Max Herre

Der Teufel trägt Jute

Von Eric Pfeil

Lässigkeit und Nonkonformismus bleiben Behauptungen: Max Herre

Lässigkeit und Nonkonformismus bleiben Behauptungen: Max Herre

30. November 2009 Max Herre steht, lockenköpfig und im hochgekrempelten Jeanshemd, eine Gitarre vor der Brust, mit seinen Mitmusikern auf der Bühne des Kölner Gloria. Im Hintergrund prangt das Logo seines Labels Nesola (Esperanto für „nicht allein“), es zeigt eine Weltkugel und eine umklammerte Akustikgitarre. Herre singt: „Alles da / Und endlich nehm' ich's wahr / In meiner Welt ist so viel hell / Endlich seh ich's klar.“ Der ausverkaufte Club ist teilbestuhlt an diesem Abend, vom Jubeln hält das niemanden ab. Die Szenerie erinnert an ein vom Studentenparlament organisiertes Liedermacherfestival in den frühen Achtzigern.

Vor wenigen Monaten veröffentlichte Herre, Rapper der Stuttgarter Band Freundeskreis, seine zweite Soloplatte, ein deutschsprachiges Singer/Songwriter-Album mit Anleihen bei Neil Young, Dylan, den Spät-Sechziger-Stones und Udo Lindenberg. Im Booklet der CD sagt Herre, er habe sich für die Songsammlung auf das besonnen, was er letztlich schon immer gemacht habe: „ehrliche Texte und Musik“. Und während man sich noch fragt, was das sein soll, stellt man das eigentliche Problem Herres fest: Er ist ambitioniert, hat Geschmack, und nicht selten gelingen ihm zwischen allerhand Allgemeinplätzen auch mal ein paar hübsche Zeilen. Leider jedoch versucht er das ganze Album über mit äußerster Anstrengung den Eindruck von Leichtigkeit zu erwecken. Unentwegt wird Selbstverständlichkeit, Lässigkeit und Nonkonformismus behauptet - doch in dieser sehr ernsten, gediegenen Musik will sich kaum etwas von alledem einstellen.

Mehr Rotzigkeit

Im Konzert gewinnt sein groovegesättigter Folkrock deutlich: Die Rotzigkeit, die das Album vermissen lässt, findet sich hier. Das hat Herre seiner tollen Band - vor allem Keyboarder Roberto Di Gioia und Gitarrist Frank Kuruc - zu verdanken. Die Songs überzeugen jedoch auch live nur teilweise. Zu oft ergehen sie sich in kalenderblattartiger Hoffnungshymnik: „Und du siehst / Mit jedem Stück weit, das du kommst / Verschiebt / sich auch dein Horizont.“ Das gelingt einem Jan Delay besser, der sich vom gemeinsamen Helden Lindenberg eben nicht die Sentimentalität, sondern die Unverfrorenheit abgeguckt hat.

Herre aber will zu sehr der sympathische Stufensprecher sein, als dass er seinen Songs auch nur den Hauch des Rätselhaften oder Herausfordernden verliehe, die sie doch so dringend benötigten. Gerade „Geschenkter Tag“, seine an „Sympathy for the Devil“ entlang arrangierte Hymne auf Freigeistigkeit und Alltagsremmidemmi, wirkt brüllend bieder. Herres sympathischer Teufel, so scheint es, ist Attac-Mitglied und kauft nur Bio-Produkte. Manches gelingt dem Stuttgarter aber auch, etwa der Reggae „Weg von hier“ oder das gut getextete „Er-sagt-sie-sagt“. Mit seinem „Baby Mama Rag“ demonstriert Herre jedoch gleich wieder, dass Humor nicht seine Stärke ist: Das hörbar charmant gemeinte Lausbubenvater-Stück klingt wie ein musikalisches Kindertragetuch.

Die Fans jedoch nehmen ihm die Rolle des sensiblen Barden und unkonventionellen Künstlers bereitwillig ab. Die Stimmung wird teilweise so dufte spontimäßig, dass sittlich weniger gefestigte Menschen geneigt sein könnten, sich zu wünschen, Herre würde gleich einen versauten Witz reißen. In „Der Teufel & Der Traum“ kommt dann noch mal das leibhaftige Böse vorbei: „Wir können wieder wegsehen / Den Teufel tun / Doch es wird sich nichts ändern / Wenn wir in Morpheus Armen ruhen.“ Herre meint es ernst. Und er meint es gut.

Weiteres Konzert: 4.12. Zürich (Moods)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thomas Brill

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