen Koteletten. Alle sind sich einig: He never looked better. Im Januar 1969 betritt er das Studio des Soulspezialisten Chips Moman - nach vierzehn Jahren das erste Mal wieder ein Studio in Memphis. Die Platte From Elvis In Memphis zeigt ihn wieder nahe am alten Sun-Stil und doch auf der Höhe seiner Zeit.
Es ist das größte Comeback der Popgeschichte. Nicht davor und nicht danach ist jemand ein vergleichbares Wagnis eingegangen; niemand konnte nach so langer Zeit wissen, ob es nicht doch zu groß sein würde. Als einzigem unter denen, die in den fünfziger Jahren angefangen hatten, gelang es ihm nun, sich mit etwas durchzusetzen, das nicht als rückständig belächelt wurde. Es war, wie Greil Marcus schrieb, Musik, die blutete. Der schlafende Gigant war geweckt.
Zur Musik auf Distanz
Dies hätte das Ende sein müssen. Aber jeder wußte, daß Elvis längst in ein Stadium eingetreten war, in dem allein seine Präsenz genügte, und vielleicht war es das, was ihm so zu schaffen machte. Immer mehr ging er zu seiner Musik auf Distanz und sang in seinen späten Konzerten die Lieder nur noch an, schwitzend, dick und doch von einer Ausstrahlung, die nie wieder ein Popkünstler erreichte. Sein Selbstekel, den all die Karriererekorde nicht verdecken konnten, erging sich in Luxus, Freß- und Tablettensucht. Doch mit all diesen Dingen kann man ihn nicht fassen.
I Forgot To Remember To Forget - worum geht es? Es geht ums Bewußtsein von Endlichkeit, ums Vergessen. Der schöne Song drückt etwas aus, woran jede große Kunst rührt. Als Frank Sinatra starb, doppelt so alt wie Elvis, schrieb der Kritiker der New York Times: In unserem zynischen Zeitalter ist es bequemer, sich an Äußerlichkeiten eines Interpreten zu halten, statt zu versuchen, den Kern seiner Kunst zu begreifen. Sinatra habe eine Frage gestellt, die, so darf ergänzt werden, auch Elvis stellte: was es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Elvis Presleys Tragik bestand nicht darin, daß er zu wenig Zeit zu deren Beantwortung hatte - er hatte sie, mit einer Bescheidenheit, die dem Publikum verborgen blieb, für sich selbst viel zu früh beantwortet. Am 8. Januar 2005 wäre er siebzig geworden. In der Mitte dieses ungelebten Menschenlebens sagte er: Als ich ein Junge war, sah ich mich immer als den Helden in Comicbüchern und Filmen. Ich wuchs auf im Glauben an diesen Traum. Nun habe ich ihn erlebt. Mehr kann sich ein Mensch nicht wünschen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 43
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