„Rock am Ring“

Das Bad in der Menge als Initiationsritus

Von Peter Badenhop

Drei Tage Kopfschütteln: “Rock am Ring“

Drei Tage Kopfschütteln: "Rock am Ring"

06. Juni 2005 Der Weg nach vorne ist weit. Sehr weit. Und wer Pech hat, muß mehrere Anläufe nehmen, um schließlich im Bühnengraben zu landen. Doch Georg kann das nicht schrecken. Immer wieder quetscht er sich durch die Menge, sucht sich 25 bis 30 Meter von der riesigen Bühne entfernt im Getümmel ein oder zwei Helfer, schwingt sich mit deren Hilfe über die Köpfe der Umstehenden - und surft los.

Brett oder Segel braucht er dafür nicht, beim „Crowd Surfing“ läßt man sich einfach von der Menge auf Händen bis nach vorne durchreichen. Hunderte tun es dem Dreiundzwanzigjährigen aus Bitburg an diesem Abend gleich. Zum Spaß-Punkrock der Band „Green Day“ wird gesurft, was die Kondition hergibt. Denn anstrengend ist der Spaß, dem sich die Leute an diesem ersten Tag des diesjährigen „Rock am Ring“-Festivals hingeben, schon. Und gefährlich?

„Quatsch! Die unten stehen, tun sich viel mehr weh“, sagt Georg und zeigt auf die „Mädels“. Die trauen sich schließlich auch. Das bißchen Risiko für einen „sooo geilen Kick“! Georg in seiner oliv-farbenen Armeehose und Streifenshirt gibt an diesem Abend jedenfalls alles.

Wahrscheinlich gebrochen

Genau wie Andrew. Der klagt zwar später über Rippenschmerzen („da ist hundertprozentig was angeknackst“), den Auftritt von „Green Day“ wird er aber aus einem anderen Grund so schnell nicht vergessen: Der Einundzwanzigjährige hat vor ein paar Minuten mit den Amerikanern auf der Bühne gestanden - und Bass gespielt! „Mann, Wahnsinn!“, bricht es aus ihm später heraus. „Das war wirklich unglaublich!“ Als Höhepunkt der anderthalbstündigen Show hat Sänger Billie Joe Armstrong drei Fans aus dem Publikum geholt, einen ans Schlagzeug gesetzt, einem seine Gitarre umgehängt und Andrew den Bass verpaßt - „und dann haben wir einfach gespielt“.

Solche Einlagen liebt das Publikum, und als „Green Day“ ihren Auftritt mit dem Queen-Hit „We are the Champions“ und großem Konfetti-Regen um kurz vor halb zehn beschließen, gibt es kein Halten mehr. Entsprechend schwer haben es eine Stunde später „R.E.M“, die eigentlichen „Headliner“ des Abends.

Größtenteils hart

„Rock am Ring“ feiert Jubiläum. Seit 20 Jahren findet das größte deutsche Open-air-Festival alljährlich am Nürburgring statt. Als Geburtstagsüberraschung hat Konzertveranstalter Marek Lieberberg die „Toten Hosen“ zum Finale furioso engagiert. Seit der Absage von „Limp Bizkit“ hatten drei Fragezeichen die Programmplakate geziert.

Knapp 70.000 Besucher sind an diesem Wochenende in die Eifel gekommen und zelten entlang der Strecke, auf der vor einer Woche noch Michael Schumacher und Konsorten ihre Runden gedreht haben. 50.000 Zuschauer sind es bei der Parallelveranstaltung „Rock im Park“ in Nürnberg, wo - zeitlich versetzt - ebenfalls an drei Tagen rund 90 Bands auf drei Bühnen spielen. Lieberberg ist zufrieden, für ihn ist der ungebrochene Zuschauerzuspruch vor allem ein Zeichen für die Attraktivität seines Programms.

Das setzt diesmal auf härte Töne. Während in den vergangenen Jahren mitunter auch weniger rockige Gruppen und Musiker wie „Santana“, „Radiohead“, Alanis Morissette oder „Faithless“ als Hauptattraktionen für Stimmung sorgen sollten und die ganz harten Jungs meist mit den beiden Nebenbühnen, der sogenannten Alternastage und dem Talentforum, vorlieb nehmen mußten, haben sich diesmal neben Alt-Punker Billy Idol und den deutschen Pop-Rock-Stars „Wir sind Helden“ vor allem Bands wie „HIM“, „Helmet“, „Slayer“, „Velvet Revolver“ und Schockrocker Marilyn Manson auf der „Centerstage“ breitgemacht.

Letzterer enttäuscht am Samstagabend zwar mit einem kaum einstündigen, von ständigem Regen heimgesuchten Auftritt, echte „Ring“-Gänger wie Georg und Andrew, die beide seit Jahren mit Freunden zur Rennstrecke kommen, lassen sich von solchen Ausfällen oder schlechtem Wetter nicht abhalten.

