Von Edo Reents
10. Januar 2005 Das höchstinstanzliche Urteil kam von Greil Marcus: Niemand habe sein Talent so vergeudet wie Rod Stewart. Dies sagte der Kritiker, als (oder weil?) der Rockmusiker in sein kommerziell erfolgreichstes Stadium eingetreten war und keineswegs schlechtere Platten machte.
Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, daß Foot Loose & Fancy Free von 1977 im Gesamtbild seine beste ist: eine stimmige Mischung aus verletzlicher Großspurigkeit (mit dem Motown-Meisterwerk You Just Keep Me Hanging On) und selbstbewußter Empfindsamkeit (You Got A Nerve und I Was Only Joking). Aber für solche Subtilitäten hatte man kein Ohr zu einer Zeit, in der Rod Stewart so verunglimpft wurde wie wohl kein zweiter seines Ranges. Die Platte enthielt nämlich auch den Heuler Hot Legs, den man allgemein für frauenfeindlich hielt und nicht für das, was er eigentlich war, nämlich spaßorientiertes Entertainment, das damals ganz einfach im Geist der Zeit lag.
Massiver Hedonismus
Es war wohl noch etwas anderes, das Greil Marcus so ärgerte: Stewarts in der Tat massiver Hedonismus. Dabei hätte zumindest er doch merken müssen, daß selbst durch Stewarts internationales Jet-set-Angebertum eine britische Pub-Gemütlichkeit hindurchschien, die jene Bodenständigkeit garantierte, die man ihm abstritt. Wenn es in den siebziger Jahren einen Popstar gab, der für Vergnügungs- und Verschwendungssucht stand, dann war es Rod the Mod. Daß diese nur die Kehrseite seines schottischen Geizes war und er im übrigen keine Lust hatte, so zu tun, als hätte einer wie er den Luxus gar nicht verdient - das wurde ihm genausowenig zugestanden wie die vielen, vorzugsweise hellhaarigen Frauen, mit denen er ständig in der Boulevardpresse auftauchte und denen er auf seiner Platte Blondes Have More Fun vonn 1978 ein Denkmal setzte.
Hätte man sich mehr um seine Musik gekümmert und genauer hingehört, dann wäre ein anderes Bild herausgekommen. Tatsächlich ist Rod Stewart einer der delikatesten, humansten, schlagfertigsten und obendrein humorvollsten Rocksänger, dessen Werk heutigen Hörern bestenfalls von Sailing an bekannt ist, der allerdings grauenhaften Schnulze von 1975. Dies war der Zeitpunkt, zu dem er sein Atlantic Crossing (Plattentitel) vollzog, weil er der britischen Spielart überdrüssig geworden war. Unter der Aufsicht des Veteranen Tom Dowd legte er drei erstklassige Soulplatten hintereinander vor, die auf einen bisweilen mächtigen, aber jederzeit annehmbaren Klang getrimmt waren und die Stewart auch im kommerziell orientierten Popbewußtsein als eine sehr feste Größe etablierten.
Totengräber und zweitklassiger Fußballprofi
Doch Stewarts eigentlich wichtige, hochwertige Phase lag davor. Nach einer im Londoner Heimatstadtteil Highgate verbrachten Nichtstuerexistenz, die er als Totengräber und zweitklassiger Fußballprofi unterbrach, fand er in der Mitte der sechziger Jahre Zugang zu einschlägigen Kreisen, die wie er hauptsächlich an Blues und Rhythm & Blues interessiert waren. Er spielte mit Long John Baldry und in der Gruppe Steampacket mit Julie Discroll und Brian Auger, bis er das dort vorgefundene Niveau überwunden hatte und der Gitarrist Jeff Beck ihm anbot, in seiner Band den alleinigen Gesang zu übernehmen.
Die beiden Platten der Jeff Beck Group, mit Ron Wood am Baß und Mickey Waller am Schlagzeug, wurden vor allem wegen Stewarts heiserem Organ zu Sensationen des schweren britischen Rock. Stewart war, wie das Cover von Truth ganz richtig vermerkte, extraordinare; und es war kaum zu glauben, daß jemand einen Standard wie Ol' Man River so singen konnte wie dieser dürre Zweiundzwanzigjährige: I'm so weary, I'm sick of trying / I'm tired of living, but afraid of dying.
