Nelly Furtado

Weil ich ein Mädchen bin

Von Andreas Obst

Nelly Furtado auf der Bühne

Nelly Furtado auf der Bühne

18. Juni 2004 Angenommen, wir wären alle Mädchen. Mitte Zwanzig, hübsch anzuschauen, flink auch im Geist und von jener Sportlichkeit, die Männer gewöhnlich grundsätzlich schätzen - wenn vielleicht nicht unbedingt bei der eigenen Partnerin, dann aber doch in der gleichsam universellen Vorstellung vom Mädchen schlechthin. Wären wir also alle Mädchen, dann wären wir gewiß Nelly Furtado.

Denn die Kanadierin mit portugiesischen Vorfahren, Mitte Zwanzig, hübsch anzuschauen, flink und sportlich, erfüllt wie selbstverständlich sämtliche Klischees des Mädchenbilds. Ihresgleichen würden mit ihr die Köpfe zum gemeinsamen Kichern zusammenstecken, und Männer würden mit ihr wohl Pferde stehlen wollen - oder was sonst auch immer. Wobei das "sonst" nicht falsch zu verstehen ist, denn Nelly Furtado umgibt fast wie ein Schutzschild eine ganz eigenartige Aura unschuldiger, dabei gewiß nicht wehrloser Kindlichkeit, die Gedanken an Erotik gar nicht erst aufkommen läßt.

Mehr als Momentaufnahmen

Wie Nelly Furtado so über die Bühne im wunderbar rockzirzensischen Münchner Circus Krone tobt, der ersten Station einer kleinen Deutschland-Tournee, ist jeder im Publikum zusammen mit ihr vom ersten Augenblick an sicher, einen unterhaltsamen Abend zu verbringen. Nicht mehr. Aber gewiß auch nicht weniger.

Nach mehr klingt immerhin ihre Musik auf CD. Zwei Platten hat sie bisher veröffentlicht, es sind nicht unbedingt Werke, die das Genre voranbringen, aber doch Momentaufnahmen, die über den Moment hinaustönen: gleichsam als Manifeste Ewigmädchenhaftens. Hört man ihre Musik, die sie auf der zweiten Platte unter dem schönen, weitgespannten Titel "Folklore" tönen läßt, ist sofort zu erkennen, daß sich hier eine Stimme und das Rockerbe begegnet sind - und beide können wie selbstverständlich nebeneinander bestehen.

Gängigste Teenager-Themen

Elvis Costello hat einmal gesagt, im Grunde sei es ganz gleichgültig, was er spiele. Immer sei seine Musik Folklore, denn sie handele von folks - von Menschen eben. Im Falle Costellos mag das auch für die literarisch ambitionierten Texte gelten, bei Nelly Furtado bleibt die Metaebene ihrer Musik doch stets an der Oberfläche gängigster Teenager-Themen.

Dafür fahren die Songs unmittelbar in die Beine. Ihr Repertoire ist ein mit jedem Ton schillernd einleuchtender Cocktail aus den unterschiedlichsten Genres sogenannter Unterhaltungsmusik zwischen Big-Band-Jazz und Hip-Hop, dabei von zeitloser Modernität. Es ist sogar so, daß ihre Musik einen ganz eigenen Zeitbegriff hat - solange sie klingt. Und jedesmal aufs neue, wenn sie klingt.

Das Leben, allzeit fabelhaft

Auf der Bühne wird dieser animierende Eindruck musikalischer Frische indes von der Banalität einer Inszenierung getrübt, die allein auf das Prinzip mädchenhafter Unbekümmertheit setzt. Doch kein Mensch hat immer gute Laune, niemand würde beständig auf der Stelle hüpfen und dabei fortwährend behaupten, das Leben sei allzeit fabelhaft.

Nelly Furtado hält das Tempo ihrer ausschließlich auf sich selbst bezogenen, dabei wie rasenden Beschwingtheit in München eineinviertel Stunden durch. Assistiert wird ihr dabei von einer soliden fünfköpfigen Band, in deren Mitte ein DJ fröhlich an den Plattentellern dreht, und einer tanzenden Nebensängerin. Alle lassen ordentlich Lärm entstehen. Doch eigentlich haben die Akteure auf der Bühne nicht viel miteinander zu tun - in musikalischer Hinsicht. Die Musiker spielen vor sich hin, und Nelly Furtado ist ohne Unterlaß damit beschäftigt, Mädchen zu sein: zu rennen und zu hüpfen, die Fäuste in den Bühnenhimmel zu stoßen, zu singen und zu tanzen und zu lachen, am liebsten alles zugleich.

Daß sie eben doch kein Mädchen wie andere ist, wird deutlich, als sie eine der jungen Zuhörerinnen aus dem Dunkel des Saals auf die Bühne bittet, die Überraschte höflich nach dem Namen fragt und sie dann zwischen der Hintergrundsängerin und dem Gitarristen stehen läßt. Während die Musik immer weiterspielt, steht die junge Frau aus der Menge lange Minuten auf der Bühne und läßt die Hüften schwerfällig kreisen. Sonst ist nichts zu tun. Dann zeigt ihr ein Ordner den Weg zurück ins Parkett. Nur Nelly Furtado tobt immer weiter.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2004, Nr. 139 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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