29. September 2004 Wir unterbrechen unser Programm für zwei Durchsagen. Die schlechte zuerst: An diesem Mittwoch treten der Bundestagsausschuß für Kultur und Medien sowie die Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" zu einer öffentlichen Sitzung zusammen, um über eine Quote für deutsche Popmusik im öffentlich-rechtlichen Radio zu beraten. Jetzt die gute: Rundfunk ist Ländersache. Irgend ein Edmund Stoiber, Peter Müller oder Christian Wulff wird sich also schon finden und sich hoffentlich querlegen für den Fall, daß man in Berlin tatsächlich auf etwas so Törichtes und Abgeschmacktes verfallen sollte, wie es eine solche Quote nun einmal ist.
Besonders hervorgetan haben sich dabei die grünen Damen Vollmer und Roth, die nicht einfach nur von englischsprachiger Popmusik sprechen können, sondern ganz reflexhaft, man könnte in deren Jargon auch einfach sagen: zynisch und menschenverachtend, nur vom "englischen Einheitsbrei" beziehungsweise "Dudelmusik". Robbie Williams und Madonna werden deswegen nicht gleich die Fassung verlieren, aber eine Unhöflichkeit gegenüber unseren Brüdern und Schwestern in England und Amerika ist es doch.
Nicht gut genug?
Von einem darwinistischen und sicher nicht ganz netten Standpunkt aus ist zu fragen, woher das denn komme, daß deutsche Popmusik so wenig gespielt wird - ist sie vielleicht nicht gut genug? Qualität setzt sich sonst doch auch durch, und viele deutsche Popmusiker singen sowieso englisch. Es ist eine Tatsache, die man bedauern kann, daß, wenn die Verallgemeinerung erlaubt ist, "das Radio" dazu neigt, zu spielen, was ohnehin schon bekannt ist. Es ist aber zwecklos, sich andauernd darüber zu beklagen; das Publikum bekommt am Ende doch, was es verdient.
Wer neue oder avancierte Popmusik hören will, muß - das ist wahr und eine wirklich schöne Ironie der E- und U-Kultur-Geschichte! - Kultursender oder -sendungen einschalten, die eher konservativ-behäbigen Zuschnitts sind. Ob man dagegen gleich einen volksgesunden Menschenverstand mobilisieren muß, der sich - auch das fällt auf - fast nur von in die Jahre gekommenen oder sogar schon abgehalfterten deutschen Popmusikern soufflieren läßt?
Da lachen die Hühner
Man verwechsele doch nicht, wie Peter Maffay, Heinz Rudolf Kunze und andere Udo Lindenbergs, Mainstream-Orientierung mit Zensur oder Boykott! Da lachen ja die Hühner, sagte man, als Adenauer Kanzler war. Dies war eine Zeit, in der das Radio vielen Menschen auch deswegen so viel bedeutete, weil Amerikaner und Engländer etwas damit zu tun hatten. AFN und anderer Rundfunk im amerikanischen Sektor wurden hierzulande jedenfalls immer gern gehört.
Aber nun kommt ein obendrein auch noch franktionsübergreifender, das heißt: auch mit jenen Konservativen, die uns die Privatsender eingebrockt haben, besetzter Ausschuß für antiamerikanische Umtriebe daher und will den Intendanten, Programmchefs und Redakteuren vorschreiben, was sie zu senden hätten. Genau wie Bildungspolitiker, die von der kleinsten Studie aufgescheucht werden, verweisen sie als erstes aufs Ausland, in diesem Fall peinlicherweise auf Frankreich, das seit zehn Jahren eine vierzigprozentige nationale Quote hat.
Statt die Franzosen dafür zu bedauern, daß sie ihre eigene Popmusik hören müssen, will man auch hier mit etwas anfangen, was doch sonst allenthalben abgeschafft wird: Subvention. Popmusik aber - das gilt auch für die deutsche, die auf das Mitleid der Damen Vollmer und Roth verzichten kann - ist keine Milch, die man einfach so quotieren kann. Man muß sie nicht wie sauer Bier anbieten.
Text: edo. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2004, Nr. 227 / Seite 35
Bildmaterial: AP
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