Madonna live

Drei Tage lang war Deutschland eine Disco

Von Dietmar Dath und Andreas Platthaus

24. August 2006 Als die mannsgroße Discokugel vorne an der Rampe endlich auseinanderfällt wie ein irdischer Vorwand, der himmlischen Hintersinn tarnt, entsteigt ihm die unsittlichste Reitpeitschen-Ischtar seit Babylons Menschenopferzeiten und zwingt ihre zaumzeug- und scheuklappengeschmückten Lustknaben mit blütenreinem Mädchengesang auf die Knie: „I'm gonna tell you about love/let's forget your life/forget your problems/administration, bills and loans/come with me.“

Nur allzu gern waren die insgesamt achtzigtausend Besucher der beiden deutschen Madonna-Konzerte in Düsseldorf und Hannover bereit, diese Maxime einen Abend lang gelten zu lassen - eine Nacht, die für weniger als 140 Euro regulär nicht zu bekommen war, Anreise und Übernachtung noch nicht mitgerechnet. Trotz solcher Preise versammelten sich in den beiden Stadien Anhänger aus allen Regionen der Republik. Darunter ganz überwiegend Frauen, Mädchen, die sich mit Lederjacken, Abendkleidern, Glitzerbrillen oder Korsagen unterschiedlichste Accessoires aus der ihnen jeweils sympathischen Phase der Epochenvielfalt ihres Idols herausgepickt haben und diese endlich einmal ausführen dürfen. Doch das Konzert, das sie erwartet, ist nicht beliebig, sein Zubehör kommt nicht aus der Rumpelkammer. Dieses Ereignis hat eine Voraussetzung, die andere weltweit vagabundierende Musiksternchen, -meteore und sogar manche Sonnnen des Popkosmos vernachlässigen.

Mehr als sexy Jazzgymnastik

Die Evidenz, der geräumige Allesfressermagen, die willentlich obszöne Fülle bestmöglicher Popmusik als solcher - nichts anderes ist das mit jedem Beat, jedem brünstigen Tieftonknödeln, jeder getragenen und gestreckten Klirrfaktornote offengelegte Geheimnis Madonnas. Denn nur mit sexy Jazzgymnastik, militärisch-bacchantischer Hybridchoreographie, verwegenen Kostümfetzen und scharfen Frisuren kriegt man gigantische Menschenmengen nicht so wogend glücklich, so zuckend weichgeritten, wie es dieser Frau gelingt. Dazu gehört mehr: zwingender, eindeutiger, großer Sound.

Kaum geht's bei Madonna zur Sache, ist der klägliche Jahrmarktskasper-Auftritt des überbezahlten Plattenauflegers Paul Oakenfold im Vorprogramm vergeben, und alle niedlichen Cowboyhütchen in Babyblau und -rosa auf vielen, vielen Fanköpfchen nicken im Takt. Stimmt, Camp-Country: auch so eine Mode, die Madonna erfunden hat, weil sie ihr steht und uns armen Affen nicht, damit der Unterschied auch schön sichtbar bleibt zwischen derjenigen, die gibt, was sie hat, und denen, die das allenfalls dankbar annehmen dürfen.

Die Folgen richtiger Ernährung und religiöser Verzückung

Klatschen, Pfeifen, Ohmacht, Absencen, Erdbeben, Welten im Zusammenstoß - nach drei Minuten „Future Lovers“ ist auch der verbiestertste Sitzlümmel auf den Beinen; das kühle, aber muskulöse Stück schmeißt die magnetisierten Synthesizersoundplättchen seiner wendeltreppenartigen Klangarchitektur unters Volk wie frisch gemischte Spielkarten (Ehrensache: lauter Herz-Asse).