Vergleichweise ruhig

Zum Höhepunkt des Abends ist es vor der Hauptbühne wieder brechend voll. Angekündigt sind ausgerechnet die Altmetaller von „Iron Maiden“, die noch immer mit viel zu engen Lederhosen, Schweißbändern, Patronengurten und ihrem Pappmaché-Monster „Eddie“ auf die Bühne kommen. Vor ein paar Jahren waren sie zwar schon mal am Ring, im Grunde ist ihre Zeit aber seit mindestens einem Jahrzehnt abgelaufen. Doch die ungeahnte Renaissance des Heavy Metal beschert den großen Bands der Achtziger derzeit einen goldenen Lebensabend. Selbst die Trunkenbolde von „Mötley Crüe“ um Schlagzeug-Prolet und Pamela-Anderson-Ex-Gatte Tommy Lee sind von den Toten auferstanden und haben schon am Nachmittag ihren Klassiker „Shout at the Devil“ ins Publikum gebrüllt. Der Song ist zwar älter als die meisten, die dazu die Köpfe schütteln. Aber wen kümmert das schon? Rock ist schließlich alterslos.

Klassiker ganz anderer Art sind Karl und Ute Häfner. Sie gehören zu einem Team von Notfallseelsorgern, das seit 1997 jedes Jahr beim Spektakel am Nürburgring dabei ist. Vor allem nachts haben sie ordentlich zu tun. In ihrem Zelt mitten auf dem Gelände und bei ihren Streifengängen über die chaotische Unterwelt der Zeltplätze werden die ehrenamtlichen Seelsorger ständig angesprochen. „Das hat mit dem Festival manchmal gar nichts zu tun“, sagt Karl Häfner, Bürgermeister im nahegelegenen Kelberg. „Da kommen ganz andere Ängste und Probleme hoch.“

Vor allem junge Mädchen brauchen dann Hilfe. Neben Depressionen, Unterkühlung, Liebeskummer und exzessivem Alkoholgenuß geht es immer wieder auch um Drogen. Aber in diesem Jahr sei es vergleichsweise ruhig, sagt der 52 Jahre alte Häfner am Samstagabend. „Aber man weiß ja nie, was noch abgeht.“

Offenbar initiativ

1986 als einmalige Großparty zur Eröffnung des umgebauten Nürburgrings geplant, ist „Rock am Ring“ inzwischen selbst zum Klassiker geworden. Gemeinsam mit „Rock im Park“ kommt der Veranstalter auch in schlechten Jahren auf gut 100.000 Zuschauer - Pfingsten 2000 kamen allein an den Ring fast so viele und lösten ein unvergleichliches Chaos aus.

Kilometerlange Staus hat es aber auch an diesem Freitag wieder gegeben, das gehört zur Folklore eines jeden Festivals. An der Nürburg sind sie eben nur besonders lang. Schon Stunden bevor die ersten Gitarrenklänge auf dem Bühnengelände zu hören sind, ziehen Tausende über die Seitenstreifen der Zufahrtsstraßen, wie Kirchentagsbesucher bepackt mit Schlafsäcken, Zelten und Proviant. Nur daß sie statt Fanta und Butterkeks palettenweise Bier und andere Stimmungsaufheller dabei haben.

Für viele Halbstarke ist die Drei-Tage-Sauf-und-Gröhl-Party, die quasi rund um die Uhr auf den Campingplätzen trobt, wie ein Initiationsritus. Wer einmal im tiefen Schlamm gelegen hat oder auf einem Bierdosen-Berg weggedöst ist, der hat die Schwelle vom Kindsein zum Erwachsenwerden überschritten.

Eindeutig spaßverkürzend

Teil dieses Rituals ist auch das Bad in der Menge. Vor der fast siebzig Meter breiten Hauptbühne stürzen sich am späten Samstagnachmittag vor allem junge Männer ins Getümmel, surfen, hüpfen und springen sich zu den wuchtigen Gitarren und schweren Bässen von „Slayer“ die Seele aus dem Leib. Um dieses inszenierte Chaos vor der Bühne nicht zu echtem Chaos auf dem Festival werden zu lassen, hat sich auch am Nürburgring in den vergangenen Jahren einiges verändert.

Roskilde hat die gesamte Branche aufgerüttelt. Drei Wochen nach „Rock am Ring 2000“ waren bei dem dänischen Traditionsfestival neun junge Leute bei einer Massenpanik zu Tode gekommen. Seither gibt es auch am Ring einen sogenannten Wellenbrecher. Dieser von Ordnern bewachte Graben soll verhindern, daß es durch nach vorne drängende Zuschauer zu einer Panik wie damals in Roskilde kommt. Das funktioniert bestens. Nur für Fans wie Georg hat die Sache einen Haken: Ohne den Wellenbrecher könnten sie - vorausgesetzt „die Brandung stimmt“, sprich: das Publikum steht gedrängt genug - ein paar hundert statt nur einigen dutzend Metern surfen.

In diesem Sommer wird FAZ.NET zudem vom „Hurricane Festival“ (10. - 12. Juni), vom Haldern Pop Festival (5. und 6. August) und vom „Wacken Open Air“ (4. - 6. August) berichten.

Bildmaterial: dpa/dpaweb

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