James Blunt

Troubadix bei den Germanen

Von Andreas Rosenfelder

13. Juli 2006 Vielleicht hat James Blunt einfach Pech gehabt. Wäre der singende Panzeraufklärer, der seine Klampfe sogar ins Kosovo mitnahm, einfach ein halbbekannter Songwriter mit Mädchenstimme geblieben, dessen Lieder von Zeit zu Zeit im Radio liefen - fast jeder würde sie verträumt mitsummen und an nichts Böses denken. Doch die Musikindustrie ließ Blunts gefühlvolle Scheibe „Back to Bedlam“ seit letztem Sommer so heftig kreisen, daß der Brite binnen Jahresfrist - jedenfalls für alle Nichtfans - zum Inbegriff weinerlicher Nervensägerei wurde. Das ist fast schon ein Rekord. Der ebenfalls zur Kopfstimme neigende Kollege Chris Martin von „Coldplay“ zum Beispiel brauchte stolze fünf Jahre für solch eine Troubadix-Karriere.

Vielleicht paßt ja die etwas bemühte Dorian-Gray-Anspielung aus der Pianoballade „Tears in Rain“ doch auf James Blunt selbst. Der Achtundzwanzigjährige mit dem Dreitagebart strahlt zwar immer noch diese unverbrauchte Jungenhaftigkeit aus, die seine weiblichen Fans so bewundern. Aber die zeitlosen Songs sind im Zeitraffer gealtert, wirken ausgehöhlt durch den Dauereinsatz in der Fernsehwerbung.

Bevor James Blunt am Kölner Tanzbrunnen vor fast zehntausend Zuschauern auf die Bühne trat, sagte eine junge Frauenstimme eine Verlosung von „Ärzte ohne Grenzen“ an, wobei dem Gewinner ein Treffen mit - hier gab es eine komische Pause, wie bei einer automatischen Mailbox-Ansage, und der Sänger blaffte ohne viel Herzblut seinen Namen aufs Band - „James Blunt“ winke. Für einen winzigen Augenblick bekam man den Eindruck, Blunt könnte selbst genervt davon sein, immer die ehrliche Haut mit den einfühlsamen Liebesliedern abzugeben. Man darf sich wohl jetzt schon auf eine Imagekampagne vor dem zweiten Album einstellen, die den Sänger als eiskalten Aufreißer und verdorbenen Zyniker in Szene setzt.

Soviel Normalität auf einem Popkonzert - beängstigend

Einstweilen aber bleibt James Blunt, der in Köln mit ausgewaschenen Jeans und dunklem T-Shirt auf der Bühne stand, ein Elton John ohne Exzentrik. Er erlaubt sich kaum mal einen Witz, und wenn doch, dann zündet er nicht - wie etwa, als Blunt anmerkt, sein als Partyfreak auftretender Keyboarder Paul „Beardy“ Beard sei Autodidakt und habe seine Künste „nicht auf der Schule“ gelernt. Als Blunt am Ende von „Goodbye My Lover“ dem Publikum den Gesangspart überläßt, da bekommt dieser im Grunde ganz anrührende Schmachtfetzen etwas sehr Kirchentagshaftes.

Überhaupt könnte man das am Rheinufer versammelte Publikum problemlos auf dem Umschlag eines demographischen Jahrbuchs abbilden. Man will ja keine popkulturellen Mythen beschwören, aber soviel Normalität ist auf einem Popkonzert dann doch irgendwie beängstigend. Natürlich sind vor allem junge Mädchen angereist, gerne zu viert im für den Abend ausgeliehenen Fünfer-BMW des Vaters. Aber daß selbst betriebsausflugshafte Grüppchen von Mittvierzigern, die wohl noch nie in ihrem Leben ein Stück der „Pixies“ gehört und auch den Film „Fight Club“ mutmaßlich nicht gesehen haben, jede Zeile des von James Blunt gecoverten Songs „Where Is My Mind“ mitsingen können, verwundert dann doch. Zudem bleibt offen, worin genau Blunts Interpretation dieses Indie-Rock-Klassikers besteht - abgesehen davon, daß er die krasse Dynamik einebnet und das Kranke herausnimmt.

Fast hätte er Größe bewiesen

Vielleicht hat James Blunt wirklich Pech - denn im Grunde ist er einfach ein solider Liedermacher, der überzeugende Stücke wie das folkige „So Long, Jimmy“ mit seinen deftigen Orgelpassagen im Repertoire hat und der sich in seinen besseren Stücken irgendwo zwischen Tracy Chapman und - nun ja, vielleicht nicht gerade „Nirvana“, aber immerhin „Pearl Jam“ bewegt. Aber die mit viel Aufwand aufgebaute Aura verhindert immer wieder, seine Musik einfach als gutes Handwerk wahrzunehmen. Das im Kosovo entstandene „No Bravery“, auf der Leinwand mit Lehrfilmen über das Elend des Jugoslawienkriegs unterlegt, wirkt in dieser Inszenierung abgeschmackt und unglaubwürdig, auch wenn es im Soldatenschlafsack verfaßt wurde - dann doch lieber Handke lesen.

Am Ende, als die Bühnenbeleuchtung erlischt und die Band von der Bühne verschwindet, denkt man dann trotzdem, James Blunt würde Größe beweisen - denn er hat die Kitschhymne „You're Beautiful“, von englischen Radiostationen bereits wegen entnervter Hörer aus dem Programm genommen (siehe auch: Von wegen „beautiful“: Zuviel Blunt im Radio), einfach verweigert. Daß sie dann als letzte Zugabe doch noch erklingt, zerstört diesen Eindruck wieder. James Blunt ist kein Deserteur. Er bleibt immer der brave Soldat.

Weitere Konzerte im Juli:

Mittowch, 12. Juli: SAP Arena, Mannheim
Donnerstag, 13. Juli: Gurten Festival, Bern, CH
Samstag, 15. Juli: Festival „Stimmen 06“, Lörrach
Sonntag, 16. Juli: Zipfer Zone, Wiesen, A
Montag, 17. Juli: Olympiahalle, München



Text: F.A.Z., 13.07.2006, Nr. 160 / Seite 37
Bildmaterial: Warner Music

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