Jimmy Page

Vater, Rockmusik muß hart und laut sein

Von Edo Reents

Mehr als ein Gitarrist: Jimmy Page, hier 1998 mit Robert Plant

Mehr als ein Gitarrist: Jimmy Page, hier 1998 mit Robert Plant

08. Januar 2004 Als neben der Rockmusik auch das Geschäft damit richtig hart wurde, klagte der einflußreiche Konzertveranstalter Bill Graham: "Wenn Musiker und Manager in finanziellen Kategorien denken, ist es okay; wenn sie aber die künstlerischen Probleme über dem Geldmachen vernachlässigen, ist das der Anfang vom Ende."

"Led Zeppelin" bekamen auf Anhieb beides unter einen Hut. Die Band wurde mit ihrem unerhört robusten Musizierstil in kurzer Zeit so erfolgreich wie kaum eine andere zuvor. Daß ihr Heavy Rock, als deren Erfinder sie heute verehrt werden, die Essenz des Blues trotz mancher Ausdünnung bewahrte, wurde oft überhört und ist maßgeblich einem Mann zu verdanken: Jimmy Page, Gitarrist, Produzent und Co-Songschreiber eines Quartetts, das er 1968 als Nachfolger der legendären "Yardbirds" zusammenstellte. Die "Yardbirds", denen zuvor die Virtuosen Eric Clapton und Jeff Beck angehört hatten, ließen den Bassisten, der Page zunächst gewesen war, schließlich an die Gitarre. Hier hatte er nicht mehr viel Zeit zu beweisen, was in ihm steckte: nämlich vor allem Wut.

Ein Riff für die „Kinks“

Der ehemalige Kunststudent war in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre der womöglich wichtigste Studiogitarrist in ganz England. Das Riff des "Kinks"-Titels "You Really Got Me" stammte genauso von ihm wie die Leadgitarre in Joe Cockers epochaler "Beatles"-Interpretation "With A Little Help From My Friends"; dazu hat er Dutzende anderer, bedeutender Aufnahmen begleitet. Mit solchen regelrecht anonymen Meisterleistungen wurde er freilich nicht annähernd so berühmt wie Clapton und Beck.

Im nachhinein will es deshalb so scheinen, als habe Jimmy Page seine Frustration darüber nur lautstark zum Ausdruck bringen können. "Led Zeppelin" kamen über Lärm und Effekt zum Spiel und demonstrierten außerordentlich kassenträchtig, daß Rockmusik auch in erhöhter Potenz funktionierte. Ihr Stil, der dem Intellektualismus der Konkurrenten von "Deep Purple" fernstand, begünstigte den Abbau von Frustrationen ganz ohne die gesellschaftlichen Implikationen, die bei den "Rolling Stones", den "Kinks" und den "Who" eine Rolle gespielt hatten. Der Blues, eine Art Schrei nach innen, wurde dabei hochtourig frisiert und nach außen gekehrt.

Spannung und Energie

Der hagere, dunkelhaarige Page bildete mit dem wie ein Engel blondgelockten, aber nicht so singenden, sondern meistens nasal kreischenden Sänger Robert Plant ein Paar, das nicht weniger Spannung und Energie aufzuweisen hatte als Lennon und McCartney, Jagger und Richards, Townshend und Daltrey. Es war dabei nie ein Geheimnis und mag beigetragen haben zu gelegentlich aufbrechenden Animositäten, daß Page, der das Sagen hatte, für Plants Posten ursprünglich Steve Marriott von den "Small Faces" vorgesehen hatte.

Es wurde "Led Zeppelin" im allgemeinen und Jimmy Page im besonderen von Kritikern, die es nicht abwarten konnten, daß nach den ersten vier, unglaublich erfolgreichen Platten die begrenzte Kreativität der Band endlich zutage trat, vorgeworfen, sie benutzten einen Song bloß als Demonstrationsvehikel ihrer instrumentellen Virtuosität. Wenn man heute Songs wie "Whole Lotta Love" (1969) und "Stairway To Heaven" (1971) hört, die in fast allen ewigen Bestenlisten weit oben stehen, wird man dies kaum bestätigen können. Die Wucht, mit der Page, Plant und der Schlagzeuger John Bonham sowie der Bassist John Paul Jones zu Werke gingen, dazu die Raffinesse und Elegie der Songs, die natürlich auch auf dem Country- und Folk-Terrain überzeugten und sich bald sogar arabisch-orientalischen Einflüssen öffneten, hatten zwar stets etwas Kalkuliertes, wirkten aber keineswegs seelenlos. Jimmy Page befeuerte mit schnellen, dabei eigenartig monolithischen Riffs den orgiastischen Gesangsstil Plants und konnte, indem er Melodie und Rhythmus gleichermaßen besorgte, den Eindruck erwecken, hier spiele mehr als ein Mann Gitarre. In gewisser Weise traf das auch zu: Der doppelte Gitarrenhals, mit dem er sich, musikalisch etwas unmotiviert, auf der Bühne sehen ließ, symbolisierte den anders als im Glamrock ironiefreien Gigantismus des Konzepts.

Sündhaft teure Autos

Dieses wurde denn vor allem in England verunglimpft, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Musiker damit in kürzester Zeit Millionäre geworden waren. Man dichtete ihnen einen Lebenswandel an, der zumindest zwischen den Tourneen eher ruhig war. Page allerdings fuhr mehrere sündhaft teure Autos zu Schrott und drückte auf diese Weise seine Geringschätzung für einen Luxus aus, mit dem sich damals ein Fußballidol wie Günter Netzer stolz ablichten ließ.

Jimmy Page ließ es geschehen, daß der gerissene Manager Peter Grant aus der Band einen Fanartikel machte, sorgte aber mit seiner Pressescheu für ein undurchsichtiges Image, das es ihm erlaubte und auch glaubwürdig erscheinen ließ, mit schwarzer Magie zu hantieren. Er betrieb in London eine okkultistische Buchhandlung und widersetzte sich gemeinsam mit Plant der Forderung ihrer Plattenfirma Atlantic, die ihnen üppige Vorschüsse zahlte, aus jedem guten Lied eine Single zu machen - die LP hatte als Gesamtkunstwerk Vorrang.

Nach dem durch Bonhams plötzlichen Tod 1980 verursachten Ende von "Led Zeppelin" machte Page gedrosselt weiter, in der Prominentencombo "The Firm", für Filmmusiken und sporadisch mit seinem alten Antagonisten Robert Plant. Die bemerkenswerteste neuere Gemeinschaftsarbeit der beiden Ehrenbürger von Memphis, "Walking Into Clarksdale" (1998), weist den Weg zu den Ursprüngen: Die Stadt in Mississippi, in der John Lee Hooker geboren wurde und Bessie Smith starb, behielt ihre Bluesmagie für James Patrick Page, den Vater der harten Rockmusik, der heute sechzig Jahre alt wird.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2004, Nr. 7 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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