Konzert- und Konzeptfilme

Der Blues müßte den Blues bekommen

Von Andreas Platthaus

Soullegende: Solomon Burke

Soullegende: Solomon Burke

12. Februar 2004 Das nennt man wohl Synergieeffekt: Volkswagen fördert einen Film, der ein großes Konzert in der Radio City Music Hall von New York zur Feier des 2003 vom amerikanischen Kongreß ausgerufenen "Year of the Blues" dokumentiert. Und Volkswagen fördert als einer von drei Hauptsponsoren die Berlinale. Was findet sich da in deren Wettbewerbsprogramm, wenn auch außer Konkurrenz? Die Konzertdokumentation. Hat sie dort etwas zu suchen? Nein. Denn Antoine Fuqua, der mit "Training Day" vor zwei Jahren immerhin bewiesen hat, daß er sich auf bilderstarkes Filmemachen versteht, hat bei "Lightning in a Bottle", wie die Dokumentation betitelt ist, alles vergessen, was man handwerklich braucht, um sein Publikum fast zwei Stunden lang zu fesseln.

Er verließ sich auf die Kraft der Sänger und Musiker, was bei Größen wie B.B. King, Buddy Guy, Robert Johnson, Natalie Cole, Ruth Brown, Robert Cray oder Mavis Staples natürlich keine Kunst ist. Da aber jede dieser Legenden nur einen, bestenfalls zwei Auftritte hat, entsteht eine Nummernrevue, die auf der Bühne fasziniert haben mag, aber im Kino nur noch den Charakter einer Pflichterfüllung vermittelt: Wer im Blues-Geschäft noch laufen konnte, mußte in New York mit dabeisein. Und wer im Publikum noch stehen konnte, stand nach jeder Nummer brav auf, um seine Reverenz zu erweisen.

Unglaubliche Masse Mensch

Und doch gab es einen, der weder richtig laufen noch stehen konnte: Solomon Burke, der zuvor in einer hinreißenden Anekdote berichtet hatte, wie er mit Fats Domino einmal von der Bühne flüchten mußte. Schon Fats Domino würde niemand als schlank bezeichnen, doch es war schließlich Burke, der im Fenster der Toilette steckenblieb. Und nun sitzt diese unglaubliche Masse Mensch auf der Bühne auf einem goldenen Thron, sieht aus, als sei er dort geboren, und singt mit einer Inbrunst, als könnte er allein die Welt mit "Down in the Valley" in Himmelshöhen wuchten.

Und dann, auf dem Höhepunkt der Ekstase, wenn die fabelhafte Begleitband - auch sie eine Allstar-Combo - sich im Rhythmus zu vergessen scheint, erhebt sich Solomon Burke aus seinem Sessel, steht für zehn, zwanzig Sekunden vor dem Publikum und predigt sein Lied, singt, wie keiner vor ihm je gesungen hat und keiner nach ihm jemals singen wird. Das ist ein Moment, der das Anschauen von "Lighning in a Bottle" zur Pflicht macht. Aber dazu hätte es keines Regisseurs bedurft; hier führte allein Burke Regie.

Wenn man an Scorseses "Last Waltz" denkt, an Jonathan Demmes "Stop Making Sense", an Wenders "Buena Vista Social Club", dann merkt man, was Fuquas Film fehlt: das Zentrum, die Geschichte. Gut, er erzählt über Vergangenheit und Gegenwart des Blues. Aber dabei überrascht er kein einziges Mal. "Standing in the Shadows of Motown" hat vor Jahresfrist doch vorgemacht, wie man Musikgeschichte filmisch aufbereiten kann - auch da stand ein Konzert im Mittelpunkt und wurde umrahmt von kurzen Gesprächen und historischen Aufnahmen. Das hatte Konzept. Aber die Mühe der Recherche hat Fuqua wohl gescheut. Nun, nicht nur Männer, wie es der Blues-Klassiker weiß, sind wie Straßenbahnen, auch Filme: Der nächste kommt bestimmt. Die Musik wird das alles ohnehin überleben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2004, Nr. 38 / Seite 37
Bildmaterial: ANP

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