Madonna legt sich auf den Bauch, hockt sich zum Schnulzenfest „Drowned World“ aufs Treppchen, als wäre sie mit jedem einzelnen Menschen im Publikum persönlich eng befreundet und müßte jetzt mal gerade dringend eine hochintime Lebensbeichte ablegen; dann springt sie wieder gliederlösend auf und ab, wenn ihr der Rhythmus zu gediegen wird, oder wälzt sich schamlos in ihrem ungeheuren Talent für einfach alles. Zwei Stunden lang demonstriert Frau Ciccone so die verblüffenden Folgen richtiger Ernährung, religiöser Verzückung und disziplinierter Lebensführung.

Die programmatische Idee der Tour: Alles ist Disco

Wer ist diese Teenager-Spitzensportlerin, die an der schweißglänzenden Striptease-Stange auf dem elektrisch durchgerüttelten Rodeosattel eine Uptempo-Version von „Like a Virgin“ in den Himmel wiehert, als wäre sie das letzte Einhorn? Wer ist diese Sprinterprinzessin, die den langen Laufsteg bei „Jump“ schneller rauf- und runtergroovt, als die gelenkigen Finger des funkadelischen Bassisten hinterherkrabbeln können? Wer ist die hyperattraktive, punkig finstere Rocksau, die schließlich bei „I Love New York“ über ihre mit tonnenweise feinstem Verzerrerdreck, Fuzz und Reverb zugekleisterte E-Gitarre herfällt, als wär sie ein Löwe und das Instrument ein Zebra? Madonna Ciccone: kennt zwar jeder, kommt uns aber schon wieder anders.

Das Sportive daran ist der schöne Schein; die ausgekochte, extrem diesseitige Spiritualität dahinter aber das Sein. Natürlich hat die elfjährige Bianca Ryan, die derzeit das Publikum der Castingshow „America's Got Talent“ und die gesamten Vereinigten Staaten mit ihrer nervenzerrenden Nachtigallennummer in die Massenohnmacht treibt, eine reinlichere Phrasierung, bessere Atemtechnik und ein umfänglicheres Stimmvolumen als Madonna.

Worauf es jedoch in der Sternenwelt des Pop ankommt, ist nicht derlei steriler Akademismus, sondern die permanente, sauber durchgeplante, wissens- und willensgeleitete Verwandlung von Schauspielerei in Klangfarben, auf deutsch: eine programmatische Idee, in der jeder besondere Ton Zeichen für etwas Allgemeines ist. Madonnas programmatische Idee auf der „Confessions“-Tour lautet: Alles ist Disco. House, Techno, Latin, gitarrifizierte Anleihen beim Manchester-Sound der frühen Neunziger, egal.

Bis heute schlägt sie Funken aus den Achtzigern

Was nach Bruch dieses Konzepts riecht, ist verstärkender Akzent: Das auf der neuen Platte eher laue Stück „I Love New York“ instrumentiert die Chefin live zur atemberaubend vulgären, im derbsten Rückkopplungskrach unrettbar auseinanderbrechenden Lärmorgie um, als ob sie sich vor Lou Reed verneigen oder „Ciccone Youth“ nachspielen wollte, das Seitenprojekt der New Yorker Post-Punk-Band „Sonic Youth“, das 1988 Madonna zu Ehren die Platte „The Whitey Album“ einspielte. Selbst die seriös aufgezogene Rotzigkeits-Pose aber mündet auf der „Confessions“-Bühne des Jahres 2006 bald in eine Disco-Inszenierung: veloursschwarz, straßbesetzt, exaltiert, erhaben und mit mehr als nur ein bißchen schwulem Subtext - „queer“ heißt der heute, aber er begleitet Madonna unter wechselnden Namen bekanntlich seit ihren Anfängen.

