Arctic Monkeys

Harry Potter singt jetzt auch

Von Richard Kämmerlings

28. Februar 2006 Irgendwie ähneln sich diese jungen Dinger ja alle. Doch wenn man bemerkt, daß das Alter als Maßstab alle anderen Qualitäten zu überragen beginnt, sollte man mit seinen ästhetischen Wertungen zurückhaltender sein.

Daß ein Popkünstler lange durchgehalten hat und in seiner Altersteilzeit immer noch Spagat und Urschrei hinkriegt, heißt noch nicht viel; umgekehrt ist es seltsam, darüber zu staunen, daß junge Hüpfer tatsächlich ihr musikalisches Handwerk beherrschen - dafür hat es genug Beispiele gegeben, im Indierock-Segment der Neunziger etwa „Ash“ oder „Supergrass“.

All das weiß man, und dennoch ist es ein komisches Gefühl, sich im mittleren Alter plötzlich wieder als Fan einer Teenie-Band aufzuführen. Das war wohl der tiefere Grund für den spontanen Ausruf der etwa vierzigjährigen Dame hinter uns, als Alex Turner, der Sänger der „Arctic Monkeys“, die Bühne betrat: „Der sieht ja aus wie Harry Potter.“ Stimmt zwar gar nicht, aber trotzdem war die Freude an einem perfekten Rockkonzert im ausverkauften Frankfurter Mousonturm fortan leicht getrübt.

Von fünfzehn bis fünfzig

In gewissem Sinne hatte die Frau ja recht: Sollte Harry irgendwann auf Hogwarts sein Zauberabi gemacht, die mündliche Prüfung durch Voldemort bestanden und die Welt gerettet haben, würde er vielleicht auch gern einmal als Britpopstar aus der tiefsten Provinz die Muggel-Mädchen bezaubern wie Turner, dem im Moment nicht nur die notorisch fanatisierbare britische Popwelt zu Füßen liegt. Und zwar quer durch die Generationen; das Frankfurter Publikum dürfte von fünfzehn bis fünfzig gereicht haben.

Der „New Musical Express“ kürte Turner kürzlich noch vor Noel Gallagher von „Oasis“ zum „coolest man on the planet“. Mann, wohlgemerkt! Darauf würde man nicht ohne weiteres kommen, wenn da nicht diese irgendwie zugleich versoffen und ernüchtert klingende Stimme wäre, bei der man nie weiß, wo die Abgebrühtheit endet und der Ennui beginnt. Mal wirkt er wie Adam Greens kleiner, noch nicht restlos versauter Bruder und mal wie eine gerade noch jugendfreie Version des Libertins Pete Doherty.

Tiefe Züge aus der Flasche

Man muß dazu sagen, daß die anderen Bandmitglieder noch wesentlich milchbärtiger daherkommen und sich überhaupt zwischen den präzise und konzentriert hingeknallten Stücken ihres hinreißenden Debütalbums (siehe auch: CD-Kritik: Arctic Monkeys, „Whatever People Say I Am, That's What I'm Not“) verhalten wie eine Oberstufen-Pop-AG beim ersten Auftritt vor den echten Mädchen. Da wird endlos an Gitarren herumgefummelt, -gezupft und -gestimmt, werden unverständliche Sprüche an nachgereiste Sheffielder Hardcore-Fans gerichtet oder einfach nur tiefe Züge aus der Bierflasche für den nächsten Sprint genommen. Mal wirft Turner, der schon zu Beginn reichlich betrunken wirkt, wie ein Karnevalsprinz Bonbons in die Menge, dann starrt er ein bißchen ins Scheinwerferlicht, im Lauf des Sets baut er sichtlich ab - wenn er das bis ins biblische Jagger-Alter machen will, sollte er zwischendurch mal einen Schluck Wasser trinken.

So dilettantisch das mitunter aussieht - sobald angezählt wird, geben sich die Musiker keine Blöße. Gespielt wird einmal das komplette Album - mit Ausnahme des melancholischen „Riot Van“ -, dazu ein einziges neues Stück; mehr als eine knappe Stunde kann man so natürlich nicht füllen. Gleich zu Beginn verbrät die Band ihren Hit „I Bet That You Look Good on the Dancefloor“, und bei einem einzigen Stück („Perhaps Vampires Is a Bit Strong But...“) erlaubt man sich kleinere solistische Ausflüge. Zugaben gibt es keine - zur Enttäuschung der doch restlos begeistert sein wollenden Fans. Noch so ein Spruch aus der falschen Zielgruppe: „Eigentlich wollte ich ja, aber ich kann mir kein T-Shirt einer Band kaufen, die nicht einmal Songs für eine Stunde draufhat.“ Mein Gott, wie kleinkariert, sie sind doch noch jung.

Weitere Konzerte der Arctic Monkeys in Deutschland: Hamburg (1.3.), Berlin (3.3.), Köln (4.3.), Münster (8.5.) und Dresden (9.5.). Die Konzerte im März sind bereits ausverkauft.



Text: F.A.Z., 28.02.2006, Nr. 50 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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