Interview

Der verkrachte Kunststudent

Von Sascha Lehnartz

18. Oktober 2004 Wir müssen ein wenig warten, denn der Herr Star ist noch nicht wach. Es ist Freitagmorgen, noch nicht mal übermäßig früh, und eigentlich waren wir für elf Uhr verabredet. Nun ist es Viertel nach elf, und wir sitzen in schweren Ledersesseln in einer Art Raucherzimmer hinter der Bar des Grandhotels Schloß Bensberg bei Bergisch Gladbach und warten. Auf Michael Stipe, den glatzköpfigen Kopf und Sänger der Band R.E.M.

Draußen vor der Tür wuseln die PR-Mitarbeiter der Plattenfirma umher. Sie haben Klemmbrettchen mit Terminlisten in der Hand und werden langsam ein wenig hektisch, denn Herr Stipe hat heute noch ganz schön viele Journalisten auf der Liste, die er nacheinander abfrühstücken muß, um das neue, dreizehnte R.E.M.-Album "Around the Sun" und die im Februar beginnende Tour zu bewerben. Zufällig sind wir heute die ersten auf der Liste. Und jetzt ist er schon zwanzig Minuten zu spät. Viel Luft nach hinten gibt es nicht, denn an diesem Abend sollen R.E.M. in Köln auftreten, um einen Musikpreis abzuholen, von dem die Musiker aus Georgia mit Sicherheit noch nie etwas gehört haben: Er heißt „Comet“ und wird vom Musiksender Viva verteilt. R.E.M. bekamen ihren Comet für das Video zur Single „Bad Day“.

Gute Laune sieht anders aus

Herr Stipe ist immer noch nicht da. Wir nutzen die Zeit, um unsere Fragen noch einmal durchzugehen - schließlich gilt der Mann als leicht divenhaft. Hoffentlich zieht die Einstiegsfrage. Die Tür geht auf. Stipe kommt herein. Gute Laune sieht anders aus. Unrasiert, rote Augen hinter schwarzgerahmter Brille. Er läßt sich in einen der Ledersessel sacken und bittet um einen Kamillentee. Die Stimme ist kaum hörbar. Toll, der Star ist krank. Oder spielt krank. Er macht nicht den Eindruck, als habe er wahrgenommen, daß bereits ein Reporter und ein Fotograf im Raum sind. Vielleicht hält er uns auch für Mobiliar. Der Raum ist ziemlich dunkel.

Ah, jetzt blinzelt er kurz. „Hi“, haucht er in unsere Richtung. Es kann losgehen. Erst mal eine lockere Ersatzeinstiegsfrage, denn er ist noch mit dem Teebeutel beschäftigt. „Mögen Sie barocke Umgebungen?“ Klappt vielleicht, der Mann hat schließlich mal Kunst studiert. „Barocke Umgebungen?“ fragt er zurück. Offenbar keine Spitzeneinstiegsfrage. „Na ja, Sie sitzen hier in einem Barockschloß.“ „Ach ja, stimmt“, sagt er und macht eine Pause. Er nimmt den Teebeutel aus der Kanne. „Ich bin zum dritten Mal hier. Ist ganz okay.“ Er schaut nicht den Fragesteller an, sondern aus dem Fenster. Vielleicht sollten wir jetzt die Heidi-Klum-Frage stellen: „"Wußten Sie, daß dies der Geburtsort von Heidi Klum ist?“ Aber eigentlich ist die Frage bescheuert. Erst in diesem Moment, da Michael Stipe an uns vorbei in den Bergisch Gladbacher Herbsthimmel starrt, wird klar, wie bescheuert die Frage ist.

Kindheit in Hanau

Vor uns sitzt schließlich nicht irgendein Popstar, sondern ein Popstar für Intellektuelle. Stipe wurde 1960 in Decatur, Georgia, als Sohn eines Berufssoldaten geboren. Als Kind lebte er eine Weile in Hanau. Mit sechzehn las er zuviel Rimbaud. An der University of Georgia studierte er ein paar Semester Kunst und gründete dort 1980 mit Pete Buck (Gitarre), Mike Mills (Bass) und Bill Berry (Drums) die Band R.E.M.

Das Kunststudentenimage hat die Band stets gepflegt. Stipes kryptische Liedtexte machten R.E.M. in den späten Achtzigern zur Lieblingsband von politisch und emotional orientierungslosen Geisteswissenschaftlern vor der Zwischenprüfung. Komischerweise setzte trotzdem der Massenerfolg ein. „Worüber sollen wir reden?“ fragt Stipe jetzt und schaut dabei weiter aus dem Fenster. „Vielleicht über Ihre neue Platte und Ihre Teilnahme an der ,Vote for Change Tour' im Wahlkampf für John Kerry?“ - „Fein.“

„Ja, das war so ein Satz“

„Sie haben sich kürzlich als den ,wütendsten Pazifisten der Welt' bezeichnet. Was meinen Sie damit?“ Stipe schaut immer noch aus dem Fenster und macht erst mal eine Kunstpause.
„Ja, das war so ein Satz, wie ich ihn manchmal sage. Ich weiß nicht, ob ich der wütendste Pazifist der Welt bin. Aber ich bin auf jeden Fall Pazifist. Und sehr wütend.“

Er sagt noch, daß Martin Luther King sein Vorbild ist. Dabei rutscht er etwas unruhig auf seinem Ledersessel herum. Er versucht sich an einer Art Schneidersitz. Er trägt beige Converse Chucks und einen ausgeleierten grünen Pullover, an dem er ständig herumzupft. Gemeinsam mit Bruce Springsteen, den Dixie Chicks, Pearl Jam und der Dave Matthews Band sind R.E.M in diesen Wochen durch einige der wahlentscheidenden Swing States getourt. Stipe war in den Achtzigern gegen sauren Regen und Ronald Reagan, in den Neunzigern für Clinton. Jetzt ist er gegen George W. Bush, aber daß der Aufstand der anständigen Rocker massenhaft unentschiedene Wähler dazu veranlaßt, für Kerry zu stimmen, glaubt Stipe selbst nicht. "Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn nach dieser Tour ein paar mehr zur Wahl gehen. Aber ich glaube nicht, daß wir Republikaner mit Konzerten konvertieren können." Irgend etwas muß es geben, was Michael Stipe hinter den Scheiben von Schloß Bensberg zu erkennen sucht.

„Ach, manchmal sag ich so Sachen“

Der Mann ist müde. Vielleicht liegt es an meinen Fragen, vielleicht an seiner Erkältung. Vielleicht auch nur daran, daß er rund 60 Millionen Platten im Leben verkauft hat und alle Fragen schon 60 Millionen Mal gehört hat. „Sie haben sich mal als gescheiterten Symbolisten bezeichnet. Können Sie das erläutern?“ „Ach, manchmal sag' ich halt so Sachen, um Leute loszuwerden. Und meistens klappt es. Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, was ein gescheiterter Symbolist ist oder ob ich einer bin. Wahrscheinlich bin ich einfach nur ein verkrachter Kunststudent.“ Wieder so ein Michael-Stipe-Satz. Einer, um Leute loszuwerden. Es funktioniert.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2004, Nr. 42 / Seite 61
Bildmaterial: AP, Edgar R. Schoepal

 
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