Von Sven Beckstette
23. Juli 2007 Als die Plattenfirma Sony BMG kürzlich vollmundig ihre Freude darüber verkündete, die nächste Platte von Prince zu vertreiben, konnte das Unternehmen nicht ahnen, wie aufregend diese Kollaboration tatsächlich werden würde. Zu ersten Verstimmungen kam es, als Prince die Single Guitar als Gratis-Download für einen amerikanischen Mobiltelefonanbieter freigab. Und kurz vor der offiziellen Veröffentlichung steckte das vollständige Album Planet Earth bereits als kostenlose Beigabe im britischen Boulevardblatt Mail on Sunday. Beinahe drei Millionen Exemplare gelangten so nicht nur am Handel vorbei auf den Markt, sondern unmittelbar nach Erscheinen der Ausgabe konnten alle zehn Stücke im Internet heruntergeladen werden. Zum ersten Mal hat ein Musiker dieses Kalibers ein aktuelles Album komplett verschenkt.
Eigentlich hätte die Plattenfirma wissen müssen, worauf sie sich einlässt. Nachdem Prince in den Achtzigern durch eine Reihe von grandiosen Alben mit Madonna und Michael Jackson zum Pop-Dreigestirn der Dekade aufgestiegen war, hatte er sich Mitte der neunziger Jahre wegen undurchschaubarer und bizarrer Auseinandersetzungen mit dem Hause Warner selbst ins Abseits katapultiert. Nach Vertragsstreitigkeiten verwandelte er zunächst seinen Namen in ein Piktogramm, um sich dann öffentlich als wohl reichster Sklave der Musikindustrie zu stigmatisieren. Es gelang ihm in dieser Zeit nicht, Schritt zu halten. Die besten Prince-Songs schrieben andere wie OutKast, die Neptunes oder Raphael Saadiq. Erst 2004 glückte dem inzwischen fast Fünfzigjährigen mit Musicology das künstlerisch wie kommerziell ertragreiche Comeback.
Rückkehr zu den Glanzzeiten
Während sich Planet Earth für die Musikindustrie und die britischen Plattenläden nun als ökonomisches Desaster entpuppen dürfte, erhielt der - finanziell aller Sorgen ledige - Prince durch diesen Coup so viel Aufmerksamkeit wie lange nicht. Doch darf sein Schachzug nicht lediglich als weitere Eskapade im Privatkrieg gegen die Tonträgerfirmen abgebucht werden: Dass das Werk musikalisch überzeugend ist, ist die eigentliche Nachricht.
Stilistisch kehrt Prince mit seinem insgesamt schon vierundzwanzigsten Studioalbum zu seinen Glanzzeiten zurück, als er sich mit jeder Platte von Purple Rain bis zu Lovesexy neu erfand. Dabei helfen ihm mit dem Duo Wendy Melvoin und Lisa Coleman sowie der Percussionistin Sheila Escovedo einige Mitstreiter seiner damaligen Band The Revolution. Aber auch der umtriebige Funk-Saxophonist Maceo Parker ist wieder mit von der Partie. Anklänge an aktuelle Strömungen des Hip-Hop und R&B wie Black Sweat vom Vorgänger 3121 fehlen.
Gitarrenlastig, energetisch, selbstironisch
Dafür fällt Planet Earth wieder einmal gitarrenlastiger aus, was am deutlichsten in dem selbstironischen Brachialrocker Guitar zum Ausdruck kommt. Prince versichert hier einer düpierten Dame zwar seine Zuneigung; noch lieber als mit ihr zusammen zu sein, spiele er allerdings lärmend auf seinem elektrischen Saiteninstrument. Derart überdreht und energetisch klingt das Lied dann auch. Jazzig geht es dagegen bei Somewhere Here on Earth zu. Mit seinem luftig-lockeren Arrangement und den gedämpften Trompetentönen könnte das Stück von jenen legendären Bändern stammen, die Prince einst mit Miles Davis aufgenommen haben soll. Während Chelsea Rodgers eine Prise tanzbaren Disco-Funk versprüht, liefert das bombastische Titellied Planet Earth die düster-apokalyptische Sicht des praktizierenden Zeugen Jehovas auf den Klimawandel.
Im Ganzen mag dem Album vielleicht etwas innerer Zusammenhang fehlen; es ist eher eine bunte Mischung mit Songs von gleichbleibend hoher Güte. So gelingt Prince mit dem dritten Qualitätswerk in Folge ein Hattrick, der zeigt, dass man sein künftiges Schaffen noch nicht unter die Rubrik Spätwerk einordnen sollte. Und bei den künftigen Vertriebswegen ist bestimmt ebenfalls noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Prince, Planet Earth. NPG Records/Columbia/Sony BMG 12970
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa
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