Weißer Chorknabe, der einen Negersänger imitiert
1969 machte er sich selbständig und stellte sofort unter Beweis, was er alles gelernt hatte, und zwar auch als jemand, der sich selbst bei der Aufmachung mehr einfallen ließ als andere. Daß in seiner Kleidung und in seinem Bühnengebaren etwas steckte, das außermusikalische Vorbehalte gegen ihn nähren konnte, wirkt heute so kleinkariert wie damals Stewarts schottische Mützen und trug zu seiner ungerechten Beurteilung bei. Stewart aber sang dagegen an, mit einer unglaublichen Mixtur aus Phlegma, Katarrh und physischem Humor (so der Rolling Stone) und mit der Sandpapierstimme eines weißen Chorknaben, der einen Negersänger imitiert (so der Daily Mirror).
Seine Leistung war freilich höchst originär: Das Debüt An Old Raincoat Won't Ever Let You Down enthielt emotional ausgereiften Folk und dicht arrangierten Einpeitscherrock. Dazu überraschte er mit erstklassigen Eigenkompositionen, in denen er seinen Nihilismus konsequent artikulierte: Blind Prayer und Cindy's Lament. Allein diese beiden, heute praktisch unbekannten Songs müßten jeden, der jemals etwas Schlechtes über ihn gesagt hat, beschämen.
Mit Saufbruder Ron Wood bei den Small Faces
Zur selben Zeit schloß er sich mit seinem Saufbruder Ron Wood den Small Faces an, die sich nach dem Abgang Steve Marriotts nur noch Faces nannten und eine Kommandostimme, wie Stewart sie hatte, gut gebrauchen konnten. Die vier Platten und unzähligen Konzerte der Band lebten ganz wesentlich von Stewarts Könnerschaft; man schoß, auf seine Initiative hin, von der Bühne Fußbälle ins Publikum und schenkte in den ersten Reihen Schnaps aus - Kernelemente britischer Unterhaltungskultur, die für eine Kurzweiligkeit sorgten, an der vor allem Stewart gelegen war: Never A Dull Moment hieß dann auch sein viertes Soloalbum von 1972. Die meisterlich vertiefte Rhythm & Blues-Ballade I'd Rather Go Blind wies ihn endgültig als den kompetentesten Interpreten schwarzer Musik aus.
Die Faces zerbrachen, wie so viele große Bands, an der Eigensucht eines Anführers. Stewart aber hatte genug von Gruppenerlebnissen und spielte danach nie wieder in einer festen Band. Es waren höchst produktive Irrwege eines Mannes, der sich seine Faulheit und seinen lässigen Lebenswandel redlich verdient hat. Nur in seiner Spätzeit verließ ihn der Instinkt: Die nun schon zweimal absolvierte Einspielung des American Songbook mit Jazz- und Swing-Standards verkauft sich passabel, ist aber ein musikalischer Irrtum und seiner Phrasierung nicht angemessen.
Lieder in die Unsterblichkeit gesungen
Was er in der Zwischenzeit machte, verfehlte seinen Erfolg nicht. Viele Lieder, die im Original blaß geklungen hatten, darunter manches von Dylan, Hendrix und Elton John, sang er gewissermaßen in die Unsterblichkeit, so auch The First Cut Is The Deepest von Cat Stevens. Dazwischen funkelte Selbstgeschriebenes wie You Wear It Well oder Maggie May, Stewarts berühmtestes Lied.
Das Repertoire dieses von Haus aus Arbeitsscheuen ist so bewundernswert wie die Sportlichkeit, mit der er sich der Kritik immer stellte. Die wird an diesem Montag, an dem Roderick David Rod Stewart seinen sechzigsten Geburtstag feiert, hoffentlich so milde gestimmt, wie der Jubilar das inzwischen selber ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2005, Nr. 7 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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