Von Edo Reents
07. Mai 2007 Wie? Jetzt wird man hier auch noch gefilzt? Die wenigen Handtaschen, welche die Damen mit sich führen - dafür sind erstaunlich viele Cat-Power-Frisuren zu sehen: lange, dunkle Haare, mit Pony -, müssen vorgezeigt werden. Personenkontrollen sind an diesem Ort, wo vernünftige Leute zusammenkommen, unüblich; aber diesmal muss es offenbar sein. Im Vorfeld hatte es geheißen, Cat Power fühle sich von einem Stalker verfolgt, ja, werde es womöglich sogar, bis hierher in den Heidelberger Karlstorbahnhof. Falls es sich dabei um einen Deutschen handelt, so war sein Erscheinen zwingend, denn es ist das einzige Deutschland-Konzert.
Sitzt er schon im Publikum? Cat Power wird später darauf zurückkommen und jemanden direkt fragen: Are you my stalker? Vielleicht handelt es sich aber auch nur um eine ihrer berühmten Übersprungshandlungen, denn diese Sängerin ist bekannt dafür, dass sie Schwierigkeiten damit hat, die Zeit zwischen zwei Liedern zu überbrücken.
Schon die Begrüßung war das Dabeisein wert
Sie ist jedenfalls das Verhaltensauffälligste, das überhaupt im Rock- und Popzirkus herumläuft, ein wahrhaft verrücktes Huhn, wie auch Martin Müller, der Programmchef des Karlstorbahnhofs, bestätigt, der vorher das Vergnügen hatte, sich mit ihr zu unterhalten. Und so war es denn auch diesmal die Frage, wie lange der Abend, den Cat Power überwiegend am Bühnenrand zubrachte, dauern würde; denn sie hört, auf dem bei ihr besonders schmalen Grat zwischen künstlerischem Anspruch und nervlicher Überlastung, durchaus schon mal nach dem zweiten Lied einfach auf. Dieses hier aber war ein absoluter Volltreffer: zwei Dutzend Songs in netto anderthalb Stunden, deren Auswahl und Interpretation außergewöhnlich geschmackvoll waren - deftiger, schleppender Soul mit einer Injektion knarzigen Rocks. Damit dürfte ihre Entwicklung von der Kassandra des Independent-Folk, als die sie vor einem Jahrzehnt irritiert willkommen geheißen wurde, hin zu einer der First Soul-Ladies bis auf Weiteres abgeschlossen sein.
Schon die Begrüßung war das Dabeisein wert: Hello, hauchte sie nahe an der Grenze zur Parodie weiblicher Anmache mit einem Timbre, das dann schon jenseits des Verführerischen lag. Erst dann merkte man, dass sich ihre Imitatorinnen im Publikum die Mühe hätten sparen können: Cat Powers Frisur hing nicht mehr fransig vor der Stirn, das Haar war vielmehr jelinekhaft nach hinten gekämmt und dort zusammengebunden. (Weitere Ähnlichkeiten zwischen den beiden nicht ausgeschlossen.)
Otis Redding im Sitzen
Die Mischung machte es, dargeboten in einem sehr homogenen, einige meinten zu Unrecht: eintönigen Sound. Wunderbare Eigenkompositionen - hauptsächlich von ihrer jüngsten, hochgerühmten Platte The Greatest wie The Moon, Living Proof, Could We und der unschlagbare Titelsong -, welche die ganze Schwere des amerikanischen Südens transportieren, aus dem sie stammt, wechselten ab mit erlesenen Coverversionen, von denen (I Can't Get No) Satisfaction natürlich das unoriginellste war. Doch selbst an diesem abgegriffenen Stones-Song, den sie auf ihrer höchst interessanten Platte The Covers Record (2000) wie ein Schlaflied hinhaucht, bewies sie ihr Können: Wo ihr Soul-Onkel Otis Redding sich einst an einer quengeligen, wenig vorteilhaften Version davon abgemüht hatte, presste sie dem Song alle höhnische Aufsässigkeit ab, die immer noch in ihm steckt.
Und als wäre das nicht genug, als wollte diese verhuschte, spillerige Person sagen: Was Otis Redding kann, kann ich schon lange, griff sie sich auch noch dessen Kostbarstes, bisher Unübertroffenes: I've Been Loving You Too Long. Dieser vierzig Jahre alte Song, Inbegriff der leidvollen Ballade, klang nun plötzlich, als hätte es außer den Studio- und Livefassungen von Big O. noch keine andere gegeben. Man soll der Hautfarbe nicht so viel Bedeutung beimessen; aber es gibt wohl kaum eine andere weiße Sängerin, die den Song so adäquat interpretiert wie Cat Power. Dabei tat sie dies sitzend! Normalerweise könnte man diesen lümmelhaften Umgang mit einem Heiligtum des introspektiven Soul nicht gutheißen - der Fünfunddreißigjährigen muss man es auf die Rechnung einer Hippie-Patchwork-Familien-Kindheit setzen, für die der lady- beziehungsweise gentlemanhafte Vortrag, wie er aus den sechziger Jahren überliefert ist, nicht mehr opportun ist.
Ihr steckt der Big-Band-Sound noch in den Knochen
Und es gab weitere Spitzentitel des amerikanischen Rock und Soul: Silver Stallion aus der Feder des heute leider vergessenen Country-Outlaws Lee Clayton und The Dark End of the Street, ein Standard des countryfizierten Soul, den schon Percy Sledge gesungen hat, der aber auch im weißen Lager kompetente Interpreten gefunden hat, wie der blutjunge Andrew Strong in dem Film The Commitments bewiesen hat. Auch damit wurde Cat Power spielend fertig.
Wenn wir sagten, der Abend sei ein Volltreffer gewesen, dann lag das aber auch an der Band. Gerade ein Soulprogramm wie dieses lebt von Mitspielern, die sich, ohne mit Soloausflügen lästig zu fallen, in den Dienst der Sache stellen und eine feste rhythmische Grundlage bilden. Solche hatte Cat Power an ihrer Seite: Erik Paparazzi am Bass, Greg Foreman an den Keyboards, Judah Bauer an der Gitarre und Jim White am Schlagzeug.
Vermutlich steckte dieser Rumpfbesetzung noch der Big-Band-Sound in den Knochen, mit dem Cat Power im vergangenen Jahr die Säle beschallt hatte; aber auch ohne die vielen Bläser sorgten die vier für einen dickflüssigen, sehr präzisen Klang, der eine sicherlich beabsichtigte Nähe zur alten Memphis-Hausband Booker T. & The MGs hatte und mit dem Cat Powers Feinnervigkeit seltsam kontrastierte. Erst die Ruhe und Sicherheit dieser Combo boten das Fundament, auf dem sich eine außergewöhnliche Musikerin in all ihrer Ausgeflipptheit ausleben konnte - die dieses Mal noch vergleichsweise gezügelt war.
Text: F.A.Z., 07.05.2007, Nr. 105 / Seite 36
Bildmaterial: Beggars Group