Die liegen, auch das weiß jeder, in den Achtzigern - und man staunt nicht schlecht, wenn einem plötzlich aufgeht, daß Madonna noch heute aus diesem Jahrzehnt Material zu beziehen weiß, dem sie, obwohl jener Fundus in letzter Zeit von Hinz, Kunz und deren Produzenten doch nun wirklich ziemlich gründlich abgegrast worden ist, bislang noch nicht den eigenen Formwillen aufgeprägt hat. Die Vocoderstimmen auf „Forbidden Love“, die an Gary Numan oder „Warm Leatherette“ erinnernde Knackigkeit und Trockenheit mancher Rhythmen der neuesten Madonna-Stücke hätten 1989 zutiefst unmadonnesk gewirkt - ihr damaliger Duktus war sämiger, prunkender, voller. Sie hat erst jetzt zu der funkelnden Sachlichkeit gefunden, die damals anderen so gut stand. Warum spät, warum jetzt? Weil Madonna mit der Idee „Disco“ nunmehr eben über eine hinreichend universalistische Stilreligion verfügt: Nimm John Travolta, die „Bee Gees“, „Hot Chocolate“, und die Welt steht dir offen. Auch Deutschland, zumindest von Sonntag bis Dienstag Ende August des Jahres 2006.

Das Stadionschimmern des 21. Jahrhunderts

Die Mitwirkenden, vom Generalmusikdirektor Stuart Price bis zum Sänger Isaac Sinwanhy, halten sich daran, und auch das Zubehör macht mit: Der jemenitische Schofar, der zum Kabbala-Stück „Isaac“ geblasen wird, will plötzlich „Abba“-Blasinstrument werden, und beim dritten Einsatz klappt das sogar. Blasphemisch könnte man so etwas natürlich auch nennen - schließlich handelt es sich bei diesem krummen Horn ähnlich wie beim in der Show ebenfalls verwendeten Kruzifix oder den arabischen Lettern und dem Davidstern auf den Brüsten der männlichen Tänzer um etwas anderweitig kultisch Aufgeladenes.

Genau in dem Moment, an dem das neonleuchtende Marterinstrument aufgerichtet wird, auf dem die Künstlerin in kühl kalkulierter Perversion die Überlieferung travestiert und also selbst mit Dornenkrone gekreuzigt liegt, - in diesem tatsächlich als Blasphemie verdammten und die Landesbischöfin von Hamburg zum Boykottaufruf inspirierenden Moment also wird das nachtschwarze Stadion von einer Lichtermenge erhellt, die das Publikum des nikotinfeindlichen einundzwanzigsten Jahrhunderts zu Wiedergängern des zwanzigsten macht, als das Feuerzeug noch dazu da war, mitten im Stadion Innerlichkeit zu demonstrieren. Es sind abertausende von Foto-Handys, die hier schimmern. Denn dieses ikonische Bild will konserviert sein: als das letzte Tabu, das noch behauptet werden soll. Das aufgeklärte Publikum bringt keine Brandopfer mehr. Die Gemeinde der elektronischen Musik ist auch bei der Adoration technisch fortgeschritten - und gerade hierbei konsequent individualisiert.

Wovon die Lehrer bis heute vergeblich träumen

Alle von erregungswilliger Seite schon auf dem italienischen Abschnitt der Tournee für lästerlich gehaltenen Versatzstücke mystischen Ergriffenseins und gläubiger Outriertheit haben einen präzisen musik- und showdramaturgischen Sinn: Umrahmt von einem alten Stück über Geständnisse und Bekenntnisse („Live To Tell“) sowie Videoeinspielungen über Straßengewalt, Kindesmißhandlungen und das sonstige Elend auf Erden sind sie im Grunde genau die Brücke zwischen Musik- und Religionsunterricht, von der deutsche Lehrer bis heute vergeblich träumen.

Voll Biedersinn also, voll tapsiger Güte - und genau deren leicht peinliche Erdenschwere braucht der Discovogel, um sich, in sprühendes Feuer gekleidet, davon abzustoßen und Spuren jenes schlechthin Sterblichen und Vergänglichen ans Firmament zu werfen, das wir Pop nennen.

Madonna ist eine Popsängerin in exakt dem Sinne, in dem New York eine Stadt und der Papst ein Priester ist: Grundsätzlicher, umfassender, wichtiger geht's nicht.



Text: F.A.Z., 24.08.2006, Nr. 196 / Seite 33
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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