Von Richard Kämmerlings
14. Mai 2007 Ein Käfig der Seele war für Platon unser Körper, die Fesselung ans Sinnliche und Physische ein lebenslanges Hindernis höherer Einsicht. Jene Musik, die das Rütteln an den inneren Gitterstäben am direktesten in Klang und Schrei umsetzt, heißt Soul, und damit ist weniger ein Stil gemeint als eine Intensität des Gefühlsausdrucks, der Sehnsucht nach der Überwindung des Körpers und seiner Grenzen.
Etwa eine halbe Stunde vor Beginn des Konzerts der Noisettes im Kölner Gebäude 9 humpelt eine junge schwarze Frau auf einer Krücke durch den Vorraum zu den Toiletten. Später, nach der Detonation des ersten Songs wird Shingai Shoniwa auf ihren small Rock 'n' Roll accident beim Hamburger Konzert am Vorabend hinweisen, um ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit zu entschuldigen. Später, bei den letzten, ins Ekstatische kippenden Stücken, wird sie den einen ihrer beiden verschiedenen Schuhe wegtreten, auf einem Bein über die Bühne hüpfen, schließlich mit dem lädierten Fuß hysterisch auf die Monitorbox eintreten, als wäre diese der Mann, der sie in ihrem Lied verlassen hat. Shingai Shoniwa, die hinreißende Sängerin mit kenianischen Wurzeln, ist so sehr Soul, dass sie ihren Körper in die Schranken weist - nicht umgekehrt. Ihr Druckmittel ist die Stimme.
Der entscheidende weibliche Anteil
Die Noisettes aus London, entdeckt unter anderen von Pete Doherty und den britischen Rockgrößen von Bloc Party, stehen vor dem endgültigen Durchbruch; in Amerika gilt ihr gerade erschienenes Debütalbum What's The Time Mr. Wolf? schon als nächster europäischer Popexportschlager. Ihr garagig-bluesiges Tongerüst erinnert denn auch an den Neopurismus von populären Retro-Bands wie den White Stripes oder den Yeah Yeah Yeahs, beide Lieblinge der unabhängigen Kulturszene. Und selbst ohne Shoniwa wären Gitarrist Dan Smith und der manische Schlagzeuger Jamie Morrison immer noch ein außergewöhnliches Bluesrockduo; sie bilden den schroffen Noise-Anteil am doppeldeutigen Bandnamen.
Der andere, der entscheidende Anteil aber ist weiblich, schwarz, politisch und aggressiv und verfügt vor allem über eine R&B-Stimme von staunenswerter Registervielfalt: Mal haucht Shoniwa mädchenhaft wie Norah Jones, im nächsten Atemzug kiekst sie aufreizend wie eine Enkelin Ruth Browns, dann wieder röhrt sie wie eine punkige Amy Winehouse. Mit dem Raubkatzenhaft-Schnurrenden ihrer Show, mit einer hinter jeder leisen Zeile und Geste lauernden Sprungkraft nimmt sie Klischeehaftes all der durchgenudelten Frauenrollen schwarzer Musik auf und spielt damit virtuos Stegreiftheater: die auf ihrer Gitarre reitende Amazone, das laszive Luder auf dem Barhocker, die kämpferische Blaxpoitation-Heroine und das punkige riot girl mit einem Stoff-Jagdbomber an der Gürtelschnalle - all das ist Shingai Shoniwa, die doch in keinem dieser Modelle aufgeht. Von einer Sekunde zur anderen wechselt sie das Fach, ihre Mimik allein könnte das Auge den ganzen Abend beschäftigen.
Am Ende ist der Seelenkäfig vom Rütteln ganz schön ramponiert, nur vom Zuschauen schmerzt der eigene Fuß. Diese Frau, das ist klar, wird eine ganz Große, nein, sie ist es schon: Ein Konzert-, ein Naturereignis.
Bildmaterial: Thomas Brill