„The Thermals“ im Konzert

Unser Körper ist ein Punk

Von Richard Kämmerlings

Hutch Harris und Kathy Foster von den „Thermals“ aus Oregon

Hutch Harris und Kathy Foster von den „Thermals“ aus Oregon

11. Dezember 2006 Der Hauptunterschied zwischen E und U, also zwischen ernster und unernster Musik ist der Konsum. Nicht die Bestuhlung oder die Lautstärke oder die Garderobe, sondern die Tatsache, daß man sich beim Popkonzert ständig flüssige, durch den Alkoholanteil auch kalorienreiche Nahrung zuführt; das gilt natürlich auch für die Musiker. Daraus ergeben sich Folgeprobleme: Wie etwa klatscht man mit einem Pappbecher Bier in der Hand? Oder wie kann man gleichzeitig mitsingen und rauchen?

Konzerte sind rauschende Stoffwechselorgien – beschleunigte Atmung, irre Transpiration, absurd redundante Nährstoffzufuhr bei erhöhter Fettverbrennung. Zuhören ist eine ernste Sache, doch hier braucht man nicht nur seine zwei, drei Sinne und ein bißchen Stehvermögen, sondern den ganzen Körper. Man nennt es Feiern.

Body Art als Kritik

„The Thermals“ sind eine klassische Punkband, es geht um Aktion und Bewegung in einem äußerst konkreten Sinne. Punk ist, auch unterhalb von direkt politischen Haltungen, zu Gesellschaftskritik gesteigerte Körpersprache, Body Art als kollektives Werk. Von einem Magazin gefragt, was er sich im letzten Jahr so alles gekauft habe, antwortet Sänger Hutch Harris, er versuche, nicht zu kaufen: „Most of my money is spent on stuff that goes into your body, like food.“

Daß der hagere Mann nicht danach aussieht, liegt am hohen Brennwert der Musik. Harris bildet mit der Bassistin Kathy Foster den Kern der Band, die, zum Quartett verstärkt, nun das kleine Frankfurter „Cookys“ bespielte, mit seinem geschmacklos-nuttigen Disco-Chic übrigens ein eher bizarres Ambiente für Punkrock

Schneidender Gesang

Nachdem sich Punk zu Tode gesiegt hat und sein Tempo, seine Schroffheit und Aggressivität längst in den Mainstream eingesickert sind, könnte man diese Musik für anachronistisch halten. Die „Thermals“ aus der amtlichen Indierock-Zentrale Portland in Oregon blasen solche Bedenken einfach weg: Einfache, trockene Riffs, Harris’ schneidende, selbst als Sprechgesang noch durchdringende Stimme, dazu ordentliche Drehzahlen aus der Rhythmusgruppe; zugleich kommt man ohne Backgroundvocals, Bühnenshow und dergleichen Zierat aus.

Die Stücke sind enorm melodisch, mit Anleihen bei Bands wie den „Breeders“, „Weezer“ oder den guten alten „Cars“ und ohne das im Postpunk übliche Repetitive und Zitternd-Nervige. Live mischen sich ältere, teilweise extrem kurze Pogo-Knüppler mit den auskomponierteren, narrativeren Stücken des neuen, furiosen Albums „The Body, The Blood, The Machine“, dessen konzeptuell verwobene Texte die Vision einer christlich-faschistischen Diktatur in Amerika ausmalen: Nie klang Paranoia euphorischer.

Heilsgeschichte als Witz

In „Here’s Your Future“ erzählt Harris mit teerschwarzem Sarkasmus eine Kurzfassung der Bibel, die Heilsgeschichte als zynischer Witz eines sadistischen Schöpfers: „God told his son: ,It’s time to come home / I promise you won’t have to die all alone / I need you to pay for the sins I create‘ / The son said ,I will, but Dad, I’m afraid‘“. Die „Maschine“ des Albumtitels ist der um Christus errichtete Machtapparat, dessen unnachsichtige Körperpolitik seine Dissidenten um die Welt verfolgt: „That’s why we’re escaping / We won’t have to die, we won’t have to deny / Our dirty God, our dirty bodies.“

Das ist dystopischer Science-Fiction-Punk, bedrohliche Zukunftsmusik, zu der sich heute aber noch ganz gemütlich-rempelnd tanzen läßt – Orwell als große Sause. Der Körper ist ein Anarchist, er nimmt sich einfach, was er braucht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold

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