Tocotronic

Die Anti-Utilitaristen

Von Rainer Schulze

22. April 2008 War da was? Nach fast zwei Stunden ist das Ärgernis, für ein kleines Getränk an der überfüllten Theke der Centralstation in Darmstadt eine halbe Stunde anstehen zu müssen, vergessen. Dreißig quälend lange Minuten pures Organisationschaos - wie weggewischt. „Tocotronic“ sei Dank. Pop dieser Sorte wirkt entspannend, anregend und belebend. Als wäre ein Regenschauer durch den Kopf gezogen und hätte alle Aggressionen weggespült.

Um neun Uhr hängt sich Dirk von Lowtzow die Gitarre um. Keine Vorgruppe stimmt auf die Band ein, die nach der Auflösung von „Blumfeld“ recht einsam die Fahne des Diskurspop Marke „Hamburger Schule“ hochhält. Mit gewohnt pathetischen Ansagen (“Ein Lied für alle, die mit einem Nervenzusammenbruch auf die Welt gekommen sind“) weckt von Lowtzow eine Erwartung, die er in Text und Musik auch erfüllt. Mit Sätzen wie „Du musst nicht zeigen, was du kannst“ rät er in „Verschwör Dich gegen Dich“ dazu, dem Leistungsdruck ein Schnippchen zu schlagen.

Der Sound der Verweigerung

„Du musst nie wieder in die Schule gehen“ - diese Zeile der Verweigerungs-Hymne „Sag alles ab“ wird in der Centralstation laut mitgesungen. Vor allen Dingen in den vorderen Reihen toben sehr junge Männer entfesselt. „Sag alles ab“ handelt von dem Bedürfnis, den Terminkalender zu vernichten: „Die Karriere macht mal Pause.“ Das ist der Sound der Verweigerung. In der Centralstation klingt er gut, aus den Boxen schrammeln die Gitarren herrlich laut.

„Tocotronic“ geben mit ihrem jüngsten Album der Sehnsucht, aus dem Laufrad der Karriere zu springen, einen Gitarrenklang. In „Luft“ preisen sie die Passivität und wettern gegen den Utilitarismus: „Das Nutzlose wird siegen.“ Auf der Leinwand flimmern im Hintergrund Sehnsuchts- und Unorte: Ein Wald, eine Maus die ihr Spiegelbild betrachtet. Schließlich das Bild, das auch das Cover der neuen CD ziert: ein müder, mit geröteten Augen ins Nirgendwo starrender junger Mann.

Der Kampf gegen den Imperativ

Ab einem gewissen Alter wirken Parolen auf Band-T-Shirts einfach lächerlich. Von Lowtzow und seine Kollegen wissen das - sie sind selbst in die Jahre gekommen und greifen, zumindest in Teilen, lieber zum Hemd. Am Merchandising-Stand aber gibt es ein Kleidungsstück mit einem Protestslogan zu kaufen, der gedruckt einfach nur dämlich, gesungen aber kein bisschen albern wirkt: Von Lowtzow singt dieses „Fuck it all“ fein und fast vornehm. Die frei gewählte Niederlage wird zum schönsten Triumph.

Auch auf dem Vorgängeralbum „Pure Vernunft darf niemals siegen“ sind das Bekenntnis zur Traumverlorenheit und der Kampf gegen den Imperativ der Nützlichkeit die Hauptmotive. Wie sich dieses romantische Aufbegehren zu einem roten Faden in der „Tocotronic"-Diskographie spannt, zeigen ältere Stücke wie „Sie wollen uns erzählen" oder "Let There Be Rock“. „Ein Stück Jugend“, schwärmt ein Mittdreißiger. Er sieht glücklich aus.



 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche